Von der Uni in die Unsicherheit? Wieso so viele junge Menschen auf Jobsuche sind – und wie der Einstieg gelingt

Immer mehr junge Menschen suchen nach ihrem Uni-Abschluss verzweifelt einen Job. Foto: Marie Scholz

Und noch eine Absage! Viele Berufseinsteiger haben Probleme, nach ihrem Studium einen Job zu finden. Doch woran liegt das und wie kann man seine Chancen verbessern?

Volontäre: Olivia Denner (ode)

„Leider haben wir uns für einen anderen Bewerber entschieden“ – so etwas liest die 24-jährige Anna (Name geändert) nicht zu ersten Mal. Im Juli hat sie ihre Bachelorarbeit in Crossmedia-Redaktion / Public Relations abgegeben: Seither ist sie auf Jobsuche in der Region Stuttgart. Doch das ist gar nicht so einfach. 33 Bewerbungen hat sie verschickt.

 

Bei ein paar wurde sie zu einem Gespräch eingeladen, bei vielen kam jedoch die direkte Absage. Phasenweise konnte sie das gut wegstecken. Oftmals sei sie aber auch frustriert, erzählt sie uns: „Manchmal habe ich das Gefühl, ich drehe gleich am Rad“. Auch ihr Blick auf frühere Kommilitoninnen gibt ihr ein ungutes Gefühl: „Ich kenne auch einige, die jetzt einfach wieder kellnern und das finde ich schon ein bisschen bitter.“

Diese Sorgen kennt Marco (Name geändert), 27, nur allzu gut. Auch er war nach seinem Abschluss im August 2023 in Wirtschaftspsychologie mehrere Monate auf Arbeitssuche: „Es ist sehr belastend, weil es nicht weiter geht und man viel Zeit investiert“. Dabei hat er gehofft, durch sein Studium später optimal ins Arbeitsleben starten zu können.

Schwieriger Arbeitsmarkt für Absolventen in Stuttgart

Andrea Bosch von der IHK Stuttgart bestätigt, dass es teilweise schwer sei nach der Uni direkt einen Job zu finden: „Es ist nicht mehr so, dass Unternehmen händeringend jede Studentin oder jeden Studenten einstellen wollen, wie es noch vor ein paar Jahren war.“

Dies habe verschiedene Gründe. Gerade in Stuttgart besteht die Industrie stark aus der Automobilbranche, die aktuell mit Problemen kämpft. Allgemein bauen durch die momentane wirtschaftliche Lage viele Unternehmen Stellen ab oder besetzten diese nicht neu.

Mehr Konkurrenz um weniger Stellen

Aber nicht nur die geringere Auswahl wird zum Problem bei der Arbeitssuche. Denn durch den Stellenabbau wächst natürlich auch der Wettbewerb um die verbliebenen Stellen: Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger konkurrieren nun vermehrt mit Leuten mit mehrjähriger Berufserfahrung, die oftmals bessere Chancen bei der Bewerbung haben.

Unter dieser Konkurrenz leidet auch Marco: In Stuttgart gäbe es generell viele BWLer: „Da ist der Markt schon ziemlich gesättigt“. Vor allem, wenn man – wie er zum damaligen Zeitpunkt – noch nicht viel Berufserfahrung hat, sei es schwer sich durchzusetzen.

Anna hat ähnliche Sorgen, trotz ihres praxisorientierten Studiengangs und Werkstudententätigkeiten, entschieden sich die Unternehmen oftmals für jemanden mit mehr Erfahrung: „Ich kann mir vorstellen, dass es erst richtig als Erfahrung zählt, wenn es ein Vollzeitjob ist.“

Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt

Zudem kommt der technische Fortschritt – insbesondere im Gebiet KI, erklärt Bosch. Bisherige Arbeitsplätze werden daher reduziert oder verändert. Vor allem betrifft das die Einsteigertätigkeiten. Es werden vermehrt Leute gesucht, die in der Lage sind, die KI-Prozesse zu überprüfen. Daher werden andere Fähigkeiten und Kompetenzen gesucht, wie vor ein paar Jahren.

