Die Sanierung des Littmann-Baus dauert deutlich länger als geplant. Das führt zu Diskussionen. Foto: imago//Arnulf Hettrich
Der Steuerzahlerbund ist dafür, bei der Sanierung der Stuttgarter Oper die Reißleine zu ziehen. Die Architektenkammer schlägt vor, die Pläne für den Littmann-Bau abzuspecken. Bezüglich der geplanten Kreuzbühne sind sich beide in ihrem Votum einig.
Jörg Nauke
14.11.2024 - 12:26 Uhr
Der aus Vertretern von Land und Stadt Stuttgart bestehende Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater (WST) wird am Montag über die Verzögerung von vier Jahren beim Bau der Interimsoper im neuen Stadtteil Rosenstein informiert (unsere Zeitung berichtete) und über mögliche Gegenmaßnahmen beraten. Die Zeitverzögerung – mit der Einweihung des sanierten Littmann-Baus ist nicht vor 2043 zu rechnen – und die damit verbundene Kostensteigerung über die veranschlagte eine Milliarde Euro hinaus in unbekannter Höhe haben nun eine Debatte über Sinn und Umfang des Projekts entfacht.
Umfangreiche Arbeiten an drei Standorten
Das aus drei Gebäuden bestehende Ensemble, wovon zwei nach der auf zehn Jahre geplanten Zwischennutzung als Spielstätte für Oper und Ballett stehen bleiben sollen, dürfte nicht vor Ende 2032 für den Umzug bereit stehen. Bekanntlich wurde 2021 „im Grundsatz“ beschlossen, den Littmann-Bau im Oberen Schlossgarten zu sanieren sowie das angrenzende Kulissengebäude abzureißen und neu zu bauen. Dritter Baustein ist ein Anbau an das Kulissenlager auf dem Cannstatter Zuckerfabrikareal.
Architekten sorgen sich um das Projekt
Die fünf Stuttgarter Kammergruppen der Architektenkammer Baden-Württemberg haben sich deshalb zur Wort gemeldet: Die Sanierung des Littmann-Baus und die Neuordnung des Theaterquartiers entlang der Konrad-Adenauer-Straße seien unumgänglich und dürften nicht weiter auf die lange Bank geschoben werden. In einer Stellungnahme betonen sie, dass der Planungsverzug und die Mehrkosten das Projekt „im Verteilungskampf um knapper werdende öffentliche Mittel ernsthaft gefährden“ könnten. Aber nichts wäre schädlicher, „als in dieser Situation die Grundsatzdebatten der Vergangenheit noch einmal zu führen“. Zahlen zu den Gesamtkosten, die 2019 auf etwa eine Milliarde Euro inklusive eines Puffers von 60 Prozent geschätzt wurden, seien beim aktuellen Projektstand reine Spekulation.
Den Grundsatzbeschluss verteidigen sie: „Es wäre fatal, wenn dieses wichtige Bauvorhaben weiter hinausgezögert oder gar noch scheitern würde.“ Während sie den Bau der Interimsspielstätte als sinnvollen Einstieg in die „Maker City“ nicht in Frage stellen, fordern sie, die Planungen zum Theaterquartier am Schlossgarten „entsprechend dem heutigen Diskussions- und Wissensstand“ weiterzuentwickeln. Die Planungsgrundlage sei mittlerweile zehn Jahre alt. Seit damals habe ein Paradigmenwechsel in allen Bereichen des Planens und Bauens eingesetzt – ein sparsamer Umgang mit Ressourcen, die Nutzung vorhandener Bausubstanz und einfaches Bauen würden immer wichtiger.
Keine „Luxusgastronomie“ im Littmannbau
Dafür legen sie die Axt an die Planung für die Gebäude im Schlossgarten. Der Littmann-Bau soll zwar als zentrale Spielstätte für Oper und Ballett erhalten, das Raumprogramm aber auf das Notwendigste beschränkt werden. Die geplante Kreuzbühne, auf 30 Millionen Euro Kosten geschätzt, wird zur Disposition gestellt. Denn keines der großen historischen Opernhäuser der Welt habe eine. Hinterfragt werden sollen auch die vorgesehenen technischen Standards sowie der Umfang und die Wirtschaftlichkeit der für Gastronomie vorgesehene Flächen, denn: „Luxusgastronomie ist nicht Aufgabe der öffentlichen Hand.“ Der Pausenpavillon von Gottfried Böhm soll erhalten werden.
Der Entwurf für die Interimsoper an den Wagenhallen in Stuttgart Foto: a+r Architekten / NL architects
Die Architektenkammer hält mit dem Verweis auf die „graue Energie“ den Erhalt der Betriebs- und Kulissengebäude statt Abriss für überlegenswert. Die zur Konrad-Adenauer-Straße vorgelagerte Fläche biete Platz für einen lang gestreckten Erweiterungsbau. Außerdem sollte die Option einer zusätzlichen Spielstätte für experimentelle Theaterformate am Gebhard-Müller-Platz geprüft werden, denn „diese wäre für die Zukunft eines vielfältigen Musiktheaters wahrscheinlich wertvoller als eine Kreuzbühne, die dort nur den Wechsel zwischen ähnlichen Aufführungsformaten erleichtern würde“. Gefordert wird ein kurzfristig zu organisierendes Workshopverfahren und ein qualifizierter Realisierungswettbewerb.
