Das Hospitalviertel leuchtet – dank des Einsatzes viele Freiwilliger. Statt dieses Engagement zu würdigen, kürzt die Stadt den bescheidenen Zuschuss. Ein Kommentar von Jan Sellner.
Gäbe es die Reihe „Orte in Stuttgart, die man erlebt haben sollte“, dann führte der Weg schnurgerade ins Hospitalviertel. Das liegt nicht an erster Stelle an den Sehenswürdigkeiten in dieser schachbrettartig angelegten ehemaligen Vorstadt. Ihre Zahl ist überschaubar. Der architektonisch herausragende Hospitalhof ist da zu nennen und die Reste der Hospitalkirche, der einst größten Kirche Stuttgarts. Auch die Synagoge, die erste in Deutschland, die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurde.
Vieles andere jedoch wirkt gesichtslos. Eine Folge der massiven Zerstörungen im Krieg. Fast nichts ist geblieben von den Renaissancehäusern des einst wohlhabenden Viertels, das sich bis zur Calwer Straße und Königstraße erstreckte, ehe dieser Teil des Quartiers in den 1960er Jahren durch die Theodor-Heuss-Stadtautobahn rigoros abgetrennt wurde.
Ein Wohlfühl-Quartier, das Menschlichkeit ausstrahlt
Der Grund für das Prädikat „Orte, die man erlebt haben sollte“ muss also ein anderer als das klassische Sightseeing sein. Es ist die inhaltliche Qualität, die aus dem Quartier heraus entstanden ist: die Lebensqualität und die Qualität des Hospitalviertels als Ort der Begegnung. Dazu kommt eine hohe Qualität des Nachdenkens über das, was eine Stadt ausmacht und zusammenhält. So fügen sich die Dinge und Einrichtungen – vom Hospitalhof und dem Renitenztheater über die Schulen und das Jugendhaus-Mitte bis zur VHS und der jüdischen Gemeinde – hier zu einem stimmigen, solidarischem Ganzen. Verknüpft mit Gastronomie, Handel und vermehrt auch Wohnraum, ist daraus ein Wohlfühlquartier entstanden, das seine Identität gefunden hat und Kreativität und einen guten Geist ausstrahlt. Das ist es, was im Hospitalviertel erlebbar ist.
Einschließlich der Geschichte des Viertels. Mangels baulicher Zeugnisse ist diese Geschichte durch Menschen präsent, die in der Stadtgesellschaft ein Bewusstsein für stadtprägende Historie schaffen – für die NS-Vergangenheit der „Büchsenschmiere“ etwa, die sich an der Stelle des heutigen Bildungszentrums Hospitalhof befand, für die jüdischen Traditionslinien im Viertel oder dafür, dass hier die Reste des Frankfurter Paulskirchenversammlung, des ersten frei gewählten deutschen Parlaments, tagten, ehe sie im Juni 1849 zerschlagen wurden. Leuschnerplätzle heißt der Ort heute. Die Aktiven im Quartier wollen ihn zu einem „Platz der Demokratie“ aufgewertet sehen. Zu recht!
Das alles ist ohne das Forum Hospitalviertel nicht vorstellbar, einen seit mehr als 20 Jahren bestehenden Bürgerverein, dessen Mitglieder – vorweg sein Vorsitzender Eberhard Schwarz – sich als Quartiersgestalter verstehen und betätigen. Der Verein leistet verlässlich das, was zu einer übergeordneten Stadtplanung zwingend hinzukommen muss: praktische, lebensnahe Quartiersarbeit. Darin kann er auch anderen Stadtteilen als Anschauungsbeispiel dienen – bei aller Verschiedenheit der Viertel, die es zu berücksichtigen gilt. Die Stadt, so sollte man meinen, hat allen Grund, dieses freiwillige Engagement für die soziale Infrastruktur zu honorieren. Sie könnte damit sogar werben.
Das tut sie leider nicht. Stattdessen hat der Gemeinderat den jährlichen Zuschuss von 25 000 Euro für das Forum Hospitalviertel gestrichen. Geld, das der Verein für Miete und anderes mehr dringend benötigt. Das ist ein Armutszeugnis für Stuttgart, das mit dem Hospitalviertel ein Quartier zum Vorzeigen besitzt! Die Gemeinderatsmehrheit hat lieber ein anderes, sehr viel teureres Zeichen – das Stuttgart-Sign – gesetzt.