Wacken Open Air Böblingerin zwischen Metalheads im Einsatz
Daria Hertkorn arbeitet beim Wacken Open Air für den Suchdienst des DRK. Sie berichtet von ihren Erfahrungen auf einem der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt.
Daria Hertkorn arbeitet beim Wacken Open Air für den Suchdienst des DRK. Sie berichtet von ihren Erfahrungen auf einem der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt.
Wenn dieser Tage Zehntausende Metalfans beim Wacken Open Air headbangen, Lieder mitgrölen und sich in der Musik verlieren, gibt es eine Frau, die den Überblick behält: Daria Hertkorn.
Die Böblingerin arbeitet auf dem Festival beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Sie weiß, wer wo und wann medizinisch behandelt wird und kann Angehörigen und Freunden Auskunft über den Aufenthaltsort der Patienten geben.
Zusammen mit vier anderen DRKlern teilt sie sich die Schichten in der sogenannten Personenauskunftsstelle. Ihr ehrenamtliches Engagement, die Zeit, die sie investiert, tragen dazu bei, dass eines der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt stattfinden kann. Zwischen 30. Juli und 2. August treten in der Gemeinde Wacken in Schleswig-Holstein mehr als 200 Bands und Acts auf, rund 85 000 Besucherinnen und Besuchern sind vor Ort.
Mitten drin Daria Hertkorn. Mit einer Tätigkeit, von der bislang vermutlich nur wenige gehört haben oder eher mit der deutschen Nachkriegszeit verbinden. Der Suchdienst des DRK ist nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, um Angehörige, die sich in den Wirren der letzten Kriegstage verloren hatten, zusammenzuführen. Den Suchdienst gibt es heute noch, organisiert in sogenannten Personenauskunftsstellen.
Hertkorn leitet ehrenamtlich die Personenauskunftsstelle des Kreisverbands Böblingen. Aufgabe des Suchdienstes ist es heutzutage vor allem im Fall von Katastrophen, Großschadensereignissen oder bei Großveranstaltungen eine Anlaufstelle einzurichten, um Suchanträge entgegennehmen zu können und Auskunft zu geben. Allerdings kommt all das im Kreis Böblingen eher selten vor.
Für Hertkorn bietet eine Großveranstaltung wie Wacken daher eine „sehr gute Übungsbasis“. Zusammen mit drei Mitstreitern der Böblinger Personenauskunftsstelle und einem Sanitäter des Herrenberger DRK-Ortsvereins ist sie am Samstag Richtung Schleswig-Holstein gestartet.
Ihre Arbeit hat bereits am Sonntag begonnen, mit der Anreise der ersten Besucherinnen und Besucher. Eine Woche lang, bis Samstagnacht, erfassen Hertkorn und ihre Kolleginnen und Kollegen in Zwölfstundenschichten hauptsächlich Patientenprotokolle – zwischen 2000 und 3000 Stück, so Hertkorn. „Wenn jemand kommt und sagt: Mein Freund wurde hier medizinisch behandelt, können wir nachschauen, wo er ist und wie die Situation ist.“ Sie seien auch Anlaufstelle, wenn jemand seine Freunde verloren hat. Das passiere jedoch eher selten.
Als Helferin bekommt Hertkorn spannende Einblicke. Zwischen 500 und 600 Sanitäter aus ganz Deutschland, aber ebenso aus der Schweiz oder Dänemark und 200 bis 300 Ärztinnen und Ärzte seien auf dem Festival im Einsatz. Einen weiteren Mitstreitern aus dem Kreis Böblingen haben Hertkorn und ihr Team inzwischen auch schon getroffen: einen Sanitäter der DLRG (Deutsche Lebensrettungs Gesellschaft) aus Weil der Stadt.
„Wir haben eine ganze Zeltstadt dort oben“, berichtet die DRKlerin. Vom Feldbett bis zum Intensivbett sei alles vorhanden, inklusive großem Materiallager. Quads stehen bereit, um bei Bedarf schnell alle Ecken des Geländes zu erreichen. Ein DRK-Ortsverein aus Schleswig-Holstein kümmert sich um die Verpflegung aller Helfer.
Hertkorn und ihr Team dürften auch kostenlos auf dem Gelände übernachten, sie bevorzugen jedoch eine Unterkunft etwas außerhalb, die sie selbst bezahlen. Mit ihrem gratis Festivalbändchen haben sie Zugang zu allen Auftritten und Acts. Ein Traum für Metalfans – nur, dass Hertkorn gar keiner ist. Trotzdem würde sie wohl auf keinem anderen Festival lieber arbeiten als auf dem Wacken Open Air. Sie fahre dorthin wegen der Erfahrung und der viel beschworenen besonderen Stimmung.
Der Spruch „harte Schale, weicher Kern“ scheint bei den Metalheads zuzutreffen. „Es passiert ganz oft, dass wir plötzlich angetippt werden und jemand einfach nur ,Danke’ sagt.“ Hertkorn berichtet mit Tränen in den Augen von Anerkennung und Hilfsbereitschaft, die sie anderswo so selten erlebt habe. Besucherinnen und Besucher packten mit an, wenn sie Bedarf sehen. Und: „Unserer ehrenamtliche Arbeit wird dort wertgeschätzt.“
Im Jahr 2015 war Hertkorn das erste Mal beim Wacken Open Air im Einsatz, ein Kollege aus Reutlingen hatte sie mitgenommen. Inzwischen fährt sie zum neunten Mal dort hoch. „Es ist wie heimkommen.“ Und obwohl die Musik „nicht meine“ ist, wie sie sagt, findet Hertkorn ihre Nischen. In diesem Jahr will sie den Auftritt von BAP hören und der Sängerin von Nightwish, Floor Jansen, lauschen.
Wacken Open Air
Seit 1990 verwandelt sich die kleine Gemeinde Wacken (rund 2000 Einwohner) beinahe jährlich (bis auf die Coronazeit) in ein Mekka für Heavy-Metal-Fans. Die Besucherzahlen stiegen von 800 im ersten Jahr auf rund 85 000 im vergangenen Jahr an. Headliner in diesem Jahr ist die US-amerikanische Hard-Rock-Band Guns N’ Roses.
Personenauskunftsstelle
Inzwischen arbeiten die ehrenamtlichen Helfer des DRK-Suchdienstes nicht mehr mit Karteikarten wie nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern mit modernen Mitteln der Datenverarbeitung. Ihre Aufgabe aber ist nach wie vor die gleiche: Personendaten zu erfassen und sie bei Bedarf möglichst effektiv durchsuchen zu können.