Saison-Abschied in der Bärenhöhle: Die Volleyballerinnen des TSV Flacht feiern den Sieg über Borken mit ihren Fans. Foto: Andreas Gorr
Noch ein Spiel, dann ist die Premieren-Saison der Binder Blaubären TSV Flacht in der Bundesliga zu Ende – Zeit, eine kleine Plus-Minus-Bilanz zu ziehen.
Die Binder Blaubären TSV Flacht stehen vor einer Aufgabe wie ein Mathematiker, der eines der sieben Millenniums-Probleme lösen möchte: Der Bundesliga-Neuling würde die Saison gerne als bester Aufsteiger beenden – doch um den inoffiziellen Titel für sich zu beanspruchen, müssen die Blaubären an diesem Samstag (18 Uhr) beim Dresdner SC zu Bestien mutieren und sportlich über sich hinauswachsen.
In Volleyball-Arithmetik ausgedrückt: Der TSV braucht noch einen Punkt, muss also mindestens zwei Sätze gewinnen, um die punktgleichen, aber im Satzverhältnis besseren Skurios Volleys Borken hinter sich zu lassen. Manuel Hartmann kennt sowohl diese Rechnung als auch den Gegner Dresdner SC und weiß, dass dieses Vorhaben fast so kühn ist, wie in den 1960er Jahren Menschen zum Mond zu schicken.
Saisonfinale beim Dresdner SC
„Wir haben zuletzt beim Sieg über Borken eine wirklich starke Leistung geboten“, sagt der Coach, „aber es wäre vermessen, wenn wir uns in Dresden Punkte ausrechnen würden. Wir werden dort alles aufbieten, was wir in dieser Saison gelernt haben.“ Die Blaubären haben im Oberhaus eine unbekannte Etage betreten – und man kann schon vor dem letzten Saisonspiel in Sachsen eine Bilanz ziehen. Wo hat der TSV Flacht überzeugt, was lief besser, was schlechter als erwartet – in sportlicher wie in wirtschaftlicher Hinsicht.
Im Laufe der Saison hielten die Blaubären den Ball immer länger im Spiel: Hanna Kögler, Leonie Büdenbender und Sara Marjanovic (v. li.) Foto: Andreas GorrResilienz: In der Vorrunde waren die Partien häufig im Schnelldurchgang beendet, nach rund einer Stunde stand das 0:3 fest. In diesem Jahr dauerten die Partien im Schnitt länger, was die Statistik belegt. Bis Dezember gab es lediglich ein Spiel des TSV, in dem mehr als 130 Bälle gespielt wurden. In der Rückrunde wurden in den meisten Matches zwischen 180 und 200 Ballwechsel pro Partie absolviert. „Wir konnten uns besser wehren“, betont Hartmann, „die Effizienzwerte sind gestiegen.“ Beim Blocken standen die Blaubären häufig wie eine Wand: Roxana Vogel (hi. li.) und Lizzy Lobzhanidse (hi. re.) Foto: Andreas GorrBlock: In der Abwehr im Block waren die Blaubären von Beginn an gut, und sie haben sich gesteigert. „Es gab nur wenige Spiele“, berichtet der Coach, „in denen wir weniger Blockpunkte erzielt haben als unsere Gegner.“ Beste Blockerin war Lizzy Lobzhanidze (37 Punkte) vor Britta Schammer (34) und Frauke Neuhaus (24). „Vor allem Lizzy hat sich im Lauf der Rückrunde enorm gesteigert“, sagt Hartmann. Die Georgierin wurde einmal zur MVP gekürt. In der Abwehr haben die Blaubären große Fortschritte im Vergleich zum Saisonstart verzeichnet: Leonie Büdenbender (re.) und Franka van der Veer (hi.) Foto: Andreas GorrAbwehr: Anfangs hatten die Blaubären in der Bundesliga Probleme mit dem gegnerischen Angriff wie ein junger Boxer im Ring. „Wir kannten diese Härte im Angriff nicht“, erzählt der TSV-Chefcoach, „und die Geschwindigkeit der Bälle setzte uns zu.“ Mittlerweile hat sich die Abwehr gesteigert, die technische Kontrolle hat sich verbessert. Hartmann nennt den Grund: „In der Hinrunde mussten wir zu oft nachdenken, wie zu reagieren ist – nun passiert das intuitiv und wir gewinnen durch die verkürzte Reaktionszeit wertvolle Sekundenbruchteile.“ Die Folge: Angriffe werden besser pariert, was Vorteile für die eigene Offensive bringt. Stimmung: Ende 2025 hatten die TSV- Frauen nur einen Sieg in Hamburg (3:1) gefeiert, alle übrigen Spiele gingen 0:3 verloren. Das kann aufs Gemüt schlagen, Frust und Demotivation können wachsen. Jedoch haben die Blaubären ein mögliches mentales Tief vermieden. „Die Stimmung im Team war durchgehend gut“, erzählt Hartmann, „obwohl wir durch schwere Zeiten gegangen sind.“ Diese mentale Widerstandskraft war eine wichtige Basis, um dem Winter-Blues zu entgehen, sich in der Rückrunde zu steigern und sieben Punkte einzusammeln.
Finanzen: Womit kaum einer beim TSV Flacht gerechnet hatte – alle zehn Heimspiele waren mit 433 Zuschauern ausverkauft. „Das hat auch mich überrascht“, bekennt Manager Michael Kaiser. Ein willkommenes Sahnehäubchen der finanziellen Art, denn die Blaubären müssen wirtschaftlich wachsen, um ihr sportliches Ziel erreichen zu können – etabliertes Mitglied der Bundesliga zu werden. „Wir haben auch drei neue Sponsoren gewonnen“, sagt der Manager, „und wir sehen Branchen, in denen Sponsoring kein Fremdwort ist.“ Finanziell scheint der Club auf Kurs zu sein.
In der Annahme haben die Blaubären noch am meisten Luft nach oben: Hanne Binkau Foto: Andreas Gorr
Annahme: Einer der wenigen sportlichen Aspekte, in dem Hartmann größere Fortschritte erhofft hatte, als sie eingebracht wurden. „Die Qualität in der Annahme könnte noch besser sein“, sagt der 39-Jährige. Bessere Annahme bedeutet auch mehr Möglichkeiten im Angriff – doch Verbesserungen in der Technik benötigen Trainingszeit und -intensität. „Alle Spielerinnen gehen einer Beschäftigung nach“, sagt der Coach, „deshalb können wir nicht so viel üben, wie es eigentlich nötig wäre.“
Die Stimmung in der Heckengäusporthalle war stets großartig, leider ist sie mit einer Kapazitätsgrenze von 433 Zuschauern die kleinste Halle der Liga. Foto: Andreas GorrBärenhöhle: Zwar ist die Heckengäusporthalle ein sehr guter Heimspielort, doch die Kapazität (433 Plätze) ist die geringste in der Liga. Kaiser ist überzeugt, dass in den meisten Heimspielen auch 600 Tickets hätten verkauft werden können – das hätte etwa 25 000 Euro an Mehreinnahmen gebracht. Die Erhöhung der Kapazität hängt aber davon ab, dass die Gemeinde Weissach die Halle entsprechend aufrüstet.