VfB Stuttgart beim FC St. Pauli Nick Woltmade – von der tragischen Figur zum Matchwinner

Im Parallelflug zu drei Punkten auf St. Pauli: Torschütze Nick Woltemade (re.) freut sich wie der Teamkollege Deniz Undav über den 1:0-Erfolg im hohen Norden. Foto: Baumann

Dem verschossenen Elfmeter folgte kurz vor Schluss die Erlösung in Form des goldenen Tores zum 1:0 auf St. Pauli. „Mir ist ein Riesending vom Herzen gefallen“, sagte der erleichterte Nick Woltemade.

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Die Rolle, die in der Vorsaison vom federleicht, trickreich und treffsicher aufspielenden Deniz Undav besetzt wurde, sie fällt in dieser Runde Nick Woltemade zu. Denn der 23-Jährige setzt beim VfB inzwischen immer öfter die entscheidenden Akzente. Woltemade dreht mit seinen Solos groß auf, er besitzt die nötige Treffsicherheit, dazu einen unkonventionellen, recht eigenen Spielstil – und ist damit aus Stuttgarter Sicht schon jetzt die Entdeckung der Saison.

 

Während der 90 Minuten am Hamburger Millerntor auf St. Pauli ging es in Woltemades Fußballwelt allerdings zu wie bei den ohne jeden ersichtlichen Masterplan auf seinen Unterarmen aufgetragenen Tattoos: Es galt das Chaos zu beherrschen, was dem Stürmer, der zunächst einen Elfmeter verschoss (60.), ehe er doch noch das goldene Tor des Nachmittags zum 1:0-Auswärtssieg beisteuerte (88.), letztlich auch gelang.

„Es war mal wieder eine Situation, die ich so in meiner Karriere noch nicht hatte, denn ich hatte bisher noch keinen Elfmeter verschossen“, sagte Woltemade, der für den VfB zuvor zweimal in dieser Saison vom Punkt getroffen hatte: „Im Spiel hat es mich schon enorm gewurmt, dass ich das Ding nicht reinmache. Am Ende war es nicht nur ein Brocken, es war ein Riesending, das mir da vom Herzen gefallen ist – und ich habe wieder ein neues Gefühl dazu gelernt.“

Zu oft hatte sich der VfB in den vergangenen Spielen ja nicht für seine Leistung belohnt. „Das kann jetzt nicht sein, dass wir wegen mir dieses Spiel nicht gewinnen“, sagte Woltemade, der auf schöne Vorarbeit von Ermedin Demirovic doch noch sein 14. Pflichtspieltor der Saison, davon zehn in der Bundesliga, zum erlösenden Dreier beim FC St. Pauli folgen ließ. Sein Sturmpartner hatte den Ball gedankenschnell zentral in Richtung des Elfmeterpunktes zurückgelegt – und der zuvor nach seinem Fehlschuss leicht verzweifelte Woltemade („Der Torwart lag ja schon im rechten Eck – und ich schieße genau dahin!“) war schon wieder zu Scherzen aufgelegt: „Am Ende habe ich ja doch noch aus elf Metern getroffen.“

Das machte auch den Sportvorstand Fabian Wohlgemuth froh: „Zuletzt hat uns immer ein kleines Stück zum Glück gefehlt. Diesmal war es ein Sieg der Beharrlichkeit – auch wenn wir an der Chancenverwertung arbeiten müssen, gerade mit Blick auf das Pokalfinale.“

Dass der VfB zuletzt als Meister der Ineffizienz vor des Gegners Tor in Erscheinung getreten ist, was vor dem letzten Heimspiel der Saison am Samstag gegen den FC Augsburg zum Negativ-Vereinsrekord von sechs Niederlagen in Serie vor eigenem Publikum führte, dass ist natürlich auch Trainer Sebastian Hoeneß nicht verborgen geblieben. „Es ist einfach unglaublich“, gab der Coach nach dem verschossenen Woltemade-Elfer auf St. Pauli Einblicke in seine Gedankenwelt: „Aber wichtig war, dass wir ruhig geblieben sind.“

Serhou Guirassy fehlt als sicherer Schütze

Ganz neu sind verschossene Elfmeter für den VfB in dieser Spielzeit ja ohnehin nicht. Was auch mit dem Abgang des Stürmers Serhou Guirassy zu tun hat, der in der Vorsaison eine sichere Bank war, in dem er alle vier Elfmeter verwandelte. Allein Atakan Karazor besitzt nun in dieser Runde eine hundertprozentige Quote vom Punkt, weil er in der ersten Pokalrunde bei Preußen Münster zum 5:0-Endstand traf. Woltemade liegt bei zwei Treffern bei drei Versuchen, während Ermedin Demirovic bei zwei Versuchen in der Bundesliga gegen Frankfurt und Hoffenheim sowie Enzo Millot in der Bundesliga in Wolfsburg sowie in der Champions League bei Juventus Turin scheiterten – und auf der Gegenseite noch keinen erfolgreichen Versuch stehen haben.

Der VfB hat also keine Elfmeter-Monster in seinen Reihen – dafür einen weiter erfrischend unbekümmert aufspielenden Nick Woltemade, der sich nach zuletzt nur einem Sieg in den vergangenen zehn Bundesligaspielen wie die Kollegen über den Last-Minute-Dreier an der Elbe freute – und auch wenn dieser den Verein rein mathematisch nicht weiterbringt. Der VfB hat nun 44 Punkte, das reicht über die Liga nicht für Europa, wo es nach der Augsburg-Heimpartie am letzten Saison-Spieltag zu RB Leipzig geht, ehe am 24. Mai der große Showdown mit dem Pokalfinale in Berlin gegen Arminia Bielefeld ansteht.

„Wir wollen uns bis dahin in die beste Form bringen, in der wir sein können“, sagte der spät berufene Matchwinner Nick Woltemade: „Und Siege bringen dafür den größten Push.“

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