45 Jahre lang hat Ulli Püttner Stuttgarts Alternative-Lifestyle geprägt, nun reicht ihm die Rente nicht mehr zum Leben. Foto: privat
Erst Stars wie Helge Schneider, heute Existenzangst: 45 Jahre lang war das Gemini Stuttgarts Kult-Adresse. Doch Corona ruinierte den Laden. Nun bittet Inhaber Ulli Püttner um Hilfe.
Caroline Holowiecki
20.01.2026 - 10:00 Uhr
Ein dreieckiges Gesicht mit einer spitz zulaufenden großen Brille: Vor allem im Stuttgart der 1990er-Jahre kannten Modeinteressierte dieses Logo. Gut 45 Jahre lang war die alternative Boutique Gemini in der Landeshauptstadt eine der Anlaufstellen für modisch Extrovertierte. Lack und Leder, Korsagen, Karohemden, Netzshirts, schwere Stiefel von Dr. Martens und Co. Exklusive Looks, die für Punks und Goths ebenso funktionierten wie für Raver. London, New York stand in großen Buchstaben über dem Schaufenster. Geführt hat den Szeneladen Ulli Püttner.
Zwischen Glanz und Underground: Wenn Stars im Gemini shoppten
Die Trends hat sich der gebürtige Cannstatter nach eigenen Angaben damals im Ausland abgeschaut. „Das war meine Idee, als der Punk angefangen hat.“ Nach vielen Jahren im Verkauf habe er das Gemini, seinen ersten eigenen Laden, Anfang der 1980er am Marienplatz eröffnet. Nach zehn Jahren ging es an die Fritz-Elsas-Straße in Richtung Berliner Platz. Dort war Gemini bis zur Schließung Ende April 2025. Mittlerweile ist eine Galerie in die Räumlichkeiten gezogen.
Vom alten Gemini-Shop ist nicht mehr viel zu sehen: Nur Reste der Leuchtreklame an der Wand erinnern noch an den Kult-Shop. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Ulli Püttner, ein Mann mit großen Tattoos an den Armen, Brille und silbergrauem Haar, berichtet von guten Jahren. „Wir hatten viel exklusive Ware aus den USA und England“, die Kundschaft sei dafür mitunter von weit her angereist. Auch Stars bummelten demnach durchs Gemini. „Nena war da, Helge Schneider hat ein Hemd gekauft. Auch Alice Cooper war im Laden“, erzählt er. Auch für die TV-Show „Shopping Queen“ hätten zweimal Dreharbeiten stattgefunden. „Der Laden lief eigentlich immer, das wäre auch so weitergelaufen“, sagt er. Doch die Pandemie habe alles verändert – und die einstige Szenegröße Püttner nach eigenen Schilderungen in die Armut getrieben.
In der Pandemie sei die Kundschaft weggeblieben. Wer nicht ausgeht, braucht keine Partymode. Vieles verlagerte sich ins Internet. „Leute, die nie online bestellt haben, hatten jetzt Zeit, und viele fingen dann auch mit Onlineshopping an“, erklärt Ulli Püttner. Das Ganze habe eine Spirale in Gang gesetzt. Nach Ulli Püttners Aussage hat die Bank in der Zeit einen hohen Dispokredit „von jetzt auf nachher“ gestrichen, weil die Umsätze fehlten. Für den Warenkauf sei daher nach und nach sein komplettes eigenes Geld draufgegangen. „Die Umsätze wurden ein Jahr nach Corona nicht wieder gut“, berichtet er, teilweise seien die monatliche Kosten höher gewesen als die Einnahmen. Lang habe er den Niedergang seines einst florierenden Ladens beobachtet. Zum Jahreswechsel 2024 auf 2025 informierte Ulli Püttner seine Follower bei Facebook schließlich, dass er zumachen werde.
Ulli Püttner ist 71 Jahre alt. Er sagt, dass er heute von 563 Euro monatlich lebt. Grundsicherung. Das Amt stocke seine schmale Rente auf. In die Rentenkasse einbezahlt habe er nie. „Da hat man nicht dran gedacht, es lief ja alles wunderbar“, sagt er, Geldprobleme habe er nie gehabt. Wie er so blauäugig gewesen sein konnte? Kurze Stille. „Ich habe mir einfach nichts dabei gedacht. Keine Ahnung.“ Dummheit, bekennt er. Ulli Püttner ist geschieden, kinderlos. Das Geld reiche kaum. Bei Facebook und Instagram bittet er Gemini-Fans daher um Spenden. Zehn bis 20 Euro im Monat wünsche er sich, „ein kleiner Einmalbetrag würde mir auch helfen“. Öffentlich derart die Hosen runterzulassen, sei nicht einfach. „Mir bleibt nichts anderes übrig, es ist ein letzter Versuch“, sagt er.
Ein Neuanfang mit nur einer Reisetasche
Die einstige Stuttgarter Szenegröße ist vorübergehend in Berlin bei einem Freund untergekommen und bewohnt dort ein Gästezimmer. Lediglich eine Reisetasche habe er mitgenommen, sein restliches Hab und Gut habe Ulli Püttner in einem Kellerraum des ehemaligen Gemini gebunkert. Vieles habe er zu Geld gemacht. In Berlin wolle er Abstand gewinnen. Nach der Schließung des Geschäfts im vergangenen Frühjahr sei er in ein Loch gefallen. „Das war mein Leben“, sagt er. Auch soziale Kontakt seien weggefallen. „Es sind nicht mehr viele Leute da, eine Hand voll.“ Auf die Pandemie schaut er mit Trauer und Bitterkeit zurück. So viele Läden hätten zugemacht, so viel sei kaputt gegangen, sagt er. Er findet: „Davor war doch alles okay in Stuttgart.“