Vorstandschef des VfB Stuttgart „Wir gehen mit Nick Woltemade in die nächste Saison. Punkt!“

Alexander Wehrle (links) plant fest mit Nick Woltemade – und spricht im Interview mit unserer Redaktion auch über die Lage bei Angelo Stiller und Enzo Millot. Foto:  

Alexander Wehrle äußert sich zur Zukunft und einer möglichen Vertragsverlängerung des umworbenen Torjägers – und blickt auf den Transfersommer voraus.

Der Ball ruht, die Zukunftsplanungen aber laufen beim VfB Stuttgart auch in der Sommerpause auf Hochtouren. Der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle spricht über die veränderte Verhandlungsposition des Clubs auf dem Transfermarkt sowie das wachsende Interesse an Shootingstar Nick Woltemade – und sagt, wo er mittelfristig mit dem VfB hin will.

 

Herr Wehrle, alle VfB-Profis haben zurzeit noch Pause – bis auf Nick Woltemade, der bei der U-21-EM trifft und trifft und trifft. Freuen Sie sich darüber oder schauen Sie sorgenvoll auf das Turnier, weil sich andere Vereine auf den Stürmer stürzen könnten?

Natürlich freue ich mich für die deutsche U 21 und auch für Nick. Wir wollen doch alle, dass die Mannschaft weit kommt und den deutschen Fußball gut und erfolgreich vertritt. Für Nick ist sein bisher starker Auftritt zudem eine weitere Bestätigung der außergewöhnlichen Entwicklung, die er hier beim VfB genommen hat.

Und Sie befürchten nicht, dass ein potenter Club anklopft?

Nein, Befürchtung ist in diesem Zusammenhang das falsche Wort. Wir freuen uns über seine Gesamtentwicklung in den vergangenen Monaten und wir freuen uns darauf, mit ihm in die anstehende Saison zu gehen, in der wir international vertreten sind.

Wird sich der angesprochene Leistungssprung in naher Zukunft in einem neuen, höher dotierten Vertrag für Nick Woltemade beim VfB Stuttgart auszahlen?

Es ist noch viel zu früh, um darüber öffentlich zu reden. Nick ist jetzt ein Jahr beim VfB und sein Vertrag läuft noch drei weitere Spielzeiten. Da gibt es keinen Grund, sofort zu handeln. Zudem befinden wird uns ständig im Dialog mit unseren Spielern und ihren Beratern. Das gilt auch in Nicks Fall.

Nick Woltemade sorgt derzeit bei der U-21-EM mit seinen Toren für Aufsehen. Foto: imago/DeFodi Images

Wie nehmen Sie es wahr, wenn in der öffentlichen Meinung bereits gefordert wird, der VfB müsste das Gehalt von Nick Woltemade erhöhen, um ihn zu halten?

Wie immer – wir nehmen das gelassen zur Kenntnis. Ähnlich wie im vergangenen Jahr, als es öfter hieß, bestimmte Spieler hätten in anderen Städten schon Wohnungen oder Häuser gemietet. Sie spielen aber immer noch für den VfB Stuttgart. Diese Spekulationen gehören zum Geschäft. Für mich ist immer entscheidend: Was bespreche ich direkt mit dem Spieler und seinem Berater? Und von dieser Seite befürchte ich im Moment nicht, dass Nick Woltemade den VfB Stuttgart verlassen will.

Hat der Spieler im Fall der Fälle denn ein Preisschild umhängen, bei dem der VfB schwach werden würde?

Nein. Grundsätzlich ist es in der Bundesliga jedoch so, dass mit Ausnahme des FC Bayern München jeder Verein ab einer gewissen Summe sich aus finanziellen Gründen gesprächsbereit über den Transfer eines Leistungsträgers zeigen muss. Das betrifft natürlich auch uns. Ich kann an dieser Stelle aber nur betonen: Wir gehen mit Nick in die nächste Saison. Punkt!

Gab es Vorstöße von anderen Vereinen?

Nein, es gab noch kein mündliches, schriftliches oder sonstiges Angebot für ihn.

Gilt die Aussage, dass der VfB mit ihm in die anstehende Runde geht in gleichem Maße für Angelo Stiller?

Ja.

Bedeutet das, dass der Kern der Mannschaft, die den Pokalsieg erreicht hat, zusammenbleibt? Im Gegensatz zum Sommer 2024, als Stammkräfte des Vizemeisters gegangen sind?

Ja, wir wollen das Team zusammenhalten und es weiterwachsen lassen. Der Unterschied zum vergangenen Jahr liegt jetzt vor allem darin, dass uns damals in Serhou Guirassy, Waldemar Anton und Hiroki Ito Spieler verlassen haben, die eine Ausstiegsklausel in ihren Verträgen hatten. Jetzt verhält sich das mit wenigen Ausnahmen anders. Wir befinden uns also für die anlaufende Transferzeit in einer besseren Ausgangssituation.

Ist es eine der wichtigen Veränderungen, dass der VfB sich nun in einer besseren Verhandlungsposition befindet?

Ja, so kann man das sagen. Wir haben es geschafft, Verträge mit deutschen Nationalspielern zu verlängern – ohne, dass sie über Ausstiegsklauseln verfügen. Es bleibt auch unser Ziel, Verträge ohne Ausstiegsklauseln abzuschließen. Das bedeutet aber keineswegs, dass uns nie wieder ein Spieler verlassen wird. Es wird weiter Transferaktivitäten geben. Woo-yeong Jeong wird zum Beispiel gehen, andere werden folgen. Und Lorenz Assignon haben wir frisch verpflichtet.

