VfB Stuttgart Tage der Entscheidung – die neue Lage im Woltemade-Poker

Nick Woltemade bestimmt die Schlagzeilen dieses Sommers. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Durch die VfB-Deadline ist eine neue Dynamik in die Diskussion um Nick Woltemade gekommen. Was für einen Verbleib spricht – und was für ein weiteres Angebot der Bayern.

Sport: David Scheu (dsc)

Ein besseres Testspiel? Ohne große Brisanz? Dass diese Überschriften das Duell zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Bayern um den Supercup am Samstag (20.30 Uhr) nicht adäquat beschreiben, steht schon seit Wochen außer Frage. Denn wie auch immer man zum sportlichen Stellenwert des ersten Titels der Saison steht: Die besondere Note der Partie durch das Münchner Interesse am Stuttgarter Stürmer ist völlig unstrittig, in jeder Aussage zu greifen, allgegenwärtig. Mittlerweile hat das Aufeinandertreffen in der MHP-Arena sogar eine weitere Zuspitzung erhalten – als Fix- und Endpunkt des Transferpokers.

 

Bis zum Anpfiff nämlich, betonte Vorstandschef Alexander Wehrle im Gespräch mit unserer Redaktion im „PubCannstatt“, soll das Thema endgültig vom Tisch sein. In die eine oder die andere Richtung. Fast sieben Wochen seien seit dem Bekanntwerden des Interesses mittlerweile vergangen, so Wehrle: „Dann müsste man auch in der Lage sein, wenn man den Spieler unbedingt verpflichten möchte, eine Lösung zu erzielen. Wir spielen am Samstag Supercup. Bis spätestens zum Anpfiff sollte auch alles geklärt sein.“

Zwei Angebote aus München sind in diesem Sommer in Bad Cannstatt eingegangen, zu Gesprächen haben sie nicht geführt. Auch die jüngste Offerte über 50 Millionen Euro zuzüglich fünf Million Boni fiel aus Sicht der Stuttgarter Verantwortlichen nicht in die Kategorie des Außergewöhnlichen, bei der man sich an den Verhandlungstisch setzen will. Bei 65 Millionen Euro soll die Grenze des VfB hierfür liegen. Diese Zahlen bestätigt Wehrle nicht – sehr wohl aber, dass ein außergewöhnliches Angebot nach dem Supercup-Anpfiff keine Rolle mehr spiele: „Genau richtig.“ Dann nämlich konzentriere er sich auf das Spiel gegen die Bayern, dann auf den Auftakt in der Bundesliga, dann auf den DFB-Pokal – jedenfalls nicht mehr auf einen Woltemade-Transfer: „Es ist jetzt eine Strecke von sechseinhalb Wochen, irgendwann ist es auch mal gut.“

VfB-Vorstandschef Alexander Wehrle (Mitte) im „PubCannstatt“ unserer Redaktion in der Alten Schule in Stuttgart-Gablenberg – im Gespräch mit den Redakteuren Philipp Maisel (links) und Dirk Preiß (rechts) Foto: Baumann

Die öffentlich gesetzte Frist ist dabei zweifelsohne Ausdruck einer breiten Brust, die auf den jüngsten sportlichen Erfolgen und der damit einhergehenden finanziellen Konsolidierung fußt – sowie natürlich auf der komfortablen vertraglichen Situation. Woltemades Arbeitspapier läuft bis 2028 und enthält keine Ausstiegsklausel, weshalb die Stuttgarter auch im kommenden Sommer noch eine stattliche Ablöse erhalten können. Verkaufsdruck sieht also anders aus. Zugleich ist die Türe durch Wehrles Aussagen natürlich einen Spalt weit offen, versehen mit einem hohen Zeitdruck. Auch das hat Gründe.

