Erst im Gymnasium wird Albrecht Fetzer mit Hochdeutsch konfrontiert
Schwäbisch ist Albrecht Fetzer in die Wiege gelegt. Der 70-Jährige wuchs in Denkendorf auf, wo seine Familie seit Generationen lebte. „Ich bin in einem rein schwäbischen Umfeld aufgewachsen. Meine Mutter kam nie aus Denkendorf raus“, erzählt er. Zuhause und im Ort wurde Schwäbisch gesprochen – für ihn heute ein Glücksfall, der ihm die Beschäftigung mit dem Schwäbischen erleichtert hat. Erst im Gymnasium in Esslingen sei er mit dem Hochdeutschen konfrontiert worden und lernte, dass es nicht „der Butter“, sondern „die Butter“ heißt – eigentlich ein Fehler, wie er inzwischen nachweist.
Als evangelischer Pfarrer war Fetzer an vielen Orten tätig, unter anderem in Wankheim, Jettingen, Riederich und Calw-Heumaden. Dort und auch bei den Schwiegereltern auf der Westalb lernte er unterschiedliche Ausprägungen des Schwäbischen kennen. Oft hörte er bei Besuchen vor allem bei betagten Gemeindemitgliedern noch unverfälschtes Schwäbisch. Schon immer hatte Fetzer sich für Sprachen interessiert, jetzt wandte er sich intensiv dem Schwäbischen zu, untersuchte Varianten auf Gemeinsamkeiten und markante Unterschiede. Allerdings interessiert er sich nicht für lokale Abweichungen, sondern für das, was dem Schwäbischen gemeinsam ist. „Unterschiede aufzuzeigen, bringt einen nicht weiter.“
Sehr wohl untersucht hat Fetzer allerdings die Unterschiede zum Hochdeutschen. Dazu gehöre, dass mehr als 100 Wörter ein anderes Geschlecht haben. Das gehe auf die althochdeutschen Wurzeln des Schwäbischen zurück. Zudem steht es dabei in guter europäischer Tradition: Butter, Schokolade, Karren aber auch Zahlen und Ziffern seien – wie im Schwäbischen – paneuropäisch männlich und hätten nur im Hochdeutschen das weibliche Geschlecht. Auch Dialektbegriffe wie „Grommbira“ für Kartoffeln oder Trottoir („Droddwar“) fänden sich in ganz Osteuropa. Das schwäbische „Lach“ für eine Pfütze taucht als Begriff für ein Gewässer im englischen „lake“, dem französischen „lac“, dem italienischen „lago“ und dem gälischen „loch“ (Loch Ness) auf. Und wenn Englischsprachige „I stand“ (ich stehe). „I go home“ (ich gehe heim) oder „I should“ (ich sollte) sagten, sei es zum Schwäbischen „i schdand“, „i gang hoem“ oder „i sodd“ nicht weit. „Wenn man Schwäbisch spricht, kann man ohne Komplexe sagen, wir bewegen uns auf europäischem Niveau“, sagt Fetzer.
Ob bei seinem Wörterbuch oder der Grammatik: Genau hinzuhören und nicht abzufragen, ist Fetzers Methode um genuines Schwäbisch zu identifizieren. Vor allem von Älteren, die noch weitgehend mit der schwäbischen Muttersprache aufgewachsen sind, habe er wertvolle Erkenntnisse gewonnen. So habe er etwa erfahren, dass der Plural von „Hidde (Hütte) „Hiddena“ heißt. In die Grammatik eingeflossen sind Erkenntnisse aus Alltagsgesprächen mit mehr als 100 Personen. Und auch die klassische Mundartliteratur aus dem württembergischen und dem bayrischen Teil des schwäbischen Sprachgebiets hat der Theologe herangezogen. Das Gehörte und die Literatur hat er über viele Jahre intensiv verglichen, gesichtet und auf erkennbare Regeln hin geprüft.
Im Tatort spricht nur der „Depp von nebenan“ Schwäbisch
Für seine Dialektforschungen steigt Fetzer tief in die Sprachgeschichte ein. Zusammen mit dem Alemannischen, dem Bairisch-Österreichischen und dem Südfränkischen bildet das Schwäbische die gemeinsame Sprachgruppe des Oberdeutschen.
Albrecht Fetzers Anliegen ist es, die Vielfalt und den Reichtum des Schwäbischen zu bewahren und es als eigenständige Sprache wertzuschätzen. „Es ist eine wunderschöne, klangvolle Sprache.“ Sollte das Schwäbische untergehen, gehe ein großer Schatz verloren. Deshalb sei es wichtig, Mundarten zu stärken – etwa, indem Schwäbisch als freiwilliges Angebot in Kitas und Schulen eingerichtet werde. Viel zur Diskriminierung des Schwäbischen trage das Fernsehen bei: „Im Stuttgarter ‚Tatort’ spricht nur der Depp von nebenan Schwäbisch, die Kommissare aber Hochdeutsch“, beklagt Fetzer.
Experte für Schwäbisch
Verfasser
Albrecht Fetzer ist 1954 in Denkendorf geboren und war nach dem Studium als evangelischer Pfarrer in Gemeinden in verschiedenen Ecken Württembergs tätig. Seit 2020 ist er im Ruhestand und lebt mit seiner Frau in Wolfschlugen. Fetzer ist Vater von zwei erwachsenen Söhnen und hat drei Enkelkinder. 2023 erschien sein Wörterbuch Deutsch-Schwäbisch. Er hält immer wieder Vorträge zum Thema schwäbische Mundart oder Gottesdienste in schwäbischer Sprache. Die Termine finden sich auf seiner Internetseite www.sprache-schwaebisch.de.
Vortrag
Am 14. Oktober hält Albrecht Fetzer im Neuen Blarer, dem Gemeindehaus am Blarerplatz in Esslingen, um 19.30 Uhr einen Vortrag über die schwäbische Sprache.
Buch
Albrecht Fetzer: „Schwäbisch – Die Grammatik Deutsch – Schwäbisch“, 2024, 202 Seiten, Denkhaus-Verlag Nürtingen, ISBN 978-3-948969-17-2, 26 Euro. www.denkhaus-verlag.de, Bestellung auch telefonisch unter 0 70 22 / 3 97 55.