Ihre „schönsten Jahre“ verbrachte sie als Heranwachsende in Stuttgart. Danach begann der Nazi-Terror. Erinnerung an die Auschwitz-Überlebende und Mahnerin Elisabeth Guttenberger.
Vor 100 Jahren, am 6. Februar 1926, wurde Elisabeth Schneck in Stuttgart geboren. 98 Jahre später starb sie in einem kleinen Ort am Schwarzwaldrand. Dazwischen lagen eine glückliche Kindheit in der Stöckachstraße 28 in Stuttgart-Ostheim, wo ihr Elternhaus stand, sie als drittes der fünf Kinder des Musikalienhändlers Josef Schneck und seiner Frau Sofie aufwuchs und zur Schule ging. Dazwischen lagen die begonnene Ausbildung zur Bäckereiverkäuferin, die Hochzeit mit ihrem Mann Albert Guttenberger (1949 in Schorndorf), dessen Namen sie annahm. Dazwischen lagen Nachkriegsjahre mit etlichen Wohnortwechseln und Beschwernissen sowie ein langer Lebensabend im Nagoldtal. Dazwischen lag jedoch auch Unvorstellbares. Unvorstellbar Schreckliches.
„Es ist mein größter Wunsch, dass die heutige und künftige Generation aus unseren schrecklichen Erfahrungen lernt, und dass Auschwitz nie wieder Wirklichkeit werden kann.“
Elisabeth Guttenberger, Holocaust-Überlebende
Im März 1943 wurde Elisabeth Schneck von München aus, wohin die alteingesessene und vom württembergischen König ausgezeichnete Stuttgarter Sinti-Familie 1936 der drohenden Verhaftung ausgewichen war, nach Auschwitz deportiert – zusammen mit ihren Geschwistern, Eltern und Großeltern. Als einzige ihrer Familie erlebte sie das Kriegsende. Ihre Eltern, ihre Geschwister Paula, Gisela, Donatus und Josef Maria kamen im „Porajmos“ um, wie Sinti den Holocaust nennen. Das Grauen war grenzenlos: Mehr als 30 ihrer Familienangehörigen verloren ihr Leben.
In Auschwitz war sie erst zu Zwangsarbeit, dann zum Dienst in einer Schreibstube eingeteilt gewesen – aufgrund ihrer auffallend schönen Schrift. Tausende von Sterbemeldungen habe sie eintragen müssen, berichtete sie nach dem Krieg. Schon nach wenigen Tagen gingen die Sterbemeldungen ihres Vaters, ihres kleinen Bruders Josef Maria und weiterer Angehöriger bei ihr ein . . . 1944 wurde sie in das Frauen-KZ Ravensbrück gebracht und von dort weiter zur Rüstungsproduktion in das Flossenbürger Außenlager Graslitz. Bei einem Todesmarsch im April 1945 konnte sie fliehen.
Als der Horror endete, war sie 19, krank und traumatisiert. Diese Traumata erhielten in den Folgejahren immer wieder Nahrung. Schriftlich sagte Elisabeth Guttenberger im ersten Frankfurter Auschwitzprozess (1963-1965) über das sogenannte Zigeunerlager in Auschwitz aus. Sie war Zeitzeugin und füllte diese Rolle, in die das Schicksal sie gebracht hatte, aus. Was sie zu sagen hatte, gab sie an die Nachkommenden weiter, auch an Schüler ihrer früheren Schule, in der Hoffnung, damit etwas zu bewirken: „Es ist mein größter Wunsch, dass die heutige und künftige Generation aus unseren schrecklichen Erfahrungen lernt, und dass Auschwitz nie wieder Wirklichkeit werden kann“, sagte sie.
„Die politische Entwicklung in der Welt besorgte sie sehr“
Elisabeth Guttenberger hielt öffentlich beachtete Reden – so 1992 bei der Gedenkveranstaltung im Berliner Reichstag zum 50. Jahrestag des „Auschwitz-Erlasses“, mit dem Heinrich Himmler die Deportation der Sinti und Roma angeordnete hatte, und 1997 anlässlich der Eröffnung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma. „Die erlittenen physischen und psychischen Schädigungen machten ihr Auftritte zuletzt jedoch kaum noch möglich“, erinnert sich Gudrun Greth von der Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost. Greth hat Elisabeth Guttenberger nach eigenen Worten „in den letzten 16 Jahren ihres Lebens intensiv begleitet – eine Mutter-Tochter-Beziehung entwickelte sich, die uns beiden sehr wichtig war“. Aus diesen Begegnungen weiß sie: „Die politische Entwicklung in der Welt besorgte sie sehr.“
Gedenkstunde zum 100. Geburtstag in Ostheim
Für diesen Freitag, den 100. Geburtstag, hat Greth um 14 Uhr zum Gedenken in die Stöckachstraße 28 geladen, wo Stolpersteine an Elisabeth Guttenberger, geborene Schneck, und ihre Eltern und ihre vier Geschwister erinnern. Auf dem ihr gewidmeten Stein steht in Kurzform ihre Leidensgeschichte: „Elisabeth Schneck, Flucht 1943, verhaftet 1943 München, deportiert 1943 Auschwitz, 1944 Ravensbrück, 1944 Flossenbürger/Graslitz, 15. 4. 1945 Todesmarsch – Flucht. Überlebte als einzige ihrer Familie.“ Auch in München wird ihrer gedacht. An der Friedenspromenade 40 erinnert eine Stele an die Familie Schneck.
Ein Porträt von Elisabeth Guttenberger ist auch in unserem Geschichtsmagazin „Stuttgarter Stolpersteine“ enthalten, das über unseren Online-Shop bezogen werden kann: https://www.shop711.de/products/stuttgarter-stolpersteine