Wärmeplanung in Stuttgart-Degerloch Werden Siedlungen wie diese beim Heizen abgehängt?

Ein typisches Haus in der Degerlocher Albsiedlung. Momentan wird hier vor allem mit Gas geheizt. Jürgen Schmid von den Stuttgarter Naturfreunden argumentiert für ein Wärmenetz. Foto: Lichtgut/Ines Rudel

Das Problem haben einige Quartiere in Stuttgart: ein Wärmenetz ist nicht geplant, obschon es sich vor allem um große Mehrfamilienhäuser handelt. Am Beispiel Degerloch erklärt Jürgen Schmid, warum für ihn die Wärmeplanung der Stadt nicht passt.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Wer an Degerloch denkt, denkt womöglich schnell an stattliche Villen. Doch es gibt im einstigen Luftkurort auch Gegenden, in denen leben die Menschen weniger weitläufig als am Rande der Waldau. Die Albsiedlung zwischen Bundesstraße und Albstraße ist so eine Gegend, geprägt von Mehrfamilienhaus-Riegeln. Hier wohnen viele Leute auf wenig Raum. Sie heizen heute fast ausschließlich mit Gas. Wie soll das in Zukunft aussehen?

 

Die Stuttgarter Wärmeplanung jedenfalls gebe darauf die falsche Antwort, sagt Jürgen Schmid. Er ist selbst Degerlocher, wohnt aber am anderen Ende des Bezirks; er ist der Sprecher der Stuttgarter Naturfreunde. Zusammen mit anderen Umweltinitiativen aus der Stadt kritisiert er, was die Stadtverwaltung vorhat: für ganz Stuttgart mehr als zwei Dutzend kleine Nahwärmenetze, der Rest Wärmepumpen, mit Blick auf die Gesamtstadt etwa halbe-halbe. Das seien Insellösungen statt ein Gesamtkonzept, sagt Schmid. Er und die anderen beurteilen das als ungerecht. Eben weil Gebiete wie die Degerlocher Albsiedlung dabei Gefahr liefen, abgehängt zu werden. „Sie bleiben außen vor.“ Die Stadt plane zu schmal.

Übersicht über die Wärmeplanung in Stuttgart

Peter Drausnigg, der technische Geschäftsführer der Stadtwerke Stuttgart, hat unlängst erläutert, welche elf Nahwärmenetze man nun zunächst konkret angeht. Darüber hinaus sind weitere geplant. Unsere zoombare Karte zeigt die Gebiete der Stuttgarter Wärmeplanung. Orange sind Gebiete eingefärbt, in denen bereits Wärmenetze vorhanden sind, rot sind Problemgebiete, in denen das Heizen der Zukunft zur Herausforderung wird, blau, grün und gelb Planungsgebiete, in denen weitere Netze geplant sind. Überall dort, wo im Stadtgebiet keine Farbe zu sehen ist, ist Einzelversorgung vorgesehen.

In Degerloch wäre demnach ein Nahwärmenetz auf der Waldau denkbar. „Aufgrund des Wärmequellenpotenzials“, teilt Oliver Hillinger fürs Amt für Umweltschutz mit. „Eine wichtige Rolle spielt zudem, dass sich die Potenzialflächen in der Hand der Stadt befinden.“ Zudem sei ein Netz in Degerloch-Mitte nötig, mangels Alternativen. „Dort ist keine Einzelversorgung möglich“, so der Stadt-Sprecher. Es gehöre ohnehin zu den Gebieten mit besonderen Herausforderungen. Das Energiepotenzial in Degerloch sei sehr begrenzt.

Besonders bitter aus der Sicht des Naturfreunds Jürgen Schmid: Die Energiezentrale für das Gebiet Degerloch-Mitte soll laut städtischer Planung an den Schulen am Rande der Albsiedlung untergebracht werden. Die Wärme würde dann aber eben von dort weggeleitet werden.

Schüler laufen durch die Albsiedlung: An den Schulen könnten Energiezentralen entstehen – allerdings nicht für die Albsiedlung. Foto: Lichtgut/Ines Rudel

Für die Albsiedlung schließt das Amt für Umweltschutz, das für die Wärmeplanung verantwortlich ist, Wärmepumpen nicht aus. „Die Gebäude und die Platzverhältnisse in der Albsiedlung variieren sehr stark“, teilt der Stadtsprecher Oliver Hillinger mit. Eine pauschale Aussage sei nicht möglich. Nahe der Gebäude sei aber ausreichend Platz. Sei es für Wärmepumpen-Container oder Luft-Wasser-Wärmepumpen. „Die Nutzung von Geothermie und die Aufstellung der Wärmepumpen im Heizungsraum anstelle der Gaskessel erscheint ebenfalls in vielen Fällen möglich“, so die Stadt. „Alternativ ist auch die Nutzung von PV-T oder Luft-Wasser-Wärmepumpen auf dem Dach denkbar.“ Oder aber eine Etagen-Wärmepumpe als Anbau oder Balkonerweiterung.

Die Flüwo weiß noch nicht, wie es weiter geht

Die Wohnungsbaugenossenschaft Flüwo, die in der Albsiedlung nach eigenen Angaben 17 Gebäude besitzt, hat offenbar bisher noch kein Konzept, wie es beim Heizen in Zukunft weitergehen soll. Auf eine Anfrage unserer Redaktion kommt eine pauschale Antwort. „Wir sind gerade in der Planung“, teilt der Flüwo-Sprecher Andreas Hahn mit. „Es gibt noch keine abschließenden Entscheidungen. Es wäre unredlich, schon etwas zu sagen, was wir noch nicht wissen.“

Einer, der sich mindestens so viele Gedanken über die Albsiedlung macht, ist Jürgen Schmid. Er sagt, man habe da eine Idee, die sei aber noch nicht spruchreif. Für den Ingenieur und Rentner ist die unzureichende Wärmeplanung der Stadt das Thema, das ihn zurzeit am meisten beschäftige. „Es ist eigentlich ein Fulltime-Job“, sagt er.

Eigentlich sei ihnen ein Bürgermeistergespräch versprochen worden, berichtet Schmid. Dazu kommt es jedoch nicht. „Aber wir dürfen mit Herrn Neft, dem Leiter des Amts für Umweltschutz, reden.“ Und das werden sie auch, denn bisher gelte: „Momentan sind die Ohren der Stadt verschlossen.“

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