Er hat mehr als elf Millionen Euro gekostet. Muss am Ende dieser Transferzeit dennoch ein Überschuss stehen?

Nein, wir haben mit der Verpflichtung gezeigt, dass wir nicht zwingend auf Transfereinnahmen angewiesen sind, um uns zu verstärken. Da ging es immerhin um einen zweistelligen Millionenbetrag. Dennoch: Wir haben diesbezüglich Vorgaben mit dem Aufsichtsrat abgestimmt, die allerdings natürlich intern bleiben.

Alexander Wehrle mit unseren Redakteuren Gregor Preiß, David Scheu und Carlos Ubina (v.l.). Foto: red/StZN

Rechnen Sie mit dem Abgang von Enzo Millot? Er verfügt ja als einer der wenigen VfB-Spieler noch über eine Ausstiegsklausel.

Sagen wir es so: Bislang ist noch kein Verein konkret auf uns zugekommen und auch der Spieler nicht. Hinterlegt ist nur, dass Enzo sich eine Veränderung vorstellen kann. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn Enzo mit uns die kommende Europa-League-Saison spielen würde.

Haben Sie sich für die Europa-League-Saison neue Ziele gesetzt?

Nicht, wenn es um eine Platzierung geht. Wir wollen in allen drei Wettbewerben so erfolgreich Fußball spielen wie möglich. Wir sind zuletzt gut damit gefahren, zunächst inhaltlich zu denken und die Mannschaft zu entwickeln und zu verbessern. Diese Herangehensweise hat uns die Vizemeisterschaft und den Pokalsieg gebracht. Eventuell kann es zu einem späteren Zeitpunkt in der Saison sinnvoll sein, ein Saisonziel in Form eines Platzierungskorridors zu konkretisieren.

Ist es ein Ziel, zum dritten Mal hintereinander auf die internationale Bühne zu gelangen?

Clever formuliert, aber ich bleibe dabei: Wir geben unsere Saisonziele nicht in konkreter Form nach außen. Wir beschäftigen uns lieber intern damit, wie wir den nächsten Entwicklungsschritt erreichen – als Club, als Mannschaft, als Einzelspieler. Unsere Devise lautet daher: Leistung bringen und an Stabilität gewinnen.

Sie haben beim VfB das Strategiepapier 2030 erarbeitet. Was ist langfristig möglich – Top drei in der Bundesliga?

Nein, das nicht. In der mittel- und langfristigen Ausrichtung sollte es aber unser Anspruch sein, dass wir uns möglichst oft für Europa qualifizieren.

Müsste sich der VfB nicht dauerhaft für das internationale Geschäft qualifizieren, um für Spieler und Sponsoren attraktiv zu bleiben und wirtschaftlich zuzulegen?

Schon, Sie müssen sich aber vor Augen führen, wer in der Bundesliga diesbezüglich unsere Wettbewerber sind. Der FC Bayern, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und RB Leipzig verfügen über ganz andere finanzielle Mittel und Möglichkeiten als wir. Dazu zähle ich auch den VfL Wolfsburg. Und Eintracht Frankfurt hat sich eine starke Position erarbeitet. In puncto Umsatz und Ausgaben für die Lizenzspieler stehen auch die Frankfurter auf einer höheren Stufe. Wir versuchen nun, die Lücke schrittweise zu verkleinern. Das ist ein schwieriges Unterfangen.

Haben Sie Sorge, dass ihre Anteilseigner Mercedes und Porsche durch die allgemein schwierige Phase in der Automobilbranche in Schwierigkeiten geraten könnten?

Man muss die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und die geopolitische Lage aufmerksam verfolgen, gar keine Frage. Es gibt aber keinen Anlass zur akuten Sorge. Wir sind im ständigen und intensiven Dialog mit unseren Partnern – und das Bekenntnis von beiden als Anteilseigner ist eindeutig.

Zum neuen Strategiepapier gehören auch Infrastrukturmaßnahmen. Wie ist der Stand in Sachen Stadion für die Frauen und die U 21?

Es laufen mehrere Machbarkeitsstudien, was den Platzbedarf angeht. Diese werden voraussichtlich im Laufe dieses Jahres abgeschlossen sein und vorliegen. Danach können wir mehr sagen und in den Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern gehen. Zwei Rasenplätze auf der gegenüberliegenden Seite der Mercedesstraße haben wir aber schon jetzt hinzubekommen, die wir gerade auf unsere Kosten aktivieren und in Stand setzen.

Das kostet den VfB einiges an Geld.

Sicher, wir achten aber sehr darauf, dass das Verhältnis von Investitionen in die Infrastruktur und in die sportliche Wettbewerbsfähigkeit weiter ausgewogen sind. Insgesamt haben sich die Anforderungen an den VfB in den vergangenen Jahren jedoch verändert. Wir spielen mit der U 21 inzwischen wieder in der dritten Liga und haben die Frauen-Bundesliga als klares Ziel ausgegeben. Das erfordert ein entsprechendes Stadion und infrastrukturelle Investitionen, die dann einen finanziellen Faktor darstellen.

AG-Chef mit Langzeit-Vertrag

Ämter
Alexander Wehrle (50) führt den Vorstand der VfB AG seit März 2022. Im April verlängerte der Aufsichtsrat den Vertrag bis 2030. Zudem ist Wehrle Aufsichtsratsvorsitzender der DFB GmbH & Co. KG.

Anfänge
Zwischen 2003 und 2013 war der Diplom-Verwaltungswissenschaftler aus Bietigheim-Bissingen bereits beim VfB tätig als Referent des Vorstands. Danach wurde Wehrle Geschäftsführer des 1. FC Köln, ehe er vor drei Jahren nach Stuttgart zurückkehrte.

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