Vor 50 Jahren wurde die Fantasia-Druckerei gegründet Die Stuttgarter Keimzelle der RAF

Die mörderische Schleyer-Entführung im Film: Szene aus „Der Baader Meinhof Komplex“ mit Vinzenz Kiefer als Peter-Jürgen Boock (links) und Hannes Wegener in der Rolle des Willy Peter Stoll. Foto: dpa/Constantin Film

Vor 50 Jahren entstand die Fantasia-Druckerei in einem Haus im Heusteigviertel.Hier wurden linke Träumer zu Terroristen. Eine Ortsbegehung.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

Stuttgart - Die beiden fallen auf in der Schlosserstraße. Am unteren Rand des Stuttgarter Heusteigviertels, dort eher Handwerkergegend, wird um die Mittagszeit häufig Blaumann getragen. Das Spanisch sprechende Paar sieht aber so gar nicht nach Werkstatt aus, eher nach Cocktailbar. Sein Weg führt das stilsicher gekleidete Duo jetzt weg von der Straße zu einem Hinterhaus. Und das will auch nicht so richtig hierher passen, umgeben von reihenweise dunklen Backsteinhäusern. Haus Nummer 28 A ist dagegen auf Hochglanz restauriert. Durch die Fenster sind Loftwohnungen zu erkennen. Für eine von ihnen scheint sich das Paar näher zu interessieren.

 

„Ein klassischer Fall von Gentrifizierung“, sagt Rainer Schimpf und ist überrascht. Der Historiker ist schon länger nicht mehr hier gewesen und muss sich erst einmal daran gewöhnen, dass sich eines seiner Forschungsobjekte grundlegend verändert hat. Der RAF-Kenner, der 2013 zusammen mit seiner Kollegin Sabrina Müller die viel beachtete Terrorismus-Ausstellung im Haus der Geschichte kuratiert hat, findet den direkten Bezug zu seinem Thema zumindest noch am Vorderhaus. In der alternativen Kleinschreibung früherer Tage ist „fantasia-druck“ noch auf einem Schild zwischen Graffiti zu lesen. Der entscheidende Hinweis auf die Keimzelle des Stuttgarter Terrorismus, die hier vor 50 Jahren entstanden ist.

Christof Wackernagel ist es, der die Fantasia-Druckerei in der Schlosserstraße gründet. Er ist erst 19, hat aber bereits ein bewegtes Leben als Sohn der Schauspielerin Erika Wackernagel und des Ulmer Theater-Intendanten Peter Wackernagel hinter sich. Er verlässt das Gymnasium vor dem Abitur und übernimmt 1967 als 16-Jähriger die Hauptrolle im Berlinale-Beitrag „Tätowierung“ von Johannes Schaaf. Darin spielt er in einer fast schon beängstigenden Intensität ein Heimkind, das zum Mörder seines Adoptivvaters wird. Christof Wackernagel gilt als schauspielerisches Naturtalent, dem eine große Karriere vorausgesagt wird. Er spielt aber nicht mit, sondern druckt lieber die ersten Anti-Atomkraft-Flugblätter.

Der Tod von Holger Meins als Schlüsselerlebnis

Über der Druckerei entsteht eine alternative Wohngemeinschaft. Dort landen irgendwann auch Willy Peter Stoll, seine Frau Brigitte und Tochter Susanne. Gemeinsam mit Angelika Speitel, ihrem Mann Volker und Sohn Grischa ziehen sie in die Schlosserstraße. Die beiden Stuttgarter Familien wurden zuvor aus ihrer WG im Birkendörfle unterhalb des Killesbergs geklagt. In diesem Rechtsstreit werden sie von Klaus Croissant vertreten, der durch die Verteidigung von Andreas Baader im Stammheim-Prozess Berühmtheit erlangt. Croissant, der seine Kanzlei in der Königstraße hat, stellt dann auch den Kontakt zum Fantasia-Haus her, wo er Drucksachen für die „Rote Hilfe“ in Auftrag gibt. Die „Rote Hilfe“ unterstützt die in Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen der ersten Generation: Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und die in Stuttgart aufgewachsene Gudrun Ensslin. „Die Radikalisierung der Fantasia-Leute begann wahrscheinlich mit dem Tod von Holger Meins“, sagt Rainer Schimpf. Meins starb im November 1974 infolge eines Hungerstreiks, mit dem er gegen die Haftbedingungen im rheinland-pfälzischen Wittlich protestierte.

