Von Zeit zu Zeit: Luftangriffe 1944 Die schlimmste Nacht

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Vor 70 Jahren versank das alte Stuttgart während des totalen Luftkriegs in Schutt und Asche – allein 27 000 Brandbomben fielen auf die Stadt. Etwa 4500 Menschen verloren ihr Leben. Zwei Zeitzeugen erinnern sich an jene Minuten, die im Bunker zur Ewigkeit wurden.

Die Innenstadt ist nach dem Zweiten Weltkrieg eine einzige Trümmerlandschaft aus fünf Millionen Kubikmetern Schutt.  Foto: Stadtarchiv 14 Bilder
Die Innenstadt ist nach dem Zweiten Weltkrieg eine einzige Trümmerlandschaft aus fünf Millionen Kubikmetern Schutt. Foto: Stadtarchiv

Stuttgart - Als die Bomben an jenem 26. Juli 1944 fielen in der Nacht um 1.45 Uhr, saß Erna Doh im Bunker der Frauenklinik in der Bismarckstraße. Sie war hochschwanger, die Geburt konnte jeden Moment beginnen – doch obwohl sie sich so auf das Kind gefreut hatte, verlor sie jetzt, da die Erde wackelte, „als würde ein Güterzug unterirdisch durchfahren“, jeglichen Mut. In einem Brief, den ihr Sohn Gerhard jetzt der StZ anvertraut hat, schrieb sie Jahrzehnte später: „Ich selbst hatte innerlich mit dem Leben abgeschlossen und war bereit, dem Kommenden eiskalt entgegenzusehen. Ich konnte nicht mehr beten, hielt aber meinen Rosenkranz wie eine Waffe in meiner Hand versteckt. Ich konnte nicht mehr an mich und mein Kind denken. Es war wie: In Deine Hände empfehle ich meinen Geist.“

Es waren die schlimmsten Tage, die die Menschen jemals in der vielhundertjährigen Geschichte Stuttgarts durchleiden mussten. Niemals zuvor sind in so kurzer Zeit so viele Menschen umgekommen, hat die Stadt eine so große Zerstörung hinnehmen müssen: „Selbst im Dreißigjährigen Krieg gab es diese Intensität an Leiden nicht“, stellt Roland Müller fest, der Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs. Vom 25. bis zum 29. Juli, in vier von fünf Nächten, ruhelos, flogen Bomber aus England heran: Lancasters, Mosquitos, Halifaxes, Stirlings.

Nach dem Krieg gleicht Stuttgart einer Trümmerlandschaft: Das Ausmaß der Zerstörung im Jahr 1946

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Die ersten Flugzeuge waren immer Pfadfinder, die Markierungsleuchten absetzten. Christbäume sagten die Deutschen dazu, so hell war der Nachthimmel erleuchtet. Dann kamen die Bomber. 550 waren es in dieser besonders schlimmen zweiten Nacht, weil die Angreifer nun fabrikneue Hochexplosivbomben an Bord hatten und 27 000 sogenannte J-Bomben abwarfen, die beim Aufschlag einen neun Meter langen Flammenstrahl ausspieen – die Engländer hatten erkannt, dass ihre Angriffe besonders effektiv waren, wenn sie mit Sprengbomben nicht nur die Gebäude zerstörten, sondern mit Brandbomben auch viele Feuer in der Stadt entfachten.

Um den Marktplatz herum wogte ein Flammenmeer


Die deutsche Luftabwehr hatte den Angriffen kaum noch etwas entgegenzusetzen, wie Heinz Bardua schreibt. Er schrieb in den 1960er Jahren das Buch „Stuttgart im Luftkrieg 1939–1945“, das bis heute das Standardwerk zum Thema ist. Zwar registrierten deutsche Radarstationen an den Küsten schnell jegliche Überflüge feindlicher Bomber, aber diese flogen meist im Zickzack über Deutschland, um möglichst lange ihr Ziel zu verheimlichen. Deutsche Jagdflugzeuge gab es kaum noch, an der Flak standen halbe Kinder und Jugendliche (eine Redensart lautete damals: „Daneben, mehr daneben, Flak“), und die chemische Vernebelung, die einen milchigen Schleier über die Stadt legen sollte, funktionierte kaum noch. Manchmal heulten in Stuttgart erst dann die Sirenen, als die Menschen schon die ersten Bomben hörten.

Roland Müller beschreibt in seiner Arbeit über Stuttgart im Dritten Reich das Ausmaß des Angriffs am 26. Juli mit diesen Worten: „Die erste Welle löste in der Stadt derartige Brände aus, dass die Schützen in den Flugzeugen der zweiten Welle keine Ziele mehr erkennen konnten.“ Vor allem um den Marktplatz herum wogte ein Flammenmeer. Die Feuerwehr versuchte noch, das Rathaus und die alten Bürgerhäuser zu retten, doch den Versuch, eine Wasserleitung zu legen, musste sie aufgeben: Überall standen Feuerwände. Oberbürgermeister Karl Strölin vermerkte in dem Bericht, den er wenige Tage später vor dem Gemeinderat ablegte: „Dieser schwere Schicksalsschlag erfordert viel Nervenkraft und Selbstbeherrschung.“

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