Noch Zeit, die Reißleine zu ziehen
Auch der Bund der Steuerzahler Baden-Württemberg fordert, „die Planungen für die Sanierung noch einmal komplett und ergebnisoffen neu aufzunehmen“. Das zu Alternativen befragte Bürgerforum habe sein Votum offenkundig unter einem unrealistischen Kostenrahmen formuliert, sagt der Vorsitzende Eike Möller. Noch sei es Zeit, die Reißleine zu ziehen. Auch er hält die Kreuzbühne für entbehrlich. Mit Verweis auf die im Stuttgarter Gemeinderat diskutierten Pläne für ein Konzerthaus fordert er eine Verzahnung der Projekte, um auf die Interimsspielstätte an den Wagenhallen zu verzichten.
Die Linke-SÖS für Dauerlösung im Rosensteinviertel
Davon hält wiederum die Fraktionsgemeinschaft Die Linke-SÖS im Gemeinderat, die von Anfang an für eine Sanierung mit Augenmaß plädierte und den Grundsatzbeschluss ablehnte, nichts. Sie fordert aber ebenfalls einen „Neustart“. Der Fraktionsvorsitzende Hannes Rockenbauch und die kulturpolitische Sprecherin, Guntrun Müller-Enßlin, sagen, nun räche es sich, dass allzu früh Alternativen aussortiert worden seien. Müller-Enßlin, Mitglied im Verwaltungsrat, betont, jahrelang seien in den Sitzungen ihre Bedenken ignoriert worden. Man habe vielmehr ihre Fraktion, die sich stets für eine auskömmliche Finanzierung von strukturell unterfinanzierten Einrichtungen stark mache, als Kulturverweigerin diskreditiert.
Rockenbauch und Müller-Enßlin sind der Auffassung, ein Drei-Sparten-Haus – Oper, Ballett und Schauspiel – mit den geplanten Neubauten für Büros und Kulissen am Oberen Schlossgarten sei weder finanzierbar noch städtebaulich verträglich. Das geplante Kulissengebäude würde den Betrieb des Gymnasiums Königin-Katharina-Stift „massiv einschränken und als riesiger Klotz das Stadtbild stören“.
Schulstandort steht nicht zur Debatte
Daher solle das als Interim für zehn Jahre geplante Gebäude neben den Wagenhallen am Nordbahnhof dauerhaft bespielt werden. Der dort geplante Wohnungsbau müsse aufgegeben werden. Den Littmann-Bau könne man dann in reduziertem Umfang in aller Ruhe sanieren. Dort könne das Ballett verbleiben. Es sei aber auch eine andere kulturelle oder soziale Nutzung denkbar. Klar sei für die Fraktionsgemeinschaft, dass der Schulstandort nicht zur Disposition stehe.
SPD fragt Regierung nach Alternativen
Den Auftakt für die Diskussion hat die SPD-Landtagsfraktion gemacht. Sie fragte angesichts der Verzögerung des bisher auf 15 Jahre geplanten gesamten Projekts die grün-schwarze Landesregierung, ob sie bereit sei, das Vorhaben mit der Stadt Stuttgart zu stoppen und Alternativen zu prüfen. Die verspätete Inbetriebnahme Mitte der 40er Jahre statt zum Ende der 30er Jahre sei inakzeptabel und zeuge von keiner professionellen Herangehensweise an das Projekt, heißt es in einem Antrag.
Planung und Nachnutzung der Interimsoper im neuen Rosensteinviertel
Standort Das Quartier um die Wagenhallen ist schon ein Ort für Kunst, Kultur und Miteinander. Es soll zum Stadtquartier Maker City entwickelt werden – einem Pilotprojekt für Kulturproduktion, Wohnen und Arbeiten. Eine Lösung im Paketpostamt war verworfen worden. Später stehen die Gebäude mit Ausnahme des 30 Meter hohen Bühnenturms und des Zuschauerraumes mit 1200 Plätzen der Maker City zur Verfügung.
Umbau Der Interimsopernbetrieb erfordert Produktions- und Proberäume, Lager sowie Räume für Verwaltung und Technische Dienste. Nach dem Auszug stehen die Flächen für das Projekt „Pioniere urbaner Produktion“ zur Verfügung. Die im Projekt „Pioniere urbaner Produktion“ geplanten Wohnflächen werden zu Beginn der Opernnutzung in den oberen Geschossen umgesetzt– im Sinne einer „produktiven Stadt an der Schnittstelle zwischen Kulturproduktion, Wohnen und Arbeiten“.