Die Herren Vorstände waren konsterniert. Eine Frau im Vorstand? Bei der Deutschen Bank? Ernsthaft? Als der Vorstandschef Alfred Herrhausen das verkündet, erntet er erst einmal ungläubiges Gelächter. Nach der Vorstellung der künftigen Kollegin, Ellen Schneider-Linné, herrscht betretenes Schweigen. Keine Angst, sie beiße nicht, versucht die Neue die Situation zu entkrampfen. Schließlich ringen sich die Männer zu einem spärlichen Applaus durch.
Die Szene stammt aus dem aktuellen ARD-Mehrteiler „Herrhausen – der Herr des Geldes“, doch sie spielt im Jahr 1989. Dreieinhalb Jahrzehnte später sind Frauen in Führungspositionen zwar keine Exotinnen mehr, aber Aufholbedarf besteht noch immer. Daran erinnert regelmäßig die Allbright-Stiftung, die sich – auch im Interesse der Wirtschaft – für einen höheren Anteil von Managerinnen einsetzt. Im internationalen Wettbewerb würden die besten Köpfe benötigt, und das seien „natürlich nicht nur Männer“.
Seit Jahren liegt die „Zielgröße“ bei 25 Prozent
In den Vorständen der 40 Konzerne, die im Deutschen Aktienindex (Dax) vertreten sind, ist inzwischen jedes vierte Mitglied eine Frau. Doch es gibt noch ein letztes Dax-Unternehmen, das von einer reinen Herrenriege geführt wird: die börsennotierte Finanzholding Porsche SE in Stuttgart, die 53 Prozent der Stimmrechte am Volkswagen-Konzern hält. Das Sagen haben dort die Familien Porsche und Piëch, den Aufsichtsrat führt Wolfgang Porsche (81). Vorsitzender des Vorstands ist Hans Dieter Pötsch (73), seine drei Kollegen sind der Porsche-Vizechef Lutz Meschke, der Volkswagen-Rechtsvorstand Manfred Döss (66) und, seit 2022, als Youngster Johannes Lattwein (51).
Warum sind die Männer an der Spitze der kleinen Porsche SE mit Milliardenumsätzen, aber kaum 50 Beschäftigten noch unter sich? Hat man die Signale der Zeit dort nicht vernommen? Auf der ersten Führungsebene unterhalb des Vorstands liegt der Frauenanteil laut den Erklärungen zur Unternehmensführung bei 33 Prozent, auf der zweiten bei 25 Prozent. Am bekundeten Willen, das auch ganz oben zu ändern, fehlt es nicht. Schon 2017 beschloss der Aufsichtsrat eine „Zielgröße“ von 25 Prozent für den Vorstand; erreicht werden sollte das bis 2022. Doch dann wollte man unbedingt Lattwein für das Ressort Finanzen und IT; eine vergleichbar qualifizierte Frau stehe leider nicht zur Verfügung. Inzwischen wurde das Ziel auf 2027 vertagt.
Buch von Aufsichtsrätin: „Yes she can“
Im zehnköpfigen Aufsichtsrat sieht es schon etwas besser aus; seit Mitte 2023 gibt es dort zwei Frauen. Eine von ihnen, die österreichische Managerin Marianne Heiß (51), könnte ihren Kollegen höchst kompetent auf die Sprünge helfen: bereits 2011 veröffentlichte sie das Buch „Yes she can – die Zukunft des Managements ist weiblich.“ Bei der Porsche SE liegt diese Zukunft eben in etwas weiterer Ferne als bei allen anderen Dax-Konzernen.
Warum ist das so? Weshalb legt die tendenziell überalterte Herrenriege großen Wert darauf, eine Altersdiskriminierung durch starre Grenzen zu vermeiden – schafft es aber nicht, die Chancen für Frauen zu verbessern? Wann böte sich die nächste Gelegenheit dazu? Auf diese Fragen kommt von der Porsche SE nach längerer Bedenkzeit keine Antwort. Man wolle sich „zu dem Themenkomplex nicht äußern“, richtet der seit Anfang 2024 amtierende Unternehmenssprecher aus – ein hoch gelobter PR-Profi, der die Regeln der Branche („Man kann nicht nicht kommunizieren“) eigentlich bestens kennt.
Eine Frau als „bester Mann im Vorstand“
Bei der Deutschen Bank erwarb sich Ellen Schneider-Linné nach dem ersten Fremdeln übrigens rasch hohe Wertschätzung. Nach ihrem frühen Tod bedachte der Herrhausen-Nachfolger Hilmar Kopper sie mit dem für ihn höchsten Kompliment: „Sie war einfach unser bester Mann im Vorstand.“