Von ihrem Schlaganfall hat sich Gabriele Malec so gut erholt, dass sie wieder walken kann. Foto: Roberto Bulgrin
Nach einem Schlaganfall wacht die Esslingerin Gabriele Malec auf der Intensivstation auf und ist halbseitig gelähmt. Es ist der Bruch ihres alten Lebens. Vor allem Bluthochdruck stellt ein hohes Risiko dar, warnt die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.
Petra Pauli
08.05.2025 - 18:00 Uhr
Es war der erste Urlaubstag, zu Hause warteten die gepackten Koffer. Wie so oft wollte Gabriele Malec zum Wandern in ihr geliebtes Allgäu fahren. Doch dazu kam es nicht. Am 24. August 2018 erlitt sie einen Schlaganfall. Da ist sie 61 Jahre alt. Schon am Morgen fühlt sie sich unwohl, schiebt es aber auf die große Hitze. Mit ihrer betagten Mutter macht sie Besorgungen, dann geht sie allein zum Friedhof in Hegensberg, wo Vater und Tochter begraben liegen. Ihr ist schwindelig, der Kopf schmerzt.
Notruf rettet ihr Leben
Als sie mit dem Auto losfahren will, geht nichts mehr. „Ich konnte nichts mehr koordinieren“, erinnert sich die Esslingerin. Um frische Luft zu schnappen, öffnet sie die Fahrertür – und fällt aus dem Auto. Dem Gartenbesitzer, der sie wenig später findet, ist sie bis heute dankbar. Ihm kann Gabriele Malec noch den Straßennamen sagen. Er ruft den Notarzt und rettet ihr damit wahrscheinlich das Leben. Dann ist sie weg und wacht erst wieder auf der Intensivstation des Klinikums Esslingen auf, das über eine Schlaganfall-Spezialstation, eine sogenannte Stroke Unit, verfügt.
Diagnose Hirnblutung – Die linke Körperhälfte ist anfangs gelähmt
Die Diagnose ist niederschmetternd. Sie hat eine Hirnblutung, die wegen der ungünstigen Lage nicht operiert werden kann, und ist links halbseitig gelähmt. „Es ist, als ob Hand und Arm nicht mehr zu mir gehören. Das ist ein schreckliches Gefühl“, beschreibt Gabriele Malec ihren Zustand. Auch das Laufen geht nicht mehr, Kiefer und Mund sind durch die Lähmung verschoben. Erst später erzählen ihr Freunde, die sie am Krankenbett besuchen, dass ihr Gesicht kaum wiederzuerkennen gewesen sei.
Gabriele Malec ist mit ihrer Krankheit nicht allein. Jährlich erleiden nach Zahlen der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe etwa 270 000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Er ist die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter. Jedes Jahr am 10. Mai veranstaltet die Stiftung deshalb einen bundesweiten Aktionstag, bei dem vor allem vor Bluthochdruck gewarnt wird. Er erhöhe das Risiko für einen Schlaganfall um das Fünffache. „Auch jüngere und scheinbar gesunde Menschen sollten ihren Blutdruck im Blick haben und von Zeit zu Zeit messen lassen“, rät Antonia Valentin, Präventionsexpertin der Stiftung.
Bluthochdruck gilt als wesentlicher Risikofaktor für einen Schlaganfall. Foto: dpa
Gabriele Malec hat Bluthochdruck und nahm schon vor dem Schlaganfall Medikamente dagegen. Aber sie war schon immer sportlich und kaum krank. Aus ihren beiden Reha-Aufenthalten weiß sie, dass ein Schlaganfall auch jene treffen kann, die schlank und durchtrainiert sind und nicht ins Schema passen. Sie führt das auf den zunehmenden Stress zurück – auch der erhöht das Schlaganfallrisiko. „In der Gesellschaft muss sich etwas ändern, alles wird hektischer, aggressiver“, findet die lebenslustige Esslingerin. Auch sie selbst habe sich als alleinerziehende Mutter, die kaum jemandem einen Wunsch abschlagen konnte, offenbar jahrelang übernommen. „Der Schlaganfall war für mich ein Weckruf“, sagt die 67-Jährige. So hat sie gelernt, besser auf sich zu achten und sei noch dankbarer für die schönen Momente im Alltag geworden. Zum Beispiel für den inzwischen verstorbenen Nachbarskater, der sich auf wundersame Weise auf der Terrasse immer wieder gezielt auf ihren kranken Arm legte. Nach und nach wurden ihre Finger wieder so beweglich, dass sie ihn kraulen konnte.
Der Austausch mit der Selbsthilfegruppe Schlaganfall gibt Halt
Ihre Krankheitsgeschichte sieht man Gabriele Malec nicht mehr an. Sie wirkt wie das blühende Leben, auch wenn sie häufiger müde ist, laute Musik und Hitze nicht mehr so gut verträgt und der Arm oft schmerzt. Sie geht regelmäßig walken, hat einen großen Freundeskreis und arbeitet Teilzeit als medizinische Fachangestellte in einer Esslinger Allgemeinarztpraxis. Wichtig ist ihr zudem der Austausch bei den monatlichen Treffen der Esslinger Selbsthilfegruppe Schlaganfall und Aphasie. Hier erfährt sie auch, dass sie vergleichsweise noch Glück hatte und andere mit größeren Einschränkungen weiterleben, etwa wenn das Sprachzentrum des Gehirns betroffen ist.
Unterstützung beim Kampf zurück ins Leben
Es habe viel Kraft gekostet, sich zurück ins Leben zu kämpfen, sagt Gabriele Malec, die immer noch in Behandlung ist. Die Angst, in ein Heim zu müssen, hat sie erst mit dem Rollator, dann mit Gehstöcken trainieren lassen. Hinzu kamen Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und neuropsychologische Therapie. Ohne ihre Familie, ihren Sohn, Freunde und Nachbarn hätte sie es nicht geschafft. „Man braucht ein soziales Umfeld, das einem Mut macht“, sagt die 67-Jährige, die inzwischen sogar wieder kleine Wanderungen machen kann.
Gefährlicher Bluthochdruck
Risikofaktoren Der Tag gegen den Schlaganfall wurde 1999 in Deutschland von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ins Leben gerufen. Bundesweit finden am 10. Mai Informationsveranstaltungen und Aktionen statt. Ziel ist es, die Menschen für die Risikofaktoren eines Schlaganfalls zu sensibilisieren. Dazu gehören vor allem Bluthochdruck, aber auch Stress, Diabetes mellitus und Rauchen. Ein Schlaganfall ist eine plötzlich auftretende Durchblutungsstörung des Gehirns. Schlaganfall wird als Oberbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Erkrankungen verwendet.
Selbsthilfegruppen Mit Esslingen, Kirchheim, Wendlingen und Nürtingen gibt es im Kreis Esslingen mehrere Selbsthilfegruppen, die sich auf Schlaganfall-Patienten spezialisiert haben. Der Austausch der Betroffenen untereinander spielt eine wichtige Rolle in der Nachsorge nach einem Schlaganfall. Selbsthilfegruppen sollen helfen, die Krankheit besser zu verstehen und mit ihr umzugehen.