Christof Wackernagel, Willy Peter Stoll, Volker und Angelika Speitel schließen sich in Stuttgart der RAF an – mit dem Ziel, die Stammheimer Gefangenen freizupressen. Zurück in der Schlosserstraße bleiben Stolls Frau mit ihrer Tochter und dem Speitel-Sohn Grischa, die wie Geschwister aufwachsen.

In seinem einzigen Interview, das der heute 50 Jahre alte Grischa Speitel einem befreundeten Journalisten für das Gesellschaftsmagazin „Dummy“ gegeben hat, erzählt er von seiner Kindheit im Stuttgarter Süden, von seinem dortigen Sonderstatus als Kind von zweien, die in den Untergrund gegangen sind. Der linksradikale Ritterschlag, sozusagen. Zur Belohnung gab es ein Einzelzimmer für den kleinen Grischa. Allerdings war er selten allein, auf dem Schulweg wurde er von der Polizei beobachtet für den Fall, dass die Eltern Kontakt zu ihm aufnehmen sollten. Heute lebt Grischa Speitel unter anderem Namen mit Frau und Kind in der westfälischen Provinz. Wo sich sein Vater aufhält, ist dagegen unbekannt.

Volker Speitel wird Anfang Oktober 1977 von der Polizei im Zug auf der Fahrt nach Dänemark festgenommen. Er sagt sich in der Folge von der RAF los und kommt in ein Zeugenschutzprogramm, nachdem er den Ermittlern tiefe Einblicke in die RAF-Struktur gegeben und dabei auch seine Frau belastet hat. Was ihm in RAF-Kreisen den Namen „Meistersinger“ einbringt. Unter einem falschen Namen lebt Speitel in Brasilien, arbeitet da erfolgreich in einer Werbeagentur und fühlt sich in den 80er Jahren dann so sicher, um nach Deutschland zurückzukehren. Hier arbeitet Speitel dann in leitender Position für den Caravan-Hersteller Westfalia, bis ihn dort ein Reporter aufspürt. Danach verliert sich seine Spur, die in der Schlosserstraße 28 A damals vor 50 Jahren begonnen hatte.

Die Tat in Köln erschüttert vor allem Stuttgart

„Stuttgart war die Hauptstadt des RAF-Terrorismus“, sagt der Historiker Rainer Schimpf. „Die Entführung von Hanns Martin Schleyer und die Ermordung seines Fahrers und der Personenschützer fanden zwar in Köln statt, doch hat die Tat vor allem Stuttgart erschüttert. Schleyer, seine Begleiter und der Täter Willy Peter Stoll kamen von hier.“ Es ist ein schicksalhaftes Beziehungsgeflecht, das Stuttgart mit der RAF verbindet – über den Tod hinaus. In Sillenbuch wurde Hanns Martin Schleyer nach seiner Ermordung begraben, auf dem Dornhaldenfriedhof liegen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe. Sie hatten sich nach der Befreiung der Landshut-Geiseln in ihren Stammheimer Zellen umgebracht.

Das Grab von Willy Peter Stoll ist in Vaihingen. Er starb 1978, nachdem er in einem Düsseldorfer Chinarestaurant von Gästen erkannt worden war. Als Stoll kontrolliert werden sollte, zog er eine Waffe und wurde daraufhin von den alarmierten Zivilfahndern erschossen. Seine Frau und Tochter Susanne leben bis heute in der Region Stuttgart. Angelika Speitel, die Frau des untergetauchten Volker Speitel und Kanzleimitarbeiterin von Klaus Croissant, wurde 1978 verhaftet. 1989 begnadigte sie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit der Überzeugung, sie habe sich vom Terrorismus abgewendet. 1990 folgte ihre Haftentlassung. Angelika Speitel wohnt heute in der Nähe von Köln.

Christof Wackernagel, dessen Fantasia-Druckerei im Stuttgarter Süden einen zentralen Punkt auf der RAF-Landkarte darstellt, kam 1977 in Haft und wurde zehn Jahre später entlassen, nachdem er zwei Drittel der Strafe verbüßt hatte. 1983 hatte er sich von der Roten-Armee-Fraktion und deren Verbrechen distanziert. Christof Wackernagel, der vor den Toren Münchens wohnt, schreibt Dramen und ist auch wieder als Schauspieler tätig, nachdem er zwischenzeitlich zehn Jahre lang in Mali lebte. In der Hauptstadt Bamako baute er eine Vollkornbäckerei auf. Auch diese Geschichte verbirgt sich in einem Hinterhof der Schlosserstraße.

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