Die Architektin Beste Aykut ist Stuttgarterin mit internationalem Portfolio. Ihre Karriere führte sie über Japan bis nach New York. Dennoch bleibt sie ihrer Heimat treu.
Wenn sie auf die Skyline von Manhattan blickt, ist Beste Aykut (30) erfüllt von dem Gedanken, dass dort bald ein Gebäude stehen wird, an dem sie derzeit mitarbeitet: 100 Meter hoch, nur acht Meter breit – ein architektonisches Wagnis. Doch die Fundamente für solche Projekte wurden nicht am Hudson River gelegt, sondern in Stuttgart, an der Universität Stuttgart.
Aykut will hoch hinaus. „Das 30-stöckige Hochhaus ist statisch gesehen sehr spannend – und das sind natürlich Dimensionen, die nicht immer vorkommen“, sagt die Architektin. Sie sitzt vor ihrem Laptop, in New York ist es gerade einmal fünf Uhr morgens, auf den Straßen von Brooklyn, wo Aykut wohnt, liegt Schnee. In ihrer alten Heimat Stuttgart scheint indes die Sonne.
„Ich bin die erste Architektin in meiner Familie“
Hoch hinaus – in diese Richtung hin schien Aykuts Weg bereits vorgezeichnet. Aber beim Bau von Gebäuden eigentlich auf der rein technischen Ebene – schließlich stammt Beste Aykut aus einer Familie von Ingenieuren. Aber das Zeichnen ist es, das ihrem Weg dann doch eine etwas andere Wendung gibt – eine mehr gestalterische. Denn schon als Kind zeigt sich, dass Aykut sehr kreativ ist, aber dennoch gut mit Zahlen umgehen kann und ein mathematisches Verständnis hat. Ihre Eltern kommen bereits damals auf die Idee, dass der Beruf der Architektin vielleicht etwas für ihre Tochter sein könnte – und je mehr diese sich mit dem Thema beschäftigt, desto mehr gefällt es ihr. „Es hat sich angefühlt, als ob das das wäre, was ich machen müsste oder könnte“, sagt Aykut, die damit Neuland betrat. „Ich bin die erste Architektin in meiner Familie.“
Ihr Weg beginnt ungewöhnlich: Die gebürtige Stuttgarterin mit türkischen Wurzeln verbringt Teile ihrer Kindheit und Jugend in Istanbul und besucht dort die Deutsche Schule, kommt zum Studium aber zurück und besucht die Universität Stuttgart, wo sie Architektur und Stadtplanung studiert.
Von ihren Lehrjahren in ihrer Heimatstadt ist sie nachhaltig beeindruckt: „Man stellt sich deutsche Architektur oder deutsche Lehre sehr strikt und sehr formell vor, aber in Stuttgart war das anders“. Gleich im ersten Semester arbeiten die Studierenden mit Künstlern, experimentieren mit Ton, suchen Landschaften am eigenen Körper. „Das hat uns das freie Denken gelehrt. Es war nicht eine klare Linie, sondern sehr aus dem Bauchgefühl heraus“, beschreibt sie den Ansatz, der konzeptionelles Denken mit technischer Präzision verband. Und genau das habe sie gelehrt, nicht nur funktionale Gebäude zu planen, sondern solche, die die Menschen auch emotional ansprechen.
Auch das Verstehen des Ortes habe sie in ihrer Heimatstadt gelernt. „In Stuttgart hatte ich das Gefühl, dass man erst einmal über den Ort nachdenkt, bevor man loslegt – was für einen Einfluss das auf die Umgebung, auf die Menschen haben wird. Das war ein Moment zum Durchatmen, das war die die Freiheit, einen klaren Kopf zu haben.“
In New York ist alles viel schneller und komplexer
Der Wechsel nach New York ist dahingehend radikal. „Hier ist alles viel schneller und komplexer. Es wird am ersten Tag definiert, ob man es schafft oder nicht.“ Während in Stuttgart Zeit zum Nachdenken bleibt, muss in New York sofort eine Idee auf den Tisch. „Man glättet eventuelle Mängel dann im Laufe des Projekts.“ Trotzdem versucht sie, ihren europäischen Zugang zu Projekten zu bewahren. „Ich bin die Europäerin in New York – aber New York hat mir wiederum dabei geholfen hat, schnell zu denken und schneller umzudenken. Es ist wie ein neues Werkzeug, das meine Fähigkeiten schärft.“
Was das Baurecht betrifft sei der Prozess in New York sehr formalisiert: „Man arbeitet sich durch ein sehr detailliertes Regelwerk mit klar definierten Anforderungen, Nachweisen und Prüfungen“. Gleichzeitig seien viele Abläufe stärker parallel organisiert als in Deutschland: Planungs-, Prüf- und Genehmigungsschritte laufen oft gleichzeitig, und Entscheidungen werden teilweise pragmatischer getroffen. Das könne Prozesse beschleunigen, bedeute aber nicht unbedingt weniger Aufwand – „im Gegenteil, die Dokumentation und Abstimmung mit verschiedenen Behörden und Fachstellen sind sehr intensiv“.