Aber auch das Älterwerden der Gesellschaft hat Auswirkung darauf, welche Arbeitskräfte gesucht werden – vor allem im sozialen Bereich und in der Pflege, die generell schon mit Personalmangel zu kämpfen haben. Hier wird mehr Personal benötigt, das allenfalls nur in Teilen durch KI ersetzt werden kann.

Laut Bosch kann man daher nicht von einem allgemeinen Arbeitsmangel sprechen, sondern eher von Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt.

Christine Kispert, Leiterin des Career Service der Universität Stuttgart, beobachtet diese Veränderungen ebenso. Sie betont, dass die Berufsaussichten vieler Studiengänge trotz der Krise gut bleiben. Doch nicht alle Studierenden können sich auf den klassischen Karriereweg verlassen. „Vor allem Absolventinnen und Absolventen der Fahrzeugtechnik müssen aktuell umdenken“, erklärt Kispert. Viele hätten ihren Berufseinstieg traditionell bei Daimler, Porsche oder Bosch geplant. Nun seien Branchen wie zum Beispiel Windkraft relevanter.

Umdenken gefragt

Kispert ermutigt zur Eigeninitiative und klaren Profilbildung: „Wer seine Stärken kennt und sie gezielt auf zukunftsfähige Branchen ausrichtet, hat auch in Zeiten des Umbruchs gute Chancen“. Denn außerhalb der Automotiven-Welt gäbe es attraktive Einstiegsmöglichkeiten. Auch Bosch rät den Absolventinnen und Absolventen, über den Tellerrand zu schauen und sich nicht nur bei ausgewählten Großbetrieben in Stuttgart zu bewerben. Für die Arbeitssuche sollten alle Möglichkeiten genutzt werden.

Sprich, man sollte nicht nur auf Jobbörsen und Plattformen setzen, sondern auch, wenn möglich, physisch vor Ort gehen und im besten Fall ein Face-to-Face Gespräch suchen. Präsenzjobmessen sind zum Beispiel eine gute Gelegenheit, direkt mit den Unternehmen in Kontakt zu treten.

Erwartungen neu definieren

Eine weitere Schwierigkeit sieht Bosch in den teilweisen zu hohen Erwartungen der jungen Menschen gegenüber ihrer neuen Arbeitsstelle. Oft seien zu hohe Gehaltsvorstellungen oder die Forderung nach zu viel Homeoffice schwierig, wenn man sich gegen eine hohe und erfahrene Konkurrenz durchsetzen muss. Sie empfiehlt daher, die eigenen Ansprüche nochmal zu reflektieren. Hier sollte man ein gesundes Mittelmaß finden und sich selbstverständlich auch nicht unter Wert verkaufen.

Auch Anna und Marco lehnten bereits Stellen ab, die sie als unpassend empfanden. So entschied sich Anna zum Beispiel gegen eine Stelle, bei der erwartet wurde, dass sie über die Arbeitszeit hinaus Aufgaben übernehmen sollte. Dabei sei die Bezahlung auch noch schlecht gewesen. Bereut habe sie das keinen Tag, denn sie möchte nicht irgendwo arbeiten, wo sie unglücklich ist und ihre Arbeit nicht angemessen wertgeschätzt wird.

„Das wollen wir schon, wenn man uns die Möglichkeit gibt“

Marco fand schlussendlich dann doch einen Praktikumsplatz und später eine Arbeitsstelle. Mittlerweile ist er wieder auf der Suche, da die Arbeitsatmosphäre an seinem letzten Arbeitsplatz schlimm gewesen sei.

Anna hat mittlerweile eine Stelle in Aussicht. Ihre Bitte gegenüber den Unternehmen ist klar: „Ich würde mir wünschen, dass man auch jüngeren Personen eine Chance gibt. Auch sie können wertvoll sein. Es wäre gut, wenn man uns mehr zutraut und man dem Vorurteil entgegenwirkt, das wir nicht arbeiten wollen. Das wollen wir schon, wenn man uns die Möglichkeit gibt.“

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