Vorhaben in Korntal-Münchingen Ein weltweit einzigartiger Ökopark
Was auf der Gemarkung von Korntal-Münchingen nördlich von Müllerheim entstehen soll, ist noch innovativer und umfassender als es die nachhaltigen Industriegebiete Chinas sind.
Was auf der Gemarkung von Korntal-Münchingen nördlich von Müllerheim entstehen soll, ist noch innovativer und umfassender als es die nachhaltigen Industriegebiete Chinas sind.
Korntal-Münchingen - Der Freiburger Architekt Wolfgang Frey kommt zurzeit oft nach Korntal-Münchingen. Dort führt er mit jedem Grundstückseigentümer nördlich von Müllerheim persönlich ein Gespräch. Im Interview erzählt er, warum er das tut und was den geplanten Ökopark zu einem Vorbild macht.
Herr Frey, wird der geplante Ökopark nördlich von Müllerheim kommen?
Das entscheidet der Korntal-Münchinger Gemeinderat. Was ich sagen kann, ist, dass wir mehr Fläche als geplant bekommen. Wir reden aktuell mit den Eigentümern einer 70 Hektar großen Ackerfläche, von der wir 20, maximal 30 Hektar zusammenhängende Fläche benötigen. 90 Prozent der Eigentümer sind bereit zu verkaufen.
Welche Bedeutung hat der Ökopark?
Wenn nur zwei Drittel von dem kommen, was kommen soll, wird das Projekt echt beeindruckend. Ich bin begeistert von den tollen Möglichkeiten. Was der Gemeinderat erarbeitet hat, ist wirklich qualifiziert und extrem innovativ. Es sind alle Themen rund um Ökologie und Nachhaltigkeit angesprochen und dafür Rahmendaten festgelegt. Der Ökopark wird ein Vorbild sein für nachhaltige, ökologische Quartierentwicklung. So umgesetzt, wird er international ein unglaublich starkes Statement setzen. In dieser Konsequenz wäre das weltweit einzigartig.
Was bedeutet das konkret?
Nachhaltigkeit ist die Verknüpfung von unterschiedlichen ökosozialen Lebensaspekten und keine solitäre Disziplin oder ein Inselthema. Da reicht es nicht, dass man eine Solaranlage auf dem Dach installiert. Es sind vielmehr Kreisläufe, die alle Aspekte der Nachhaltigkeit in eine harmonische Abwägung bringen. Die wirkliche Planung kann erst beginnen, wenn der Grundstückszuschnitt klar ist. Jetzt plant Korntal-Münchingen aber schon den Prozess, wie es weitergeht. Gerade stellt sich die Frage nach der Struktur: Wie setzen wir die Aspekte in Beziehung zueinander, wie bringen wir sie in ein ausgewogenes Verhältnis, welche Aspekte werden wie gewichtet? Deshalb holt sich die Stadt auch Experten für die jeweiligen besonders wichtigen Einzelthemen der Nachhaltigkeit ins Boot.
Nennen Sie ein Beispiel dafür, wie Nachhaltigkeit im Ökopark aussieht.
Der Gemeinderat hat für den Ökopark eine Nullemission beschlossen. Das heißt, dass zu keiner Zeit umweltschädliche Emissionen entstehen. Nehmen wir die ganzen Abfälle – Lebensmittelabfälle, Toilettenabfälle, Grünschnitte. Der Vorschlag ist, dass die in eine Biogasanlage kommen, die Methangas produziert. Das wird für den Betriebsverkehr auf dem Gelände genutzt, die Abwärme für die Heizung, während die Reststoffe aus der Biogasanlage als Kompost in den Gewächshäusern verwendet werden, wo wir Gurken und Tomaten ziehen.
Auch Aquaponik kommt zum Einsatz, der Mix aus Aquakultur und Hydroponik, bei der man Nutzpflanzen im Wasser kultiviert.
Wir werden mehr Energie erzeugen, als wir verbrauchen. Zum Speichern von Strom werden wir deshalb große Batterien benötigen. Die müssen gekühlt werden. Dieses Kühlwasser mit 23 Grad eignet sich hervorragend für die Zucht chinesischer Zackenkarpfen. Ihre Fäkalien sind Dünger für unser Gemüse. Diese Anlagen könnten Menschen mit einem Handicap wie Autisten betreiben, die diese Anlagen superexakt regeln können.
Was entgegnen Sie denjenigen, die den enormen Flächenverbrauch kritisieren?
