Volleyball Deshalb bleibt Krystal Rivers bei Allianz MTV Stuttgart

Krystal Rivers geht bei Allianz MTV Stuttgart in ihre sechste Saison – die besten Fotos aus ihrer erfolgreichen Zeit bei dem Volleyball-Bundesligisten finden Sie in unserer Bildergalerie. Klicken Sie sich durch! Foto: Baumann

Exklusiv: Die beste Volleyballerin der Bundesliga verlängert ihren Vertrag beim Tabellenführer um ein Jahr. Das gibt beiden Seiten Sicherheit.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Natürlich ist auch im Volleyball der Begriff „Vereinstreue“ kein Fremdwort, die Realität sieht allerdings oft anders aus. Nicht selten wechselt am Ende einer Bundesliga-Saison die Hälfte des Kaders – entweder weil Verträge nicht verlängert wurden oder die Profis anderswo sportlich und (vor allem) finanziell bessere Perspektiven sehen. Wobei gilt: Je stärker eine Spielerin oder ein Spieler ist, umso lukrativer sind die Angebote. Klasse macht Kasse. Weshalb ziemlich bemerkenswert ist, was Jahr für Jahr bei Allianz MTV Stuttgart abläuft.

 

Krystal Rivers (28), daran gibt es keine Zweifel, hat herausragende Qualitäten. „In der Bundesliga“, sagt ihr Trainer Tore Aleksandersen, „ist sie die wichtigste und beste Spielerin.“ Trotzdem hat die begehrte US-Amerikanerin nun erneut ihren Vertrag verlängert, die Saison 2023/24 wird schon ihr sechstes Jahr in Stuttgart. „Darauf sind wir stolz – auch weil Krystal Rivers eine Persönlichkeit ist, von deren Mentalität jeder lernen kann“, meint Geschäftsführer Aurel Irion. „Dass sie weiter bei uns bleibt, ist etwas Besonderes“, erklärt auch Sportdirektorin Kim Renkema, „sie ist eine grandiose Diagonalangreiferin. Wenn sie fit ist, zählt sie auf ihrer Position zur Spitze in Europa.“ Und dennoch waren die Gespräche über die Zukunft keine große Sache.

Krystal Rivers: „Stuttgart ist zu meiner Heimat geworden“

Kim Renkema erhielt von Krystal Rivers das Signal, dass sie gerne in Stuttgart bleiben würde, den Rest regelte sie mit dem Berater. „Die Entscheidung lag bei ihr. Wir freuen uns riesig, dass es weitergeht“, sagt die Sportchefin. „Ich musste nicht lange überlegen, Stuttgart ist zu meiner Heimat geworden“, erklärt Krystal Rivers, „hier passt alles perfekt für mich.“ Und dazu gehört in ihrem Fall weit mehr als der sportliche Aspekt.

Die US-Amerikanerin, die aus Birmingham/Alabama stammt, kam mit dem Tethered-Spinal-Cord-Syndrom zur Welt. Ihre Wirbelsäule war steif und verkürzt, die Bauchdecke bei der Geburt offen, viele Knochen waren deformiert. Es folgten mehrere Operationen, mit einem Jahr mussten ihr beide Hüftgelenke gebrochen werden. Im Teeniealter hatte Krystal Rivers bereits 20 Operationen hinter sich und zudem die Diagnose der Ärzte, dass sie niemals würde laufen können. Den Traum, eine Topsportlerin zu werden, erfüllte sie sich trotzdem. Dann kam mit 19 Jahren der Krebs – in fortgeschrittenem Stadium. Lymphknoten in Hals, Brust und Hüfte waren betroffen. Es folgten eine lange Chemotherapie und der Sieg über die nächste tückische Krankheit. Sorglos leben können wird Krystal Rivers trotzdem nie. Bis zu zwei Stunden täglich muss sie für die Pflege ihres Körpers aufwenden. Und sie benötigt immer wieder Hilfe.

Für Rivers gibt es, wenn nötig, auch mal eine Pause

Ihr Verein hat deshalb ein medizinisches Netzwerk geknüpft. Die Ärzte kennen die Situation, stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Rivers hat bei jedem Spiel eine eigene Kabine, auf jeder Reise ein Einzelzimmer, kann ihre therapeutischen Maßnahmen so stets in Ruhe durchziehen. Und der Trainer gewährt ihr, wenn nötig, eine Pause. „Es ist für mich nicht einfach, Topleistungen zu bringen“, sagt Krystal Rivers, „deshalb ist diese Unterstützung enorm wichtig.“

Angesichts der Umstände, unter denen sie Volleyball spielt, ist die Stärke der Diagonalangreiferin umso erstaunlicher. Auch in der Champions League agiert Krystal Rivers in dieser Saison wieder auf allerhöchstem Niveau. „Sie gibt immer 100 Prozent, ist ein absolutes Vorbild“, sagt Tore Aleksandersen, „sie macht einen großen Teil unseres Erfolges aus, ist unersetzbar. Sie hätte fraglos das Potenzial, um bei einem Topverein in Italien oder der Türkei zu spielen.“ Und entsprechend zu verdienen.

Die US-Amerikanerin verzichtet auf viel Geld

Zwischen 300 000 und 400 000 Euro, schätzt der MTV-Coach, könnte Rivers in diesen Ländern pro Jahr kassieren. In Stuttgart dürfte ihr Gehalt bei rund 100 000 Euro liegen. Damit ist sie vermutlich die teuerste Spielerin der Bundesliga, zugleich verzichtet sie aber bei jeder Vertragsverlängerung auf viel Geld. „Die Betreuung in Stuttgart ist hervorragend, was die Leute im Verein tun, ist unglaublich“, sagt Aleksandersen, der nach seiner Krebsdiagnose vor Kurzem in Tübingen eine neue Therapie begonnen hat und folglich aus Erfahrung spricht. „In manchen Situationen zählt das mehr als der Kontostand.“

Krystal Rivers war die Erste, mit der Kim Renkema über einen Verbleib in Stuttgart gesprochen hat, mittlerweile fanden auch Verhandlungen mit anderen Spielerinnen statt. „Für Krystal gibt es keinen Ersatz. Hätte sie nicht zugesagt, bräuchten wir eine ganz neue personelle Strategie“, erklärt die Sportchefin, „dass sie bleibt, vereinfacht vieles. Wir haben es nun leichter, eine Mannschaft zusammenzustellen, die weiterhin um Titel kämpfen kann.“ Und das ja vielleicht nicht nur nächste Saison.

Rivers hat jedenfalls nicht vor, den Verein noch mal zu wechseln. „Ich finde in Stuttgart die für mich beste Situation vor“, sagt sie, „ich kann mir vorstellen, die Karriere irgendwann hier zu beenden.“ Als lebender Beweis, dass es Vereinstreue auch im Volleyball gibt.

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