Diesen Kaffeetisch hat Beste Aykut selbst entworfen – weil sie keinen fand, der ihr gefiel. Foto: Beste Aykut
Doch vor New York gab es noch eine weitere Station auf Aykuts Weg: Im dritten Studienjahr ging sie mit dem Baden-Württemberg-Stipendium nach Japan – zunächst an die Universität Tokyo, dann in die Büros von Kengo Kuma und Toyo Ito. „Die japanische Architektur hat diese leise, zurückgezogene Herangehensweise. Nichts schreit nach Aufmerksamkeit, alles ist klar und ruhig“, beschreibt sie ihre Faszination. Während Kengo Kumas Büro wie eine Fabrik funktionierte, war Toyo Itos Studio familiär und klein. „Das war gut, zu der Anfang meiner Karriere beide Seiten zu sehen.“ Die japanische Präzision verstärkte das, was sie in Stuttgart gelernt hatte: genaues Hinsehen, Klarheit im Detail.
Als Bachelorarbeit entwirft sie 2017 die Interimsoper für Stuttgart – ein symbolträchtiger Abschluss ihrer Stuttgarter Zeit. „Das war auch ein Projekt, das ein bisschen aus der Funktionalität und Form ausgebrochen ist.“ Für den Master überlegt sie zunächst, in Europa zu bleiben – Zusagen aus der Schweiz, Italien und den Niederlanden lagen vor. „Dann dachte ich mir, über den Ozean zu gehen wäre wahrscheinlich spannender.“ Sie ging ans Pratt Institute nach New York, eine Kunstakademie mit architektonischem Schwerpunkt – ein bewusster Gegenpol zur deutschen Strenge.
Nach dem Master bekommt sie ihre Lizenz als eingetragene Architektin und ist heute im dritten Büro – in New York normal, um unterschiedliche Erfahrungen zu sammeln. Ein Höhepunkt ihrer Karriere ist der Flagship Store für die Modemarke GANT in Stockholm, im noblen Viertel Östermalm. Das Projekt erhielt internationale Berichterstattung in Fach- und Leitmedien. „Wir haben viel mit bestehenden Materialien gearbeitet, recyceltes Holz verwendet, wiederverwendete Stoffe für die Möbel“, sagt sie. In New York sei das aus Zeit- und Ressourcengründen leider oft nicht der Schwerpunkt. „In Europa denkt man mehr darüber nach, welchen Einfluss ein Projekt auf die Umwelt hat.“
Neben ihrer Anstellung entwickelt sie eigenständige Projekte: ein Familienhaus in Upstate New York für einen Fahrrad-Designer, Möbelentwürfe, ein Schachspiel. Die Möbel begannen pragmatisch: Nach einem Umzug fand sie keinen passenden Kaffeetisch und entwarf kurzerhand selbst einen – aus Marmor. „Das sind Designobjekte mit architektonischer Formensprache, die ich in meiner Freizeit entwerfe, bei denen ich meinen Bauhaus- und japanischen Background wiederfinde.“
Stuttgart fehlt ein modernes Projekt, das man außerhalb der Box denkt
Mindestens zweimal im Jahr kommt sie nach Stuttgart – wegen der Familie und Freunden, „aber auch wegen dem Kulturellen und dem schwäbischen Essen. Bei ihrem letzten Besuch im Oktober besuchte sie die Weissenhofsiedlung. „Wenn man darüber nachdenkt, dass die ganze Welt die Weissenhofsiedlung studiert und Bücher darüber schreibt – und bei mir ist es einfach Heimat.“ Was Stuttgart fehlt? „Vielleicht ein moderneres Projekt, das man außerhalb der Box denkt. Eines, das mal aus der Reihe tanzt und eine Aufregung anregt.“
Ihre Heimatstadt ist und bleibt ihr wichtig: „Nicht aus Nostalgie, sondern als Ursprung und Fundament. Je internationaler mein Weg geworden ist, desto stärker habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, diese Herkunft sichtbar zu machen.“ Sie würde sich freuen, wenn „junge Menschen in Stuttgart daraus mitnehmen, dass ein lokaler Anfang global tragen kann und dass die Universität, die einen geprägt hat, sichtbar Teil dieser Geschichte ist“. Als Beste Aykut das Teams-Gespräch beendet, ist es bei ihr in Brooklyn noch immer dunkel – und die Skyline leuchtet irgendwo in der Ferne.
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