„Nick Woltemade ist ein intelligenter junger Mann“

Dass der VfB die Sache zwei Wochen vor dem Ende der Transferperiode am 1. September final abschließen möchte, liegt auf der Hand. Denn sollte Woltemade den Verein tatsächlich noch verlassen, würde die Suche nach einem Ersatz ganz oben auf der Agenda stehen – und aufgrund der Dimensionen entsprechend Zeit beanspruchen, zumal ein praller Geldbeutel die Ablöseforderungen anderer Clubs erfahrungsgemäß nach oben treibt. Auch im vergangenen Sommer konnte die Ausstiegsklausel von Stürmer Serhou Guirassy deshalb nur bis zwei Wochen vor Ende des Transferfensters aktiviert werden. Borussia Dortmund tat das rechtzeitig, der VfB investierte das Geld in Ermedin Demirovic.

Auf personelle Wechsel im Sturmzentrum in diesem Jahr könnte man in Stuttgart derweil gut verzichten. „Wir haben klar kommuniziert“, sagt Wehrle, „dass wir nicht in Verhandlungen eintreten wollen. Wir wollen Nick nicht abgeben.“ Man pokere nicht, man wolle den Preis nicht hochtreiben, sondern schlicht den Spieler halten. Dass die Nebengeräusche des Sommers dabei dauerhaft nachhallen könnten, glaubt der Vorstandschef nicht. Woltemade präsentiere sich fokussiert und engagiert, sei innerhalb des Teams voll integriert und akzeptiert – und habe nach den bisherigen Eindrücken auch von den Anhängern nichts zu befürchten: „Die haben schon ein ganz sensibles Gespür dafür, ob ein Spieler sich voll reinhaut. Ich persönlich mache mir da keine Gedanken und zähle da auch auf unsere Fans.“

Dass das Interesse des Rekordmeisters Woltemade beschäftigt, ist für Wehrle derweil nur logisch: „Das muss auch jeder verstehen. Da ist es doch nur menschlich, sich Gedanken zu machen. Das finde ich überhaupt nicht verwerflich.“ Entscheidend sei vielmehr die Reaktion und der Umgang mit der Situation: „Nick Woltemade hat nicht wie andere Spieler gesagt: Ich trete jetzt in den Generalstreik. Das würde auch gar nicht zu ihm passen. Er ist ein intelligenter junger Mann, der weiß, dass er mit uns auch eine sehr gute Saison spielen kann.“

Neue Konstellation durch den Transfer von Kingsley Coman?

Die Sachlage ändern könnte einzig eine neue Offerte aus München. Aber kommt die? Zwar hatte Bayern-Sportvorstand Max Eberl unlängst betont, das Thema sei vom Tisch, da der VfB keine Gesprächsbereitschaft signalisiert habe. Zugleich könnte der bevorstehende Wechsel von Kingsley Coman nach Saudi-Arabien zu Al-Nassr die Konstellation ändern. Zum einen, weil mit der kolportierten Ablöse von rund 30 Millionen Euro andere Spielräume vorhanden wären. Zum anderen, weil ein Abgang eines solchen Spielers den Handlungsbedarf erhöht: Mit 45 Pflichtspielen und neun Toren (die Club-WM eingeschlossen) spielte Coman in der Vorsaison eine relevante Rolle bei den Münchnern.

Nun ist Woltemade kein Flügelstürmer wie Coman, aber eben doch ein flexibel einsetzbarer Offensivspieler, für den nun womöglich die eine oder andere Million mehr vorhanden ist. Das sieht auch Lothar Matthäus so. „Wenn man Coman abgibt, wären Einnahmen da, die ganz sicher genutzt werden, um Spieler zu holen, die man gerne in München sehen würde“, schreibt der Rekordnationalspieler bei „Sky“ – und ergänzt mit Blick auf die Verpflichtung von Außenstürmer Luis Diaz (28) vom FC Liverpool: „Wenn man für den einen Spieler 75 Millionen ausgibt, kann man für den anderen, der fünf Jahre jünger und deutscher Nationalspieler ist, ähnlich viel ausgeben.“ Ob die Bayern das im Fall Woltemade tun? Die nächsten Tage werden Klarheit bringen.

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