Benner wurde vor gut einem Jahr an die Spitze gewählt, die Tarifvorständin Nadine Boguslawski aus Stuttgart steht seither an ihrer Seite. Im Februar kam Barbara Resch als Bezirksleiterin in Baden-Württemberg in Verantwortung, wenngleich sie auf ihren ersten Pilotabschluss noch einige Zeit warten muss. Wenn es um die neue Frauenpower in der Gewerkschaft geht, ist auch die Volkswagen-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo zu berücksichtigen, die jetzt bei VW einen sehr schweren Konflikt mit dem Vorstand zu bestehen hat – noch ohne Einigungsperspektive.
Auf die große Show kann Benner nicht verzichten
Bundesweit haben sich seit Ablauf der Friedenspflicht mehr als 510 000 Beschäftigte an den Warnstreikaktionen beteiligt – die IG Metall zeigt sich auch in der Krise noch aktionsfähig. Auf die große Show mit Fahnen und Trillerpfeifen kann selbst Christiane Benner nicht verzichten, wenn sie die gut organisierten sogenannten Kampftruppen weiterhin hinter sich wissen will.
Allerdings zeichnete sich schon früh ab, dass bereits in der vierten Verhandlungsrunde die Einigung versucht werden soll. Das ist auch Ausdruck eines neuen Umgangs mit den Arbeitgebern, die sich schon vor der Tarifrunde immer wieder lobend über den Pragmatismus der Gewerkschaftsvorsitzenden geäußert hatten. Auch ihnen ist klar, dass sich nach dem Abschluss nicht diejenigen bestätigt fühlen dürfen, die Benner ohnehin nicht an der Spitze gewollt hätten, wie es ein Arbeitgebervertreter ausdrückt. Die Kritiker sollen am Ende nicht sagen dürfen: Ein Mann hätte es besser gemacht.
Der neue teamorientierte Stil innerhalb der IG-Metall-Führung hat möglicherweise eine gravierende Auswirkung auf die Bastion im Südwesten: Abgesehen davon, dass Baden-Württemberg wegen der großen Nöte der Automobilindustrie diesmal als Pilotbezirk nicht in Frage kam, weil viele Hiobsbotschaften aus den Unternehmen die Streiklust hemmen, hat Benner die Tür für eine so noch nicht erlebte Konstellation geöffnet: einen gemeinsamen Pilotvertrag von zwei Tarifbezirken. Ausgehandelt werden soll er von den zwei Bezirksleitern Daniel Friedrich (Küste) und Horst Ott (Bayern).
„Es ist der Versuch, es mal auf eine neue Art zu probieren“, sagt Ott. „Wenn zwei Bezirke ins Rennen gehen, dann versprechen wir uns eine noch höhere Akzeptanz für eine Lösung in der Breite, als wenn es nur einer macht.“ Was dann zwischen den Zeilen heißt, dass die früheren Pilotabschlüsse vor allem im Südwesten diese Akzeptanz eben nicht immer gefunden haben.
„Uns ist klar, dass beide Bezirke eine hohe Verantwortung haben“
Noch nie zuvor hat das Tarifgebiet Küste eine zentrale Rolle für den Flächentarifvertrag gespielt. Daniel Friedrich sieht die Entscheidung für den Doppelpiloten als Teil einer Neuaufstellung in der Gewerkschaft, in der alle Bezirksleiter seit einem Jahr enger von der Führung in Frankfurt eingebunden werden. Man habe sich gefragt, was sich in Tarifrunden besser machen lasse als in der Vergangenheit, schildert er. „Uns ist klar, dass beide Bezirke jetzt eine hohe Verantwortung haben“ – nicht nur für diese Tarifrunde, sondern auch für die Frage, ob das ein Modell für die Zukunft sein kann, auf dem man weiter aufbauen kann.“ Was er nicht sagt: Sollte dieses Beispiel Schule machen, dann würde zugleich der Einfluss der Baden-Württemberger weiter schrumpfen, die früher in dominanten Vorsitzenden aus dem Südwesten starke Fürsprecher hatten.
Angesichts der wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen spüren die Gewerkschaftsführer erst recht eine Verantwortung: Da werde gerade „sehr viel Hoffnung hineingegeben von Kolleginnen und Kollegen, dass wir doch jetzt eine Stabilisierung für unsere Mitglieder organisieren“, sagt Friedrich. „Alle Beteiligten wollen und müssen an der Stelle Klarheit und Planungssicherheit haben.“ So „sind wir alle jetzt gefordert, unseren Job zu machen“. Horst Ott ergänzt: „Wir spüren den starken Willen, dass wenigstens die Tarifpartner in der Lage sein sollen, zu Kompromissen zu finden.“ Neben der Unsicherheit gebe es aber noch die Anspruchshaltung, dass in den Lohntabellen „etwas passieren muss“. Nur der Inflationsausgleich reicht demnach nicht aus.
Die Entgeltfrage sei in den Sondierungsgesprächen „am schwierigsten zu besprechen“, während man sich beispielsweise bei den neuen Konditionen für die sogenannte Freistellungszeit offenbar schon weitgehend angenähert hat. Gerade für dieses Thema – bei dem es um eine erweiterte Wahl zwischen Freizeit oder mehr Geld geht – hatten beide Seiten eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus drei Bezirken eingerichtet; ohne baden-württembergische Beteiligung.
Es sei viel für den Lösungsversuch getan worden, sagt Friedrich. Und wenn es doch nicht klappt? Dann will die IG Metall gewappnet sein: Bis Freitagmittag mussten alle Bezirke in Frankfurt ihre Vorbereitungen für mögliche 24-Stunden-Streiks kundtun, sodass im Ernstfall ein Teil von ihnen mobilisieren kann. Wenn es sein muss, müssen auch die Spitzen-Frauen Stärke beweisen.
Fahrplan zum Pilotabschluss
Doppelpiloten
Am Montag soll in einem Hamburger Hotel die vierte Verhandlungsrunde zwischen den IG Metall Bezirken Küste und Bayern und den Arbeitgebern (Nordmetall und Verband der bayerischen Metall- und Elektroindustrie stattfinden. Die Arbeitgeber bieten mit Lena Ströbele (Nordmetall) und Angelique Renkhoff-Mücke (vbm) zwei Verhandlungsführerinnen auf. Vor Ort ist auch Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf.
Nachtsitzung
Begleitet werden die Verhandlungen von weiteren Warnstreiks und einer Kundgebung am Vormittag auf dem Hamburger Fischmarkt. Beginnen sollen die Gespräche um 16.30 Uhr. Mit einer Einigung ist frühestens in der Nacht zu rechnen.