Tatsächlich bleiben bei einem normalen Gewerbegebiet üblicherweise 15 bis 20 Prozent der Flächen unversiegelt, der Rest wird mit Straßen und Gebäuden zugepflastert. Unser Projekt wird im Gegensatz dazu nachher einen ganz anderen Ökowert haben als vorher. Die Erde, die wir unten abtragen, kommt oben auf die Überdeckelung mit einem ganzjährig ökologisch wertvollen Naturraum. Dort erzeugen wir eine blühende Landschaft mit Schmetterlingen und vielen anderen Lebewesen. Anders als Wald hat Acker eine hohe Verdunstungsrate. Im Mai mit den meisten Niederschlägen herrscht zugleich die höchste Trockenheit. Wäre der Acker Wald, gäbe es in dem Gebiet keinen Wassermangel. Bei dem geplanten Projekt entsteht mit der intensiven Begrünung eine Waldrandatmosphäre. Das Wasser kommt aus großen Zisternen, die das Regenwasser speichern. Kein Tropfen darf das Gebiet verlassen. Wasserwirtschaft und Wasserhaushalt sind eigene Themen, die vom Gemeinderat sehr ernst genommen werden.
Wie kann man sich das mit dem Deckel vorstellen?
Das bestehende Gelände hat ein Gefälle von insgesamt 30 Höhenmeter. Die Gewerbeeinheit ist terrassiert abgestuft zehn bis 15 Meter hoch. Darauf kommen begrünte flache Deckel, die den Boden für weitere Geschosse darstellen. Dort sind notwendige Infrastrukturnutzungen wie Büros, Wohnen, Einkaufen, Freizeitmöglichkeiten und Kinderbetreuung vorgesehen.
Auch soll es keine klassische Eigentümer- und Mieterstruktur geben, sondern Nutzer in den verschiedenen Einheiten.
Das ist noch nicht entschieden, aber zurzeit die bevorzugte Variante. Eine Projektgesellschaft kann die Entwicklungsgesellschaft für die Raumschaft sein und stellt unseren Partnern, den Unternehmen oder Gewerbetreibenden, Nutzungsflächen zur Verfügung. Dafür zahlen sie eine Nutzungsgebühr. So würde verhindert, dass Eigentümer ihre Immobilien ungenutzt lassen oder fehlnutzen, wenn sie keinen Bedarf mehr haben.
Sie schauen dabei nach China, wo der Grund und Boden allen gehört.
Dort kann man keinen Grund und Boden erwerben, man erhält nur Nutzungsrechte. China hat viele Ökoparks, denn die Republik hat keine eigenen Energiereserven, aber einen steigenden Energieverbrauch wegen einem Wirtschaftswachstum von sieben Prozent pro Jahr. Ökologisches Handeln ist dort auch ganz klar ökonomisch getrieben. Gleichwohl war Deutschland bei dem Thema früh der Vorreiter, nachdem Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröders Agenda 2010 auch die Energiewende proklamiert hatte. Anstatt mit teurem Geld Öl zu kaufen und es dumm zu verbrennen, sollte dasselbe Geld für die Entwicklung innovativer ökologischer Technik investiert werden. Dass China weiter ist als wir, liegt an der direktiven Politik: Dinge werden einfach angeordnet und umgesetzt. Hier haben wir einen Demokratieprozess, bei dem die Dinge ausführlich diskutiert und hinterfragt werden. Mit der Mühsal dieses Prozesses sichert man sich aber die gewünschte Transparenz und die Gewissheit, den gemeinsamen Wunsch der Bevölkerung vor Ort zu erfüllen.
Was Sie vorhaben, klingt super. Aber was passiert, wenn die verkaufswilligen Grundstücksbesitzer es sich plötzlich anders überlegen?
Alle Eigentümer, die verkaufen wollen, gaben bereits oder geben derzeit ein Verkaufsangebot ab, das notariell beurkundet wird. Dieses Kaufangebot gilt fünf Jahre lang. In dieser Zeit kann der Eigentümer keinen Rückzieher machen. Die Gesellschaft aber kann die Option dann ziehen oder auch nicht. Man kann sich das wie eine Karte mit grünen und roten Einsprengseln vorstellen. Am Ende sucht sich der Gemeinderat einen Teil der grün markierten Flächen heraus, der Rest geht zurück an die Eigentümer und bleibt für die Zukunft Acker. Der Gemeinderat wird in einer komfortablen Lage sein.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Ministerin ruft Kommunen zur mehr Nachhaltigkeit auf
Nach welchen Kriterien fällt die Entscheidung für die Flächen?
