Vorstandschef des VfB Stuttgart Was macht der VfB mit den Woltemade-Millionen, Herr Wehrle?
Der Vorstandsvorsitzende äußert sich zu den zurückliegenden Transferaktivitäten des VfB und zu möglichen Nachverpflichtungen im Winter.
Der Vorstandsvorsitzende äußert sich zu den zurückliegenden Transferaktivitäten des VfB und zu möglichen Nachverpflichtungen im Winter.
Hinter dem VfB Stuttgart liegt eine Transferperiode, die der Verein in dieser Form noch nicht erlebt hat. Vor dem ersten Bundesliga-Spiel nach Schließung des Wechselfensters beim SC Freiburg (Samstag, 15.30 Uhr/Liveticker) spricht der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle über den Rekord-Abgang von Nick Woltemade, die Lücke der Bundesliga zur englischen Premier League – und die Perspektiven der eigenen Nachwuchsspieler.
Herr Wehrle, Sie sind jetzt rund 20 Jahre im Fußballgeschäft aktiv. Haben Sie einen Transfersommer wie den zurückliegenden schon einmal erlebt?
Es war sicherlich ein außergewöhnlicher, spezieller Transfersommer. Und dass an den letzten zwei, drei Tagen des Wechselfensters noch einmal einiges geschieht, ist auch nicht immer der Fall. Insofern war dieser Sommer mit Blick auf die Intensität und die medialen Begleitumstände sicherlich nicht alltäglich.
Das gilt auch für das finanzielle Volumen. Nick Woltemade verließ den VfB für 85 Millionen Euro zu Newcastle United.
Wir hatten von Anfang an gesagt: Wenn ein außergewöhnliches Angebot kommt, sind wir Profis genug, um uns damit auseinanderzusetzen – was wir getan haben, als Newcastle angefragt hat. Und auch wenn der Zeitpunkt sehr spät war, müssen wir doch immer das Gesamtinteresse des Clubs im Auge behalten. Und da war dann relativ schnell klar, dass wir das Angebot aus England annehmen werden.
Ablehnen war keine Option?
Natürlich haben wir darüber diskutiert. Letztlich wurde unsere intern definierte Schmerzgrenze aber übertroffen, deshalb haben wir den Transfer abgewickelt. Wir haben eine Gesamtverantwortung für den VfB, diese gilt es bei schwierigen Entscheidungen immer zu berücksichtigen.
Wie fühlt sich so eine neue Dimension an? Wir reden hier schließlich vom größten Transfer, den der VfB in seiner Geschichte bisher abgewickelt hat und das mit einem Spieler, der vor einem Jahr ablösefrei aus Bremen zum VfB gewechselt ist.
Da hilft es natürlich, wenn man schon einige Tage im Geschäft dabei ist, um das alles einordnen zu können. Was die Dimension, aber auch was die Intensität und die zeitlichen Abläufe angeht, die man da zu bewältigen hat. Insgesamt waren es sehr abwechslungsreiche letzte Tage der Transferperiode, in denen wir ja auch noch die beiden Neuzugänge Badredine Bouanani und Bilal El Khannouss verpflichtet haben.
Wird dieser Transfersommer als Rekordsommer in die VfB-Geschichte eingehen?
Was den wirtschaftlichen Aspekt angeht, war das natürlich ein Rekordsommer. Wir haben ja nicht nur beträchtliche Transfereinnahmen erzielt, sondern auch investiert. Und es ist kein Geheimnis, dass wir nach dem Abgang von Nick Woltemade gerne noch einen Stürmer verpflichtet hätten, was leider nicht funktioniert hat.
Hier hat sich ein Spannungsfeld aufgetan. Auf der einen Seite der Trainer Sebastian Hoeneß, der nicht erwartet hatte, weiter an Substanz zu verlieren und noch einen Stürmer haben wollte. Auf der anderen Seite der Vorstand, der das große Ganze im Blick haben muss.
Ich weiß nicht, ob man das als Spannungsfeld beschreiben muss. Es ist doch völlig normal, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt. Ich finde es wichtig, dass man kritisch-konstruktiv miteinander diskutiert. Das erwarte ich sogar. Was ich an Fabian Wohlgemuth und Sebastian Hoeneß schätze, ist, dass sie am Ende einer Diskussion zielorientiert das große Ganze sehen und gemeinschaftlich für den VfB in eine Richtung gehen.
Es gibt Stimmen, die befürchten, der Trainer habe mit seinen Aussagen vor dem Mönchengladbach-Spiel der Mannschaft ein Alibi verschafft.
Das sehe ich nicht so, die Mannschaft braucht keine Alibis. Wir haben viele junge Spieler im Kader, es sind jetzt noch einmal zwei spannende, entwicklungsfähige Spieler dazu gekommen. Und wir haben ein Gerüst aus erfahrenen Akteuren, die Mischung ist gut.
Ist der vielleicht größte Gewinn des Transfersommers abseits der Einnahmen jener, dass der VfB, obwohl man in Nick Woltemade und Enzo Millot zwei Säulenspieler abgegeben hat, dennoch nicht so stark an Substanz verloren hat wie die Jahre zuvor?
Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir den Kader im Kern zusammenhalten und mit entwicklungsfähigen Talenten und erfahrenen Akteuren ergänzen wollen, um eine schlagkräftige Mannschaft für die anstehenden Aufgaben zu haben. Mit Enzo und Nick haben uns zwei Stammspieler verlassen. Auf der anderen Seite haben wir sieben Spieler dazugewonnen, denen wir einiges zutrauen. Aber wir müssen uns auch die Zeit nehmen, dass sich diese Mannschaft entwickeln kann.
Dennoch muss man festhalten: Der Stürmer Oh konnte in diesem Sommer nicht verpflichtet werden, Deniz Undav hat sich dazu noch verletzt. Ist es eine Option, im Winter noch einmal nachzulegen?
Es ist immer unsere Aufgabe, Eventualitäten einzubeziehen und reagieren zu können, unabhängig von der aktuellen Situation. Die Mittelstürmer-Position ist eine, die wir für das Winter-Transferfenster durchaus im Blick haben. Aber davor beobachten und bewerten wir erst einmal, wie die Mannschaft den Ausfall von Deniz kompensiert und wie wir nach seiner Rückkehr bis zum Winter abschneiden. Wir müssen stets vorbereitet sein.
Geld ist ja genug da.
Aber wir haben ja eine schwäbische Mentalität und geben nicht unnötig Geld aus. (schmunzelt) Spaß beiseite. Wenn wir überzeugt sind, dass uns ein Spieler weiterbringt, sind wir finanziell in der Lage, zu handeln.
Was bleibt denn von den Erlösen hängen?
Das ist eine wichtige Frage. Denn entscheidend ist immer die Nettobetrachtung und nicht die Bruttobetrachtung. Bei einigen Transfers in den vergangenen Jahren ist aufgrund der Vertragsgestaltungen netto nicht so viel geblieben, wie man das mit Blick auf die Ablösesummen vermuten könnte. Und man darf nicht vergessen, dass zwischen 2020 und 2022 insgesamt ca. 90 Millionen Umsatzverlust durch Corona die Ergebnisse belastet haben. Dazu kamen erhebliche Investitionen in den Stadionumbau, für den wir noch mehrere Jahre Kredite abbezahlen müssen. Wir haben zudem in den vergangenen drei Transferperioden auch erheblich in Neuzugänge investiert. Es ist also sicher nicht so, dass unser Festgeldkonto überläuft. Wir müssen weiterhin schwäbisch-vernünftig wirtschaften.
Ein Woltemade-Transfer hat aber schon das Volumen von zwei Champions-League-Teilnahmen?
Das ist keine unrealistische Größenordnung.
Für Millot und Woltemade hat man rund 120 Millionen Euro aus nicht unbedingt über jeden Zweifel erhabene Quellen mit saudi-arabischem Hintergrund eingenommen. Wie geht man mit der ethisch-moralischen Ebene dieser Transfersumme um?
Das Fußballbusiness hat sich hinsichtlich Transfersummen und Gehaltszahlungen in eine neue Dimension entwickelt. Dass die Premier League mit ihrer Investorenstruktur und dass Märkte wie Saudi-Arabien den europäischen Markt verändern, damit muss man sich auseinandersetzen. Wir als deutscher Fußball müssen schauen, wie wir in den kommenden Jahren die Lücke einigermaßen kleinhalten können. Dass wir sie geschlossen bekommen, ist mit Blick auf die Medienerlöse und die Besitzerstruktur der Premier League Clubs eher unrealistisch.
Was kann die Bundesliga dem entgegensetzen?
Wir müssen unseren eigenen Weg finden und an die Stärke des deutschen Fußballs glauben. Dazu zählen die 50+1-Regel, die Fankultur und die besondere Atmosphäre in den Stadien.
Und sportlich?
Wir müssen einen noch stärken Fokus darauflegen, in die Nachwuchsleistungszentren zu investieren und unsere Unterschiedsspieler selbst zu entwickeln – und immer mal wieder Spieler auch lukrativ zu verkaufen. Transfererlöse sind mittlerweile fester Bestandteil des Geschäftsmodells Profifußball.
Das kann aber nur funktionieren, wenn sich die Spieler aus der eigenen Jugend durchsetzen und Spielzeit erhalten. Das war beim VfB in Pflichtspielen zuletzt nicht der Fall.
Es gibt ein Spannungsfeld zwischen den Ansprüchen eines international spielenden Clubs, der wir mittlerweile sind, und der Integration der Nachwuchsspieler in den Profikader. Es ist aber unser klar definiertes Ziel, dass in den nächsten Jahren der eine oder andere Youngster aus dem eigenen Nachwuchs bei den Profis dauerhaft Fuß fasst. Unsere Talente bekommen von unserem Trainerteam erfreulicherweise viel Trainingszeit bei den Profis und können sich für den Kader anbieten. Es gibt aber keinen Freifahrtschein, letztlich steht das Leistungsprinzip über allem.