Vorurteile über Stuttgart Ist unsere Stadt wirklich hässlich?

Vom Wernhaldenpark im Stuttgarter Süden hat man einen wunderschönen Blick auf unseren Kessel. Doch warum gilt Stuttgart trotzdem oft als hässlich? Foto: Joachim Baier

Immer wieder wird behauptet, dass Stuttgart eine hässliche Stadt sei. Zuletzt im Podcast "Gemischtes Hack" von Felix Lobrecht und Tommi Schmitt. Doch warum steht unsere Stadt oft so schlecht da? Unser Autor sucht nach Erklärungen.

Stuttgart – Dass Leute schlecht über Stuttgart sprechen, ist nichts Neues. Man hat sich daran gewöhnt. Wie kann man nur freiwillig in Stuttgart leben? Wer tut sich diese Stadt an? Und können wir vor lauter Feinstaub überhaupt noch atmen? Ja, wer kennt sie nicht, die ewigen Anti-Stuttgart-Phrasen, mit denen wir regelmäßig konfrontiert werden? Und normalerweise juckt uns das Geschwätz der anderen bekanntlich wenig.

 

"Reich, hässlich und stillos"

Doch als Felix Lobrecht vom Podcast „Gemischtes Hack“ diese Woche von seinem Besuch in Stuttgart sprach, blieb mir vor Schreck dann doch die Butterbrezel im Hals stecken. Stuttgart sei, wie so mancher Promi, "reich, hässlich und stillos". Außerdem sei die Stadt eine riesengroße Baustelle und alles, was hier neu gebaut wird, sehe auch "kacke" aus. Sein sehr nachvollziehbarer Tipp: „Schaffe, schaffe, Häusle baue – aber auch mal fertig werden!" Auch sein Podcast-Kollege Tommi Schmitt wurde mit Stuttgart bisher nicht so richtig warm, die Kessellage mache ihn wahnsinnig und warum wir überhaupt immer so "unkritisch" vom „Kessel“ sprechen, verstünden beide nicht. 

Baustellen und Beton

Nach dem ersten Schock, die Butterbrezelsituation ging nochmal glimpflich aus, musste ich dann doch lachen. Denn ich kann die beiden sehr gut verstehen. Ich liebe unsere Stadt, aber auf den ersten Blick gibt Stuttgart aktuell, oder auch schon länger, wirklich ein eher irritierendes Bild ab. Wer zum Beispiel am Hauptbahnhof aussteigt, wird nicht nur von einer berühmten riesigen Baustelle begrüßt, sondern inzwischen auch noch von der bröckelnden Fassade des Bonatzbaus. Schön hier.

Und auch ein paar Meter weiter sieht Stuttgart nicht einladender aus. Die meist im Stau stehenden Autos treffen auf Beton und noch mehr Baustellen rund um die Königstraße. „Stuttgart ist nur grau“, höre ich die Leute oft sagen. Jedoch sind das dann hauptsächlich Menschen, die mit dem Zug am Hauptbahnhof ankommen und einmal die Königstraße hoch und runterlaufen, „in die Stadt gehen“, ohne die Stadt dabei wirklich kennenzulernen.

Denn, machen wir uns nichts vor – unsere Innenstadt ist augenscheinlich eine Großbaustelle. Inzwischen gibt es hier fast keine Ecke mehr, in der man nicht von Presslufthammern und Bauschutt begrüßt wird. Fast kein Gebäude, an dem nicht irgendwas abgerissen oder hingebaut wird. Und so kann ich die Menschen verstehen, die erstmal einen schlechten Eindruck von Stuttgart haben. 

Zu den Stuttgarter Baustellen gesellt sich dann noch der Verkehr, der Müll, der trotz gelebter Kehrwoche allgegenwärtig ist, und die schwäbische Art der Leute, die oft als Unfreundlichkeit ausgelegt wird, und schon ist das (negative) Bild unserer Stadt perfekt. Doch der Kessel kann auch wunderschön sein. Und ja, ich sage Kessel, ganz unkritisch. Warum? Da antworte ich, ganz schwäbisch: Des isch halt so!

Wir können auch anders 

Aber ist Stuttgart jetzt wirklich so hässlich? Es kommt immer drauf an! Mein Tipp, an alle, die hier nur Beton und Baustellen sehen: Einfach mal ein bisschen weiter rauslaufen, weg von der teils chaotischen Innenstadt, die Stäffele hoch, in den Stuttgarter Süden und Westen, am Schlossplatz eine große Runde durch den Schlossgarten drehen, hoch zum Rosensteinpark, ab an den Bärensee, den Kräherwald, ans Teehaus, ins Lehenviertel, zur Seilbahn in Heslach oder ganz touristisch hoch hinauf auf den Fernsehturm. Ihr werdet sehen: Wir können auch schön und Natur. Schließlich sind wir in besagtem Kessel von Natur umgeben, wir nennen das hier ganz "unkritisch" Wald. Und wer doch nur die Innenstadt sehen will, auch dort gibt es sie tatsächlich: die coolen Spots. 

Eine Liebe auf den zweiten Blick 

Jetzt muss ich meine Lieblings-Podcaster natürlich in Schutz nehmen. Wenn man hier nur für einen Gig in der Stadt ist, sieht man vermutlich nur besagte Baustellen, den Stau und die Event-Venues. Und sind wir mal ehrlich: Rund um die Schleyerhalle, die ironischerweise vielleicht bald abgerissen und neu gebaut wird, und andere Veranstaltungsorte, ist die Stadt wirklich nicht schön im Sinne von: da möchte ich auf jeden Fall eine Runde spazieren gehen. Auch wenn Felix Lobrecht bei seinem Auftritt auf der Freilichtbühne auf dem Killesberg war, was ja prinzipiell schon mal weg von Beton und Baustellen ist. Es sei ihm verziehen. 

Ja, Stuttgart ist oft eine Liebe auf den zweiten Blick. Das Verkehrschaos auf den Straßen, Baulärm an gefühlt jeder Ecke und so manche schwäbische Macken werden uns immer wieder einholen. Und trotzdem liebe ich unsere Stadt, unseren Kessel. Spätestens wenn man Stuttgart richtig kennenlernt, die Stadt mit all ihren Facetten sieht, die Stäffele erklimmt und auf die Stadt blickt, vor den Cafés in der Sonne sitzt, die Kultur erlebt, Wein und Maultaschen und Spätzle in den Weinstuben serviert oder an jeder Ecke richtig gute Brezeln bekommt, kann man den Kessel eigentlich nur lieben, gell?!

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