Die Solidargemeinschaft spielt eine große Rolle. Es gibt große und kleine verfügbare Grundstücke, aber Priorität werden die kleinen Flächen und Kleinstgrundstücke haben. Das Projekt hat eine enorme Bedeutung für die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger. Umso wichtiger ist es, dass möglichst viele beteiligt werden – zumal der Ökopark, sollte er kommen, auch zu Beeinträchtigungen für die Bürgerinnen und Bürger vor Ort führen wird. Je mehr Bürgerinnen und Bürger am Grunderwerb beteiligt sind, desto höher ist später die Akzeptanz auch für das, was das Gewerbegebiet nach sich zieht. Außerdem haben wir eine maximale Transparenz: Jeder Eigentümer erhält 100 Euro pro Quadratmeter Acker. Es gibt für niemanden eine Ausnahme – keine Sondervereinbarungen und keinen Euro mehr. Deshalb sind die Notartermine freitags quasi öffentlich. Die Eigentümer gehen gruppenweise hin. Wir haben insgesamt sehr anständige Strukturen.
Dazu gehört auch, dass Sie jeden einzelnen der rund 500 Eigentümer persönlich sprechen.
Die Mehrzahl sind Eigentümergemeinschaften aus Erbfällen, mit zum Teil sehr vielen Nachkommen. All die Menschen einzubinden, ist uns sehr wichtig. Nachhaltigkeit ist auch soziale Nachhaltigkeit, und die beginnt bei der ehrlichen Kommunikation. Der Ökopark soll zum Schluss ein Stück der Heimat sein. Die Menschen identifizieren sich mit der neuen Entwicklung, wenn sie am Prozess beteiligt sind. Die meisten, die die Inhalte sehen, sind begeistert, auch wenn sie zuerst skeptisch oder kritisch waren. Ich bin selbst Waldbesitzer und habe großen Respekt, wenn Landwirte nicht verkaufen wollen – aber jeder soll umfassend informiert sein.
Korntal-Münchingen und der „Gewerbepark mit Modellcharakter“
Der Macher
Wolfgang Frey, Jahrgang 1960, ist Architekt, Stadtplaner und Visionär für die ganzheitliche Nachhaltigkeit, die umweltfreundliche und gesellschaftsorientierte Ideen vereint. Von 1981 bis 1987 studiert er Architektur an der Technischen Universität Berlin. Danach übernimmt er das Architekturbüro Frey seines Vaters. Das 1959 gegründete Büro hat sich dem nachhaltigen Bauen und ganzheitlicher Stadtentwicklung verpflichtet und schon 1972 in eigenen Modellprojekten erste Solaranlagen realisiert. 1998 baut Frey sein erstes Passivhaus, wobei er ausschließlich regenerative Materialien verwendet. Heute ist die Frey-Gruppe als Investor, Projektentwickler, Immobilienverwalter und Architekturbüro international tätig.
Das Projekt
Bis 2035 ergibt sich in Korntal-Münchingen ein Gewerbeflächenbedarf von bis zu 30 Hektar. Ein besonderes Augenmerk liegt nun auf dem im Regionalplan dargestellten regionalen Gewerbeschwerpunkt nördlich der Anschlussstelle A 81/B 10. Dort schwebt der Stadt ein „Gewerbepark mit Modellcharakter“ vor, ein „Leuchtturmprojekt“ im Hinblick auf Nachhaltigkeit. Im Fokus stehen Ökologie, Mobilität, Energie, soziale Einbindung und Vernetzung.
Die Gesellschaft
Um das Vorhaben voranzutreiben, arbeitet Korntal-Münchingen mit Wolfgang Frey zusammen. Mit ihm hat der Gemeinderat Kriterien und Leitlinien zur nachhaltigen Entwicklung des regionalen Gewerbeschwerpunktes erarbeitet und im Juni beschlossen. Zudem entschied das Gremium, eine Grundstücksgesellschaft zu gründen. Sie lotet die Grundstücksverfügbarkeit nördlich von Müllerheim aus und schließt Verträge. Auch das übernimmt das Büro Frey Architekten. Es geht um mehr als 130 Grundstücke mit mehr als 500 Besitzern.
Die Vorträge
Es wurde ein Beirat mit Mitgliedern aller Gemeinderatsfraktionen unter der Leitung von Bürgermeister Joachim Wolf (parteilos) eingerichtet, der sich von Experten wissenschaftlich beraten lässt. Im Sinne einer frühzeitigen, intensiven Bürgerbeteiligung kann die Öffentlichkeit an den Vorträgen der beratenden Fachleute nebst Fragerunden alle zwei bis drei Wochen teilnehmen. An diesem Dienstag, 12. Oktober, spricht um 18 Uhr im Widdumhof Münchingen Oliver Mäckel (Partner, Vice President Siemens Advanta Consulting) über „Energieversorgung und Mobilität in zukunftsorientierten Wohn- und Gewerbequartieren: smart, innovativ und nachhaltig.