Seit Kurzem steht fest, welche Quartiere in Stuttgart sich für ein Wärmenetz eignen. Daneben gibt es noch 13 Gebiete in der Stadt mit großen Tücken. Eine Vor-Ort-Tour in dreien davon.
Für Stuttgart liegt seit Kurzem eine Wärmeplanung vor. Aus den knapp 400 Seiten lässt sich ablesen, welche Gebiete in der Stadt bereits ein Wärmenetz mit Fernwärme haben, welche eines bekommen dürften, aber auch, wo Immobilienbesitzer auf die Eigenversorgung setzen sollen– klassischerweise dürfte dies eine Wärmepumpe sein. Darüber hinaus gibt es insgesamt 13 Gebiete, in denen die Stadt besondere Herausforderungen sieht.
Kompliziert sind die Gegenden aus mehreren Gründen. Weil die Gebäude vielen Privateigentümern gehören und eine Vielzahl an Ansprechpartnern die Sache nicht einfacher macht. Oder weil es an erneuerbaren Energiequellen wie Erd- oder Abwärme mangelt. Und auch weil die Einzelversorgung dort nicht funktioniert, weil es zum Beispiel keine geeigneten Plätzen für Wärmepumpen gibt. Fernwärmenetze mit dezentraler Energiequelle erscheinen daher als die beste, wenn auch nicht einfachste Lösung. Laut Jürgen Görres, dem Leiter der städtischen Energieabteilung beim Amt für Umweltschutz, ist es das Ziel, im Laufe des Jahres 2024 Antworten zu finden. „Man muss in diesen Gebieten ein bisschen um die Ecke denken.“
Ein Vor-Ort-Besuch in dreien der 13 Problemgebiete – nämlich in Vaihingen-Mitte, Lehen/Dobel sowie Zuffenhausen-Mitte – zeigt die unterschiedlichen Gesichter dieser Stadt. Und welche Mammutaufgabe wartet, um die klimaschädlichen Emissionen bis 2035 auf null zu bringen.
Das Problemgebiet Vaihingen-Mitte ist dörflich geprägt. Foto: Quelle Stadt Stuttgart/Grafik Locke
Vaihingen-Mitte
Die Paradiesstraße ist nicht das, was ihr Name verspricht. Jedenfalls nicht beim Heizen der Zukunft. Die Straße, die das Heizproblemgebiet Vaihingen-Mitte am nördlichsten Rand begrenzt, gehört gerade noch zu dem Bereich, für den die Stadt Stuttgart derzeit nicht weiß, wie die Gebäude künftig klimafreundlich beheizt werden können. Ein Anwohner hat selbst vorgesorgt, vor seinem Haus steht eine Luft-Wärmepumpe. Ein Ausnahmefall.
Von der Paradiesstraße geht es rechts in die Straße In der Lüsse. Hier wohnt Ulrike Oster Eck in einem Einfamilienhaus. Das Gebäude aus dem Jahr 1934 hat eine Gas-Brennwerttherme im Keller. Die Frau, Mitte 60, hat bisher nicht gewusst, dass sie in einem Problemheizgebiet lebt. Die Nachbarn drüben auf der anderen Straßenseite gelten laut der Stadt als Eigenversorger, das Haus von Ulrike Oster Eck hat gute Chancen, einem Wärmenetz zugeschlagen zu werden. Wobei ein Anschluss nicht Pflicht wäre. Sie hat sich schon ihre Gedanken übers Heizen in der Zukunft gemacht, bisher allerdings ohne Ergebnis. „Klar ist, morgen mache ich es nicht“, sagt sie und meint die Umstellung auf eine klimafreundlichere Wärmequelle. „Das ist ja auch eine Aufgabe, die mit extremen Kosten verbunden ist.“
Das Gebiet Vaihingen-Mitte, das zu den 13 Problemgebieten in der Stadt gehört, erstreckt sich von der Paradiesstraße bis knapp unter die Hauptstraße. Die Gegend ist, mal abgesehen vom Zentrum rund um den Schillerplatz, eher dörflich geprägt. In den Wohnstraßen finden sich einige ehemalige Bauernhäuser. Pluspunkt ist der Abwasserkanal, der unter Vaihingen-Mitte verläuft, denn der ließe sich laut Jürgen Görres, dem Leiter der städtischen Energieabteilung, als Wärmequelle anzapfen. Doch das werde nicht reichen, um die knapp 3000 Wohneinheiten zu beheizen.
Die gute Nachricht: Rund um das Problemgebiet gebe es Geothermie-Potenzial, sagt Görres. Daher richtet sich das Augenmerk auf den Fanny-Leicht-Park am nordöstlichen Rand des Gebiets. Die Idee sei, hier Erdwärmesonden zu setzen und im Fanny-Leicht-Gymnasium eine Energiezentrale einzurichten. Weitere Energiezentralen könnten am Bezirksamt sowie an der Österfeldschule entstehen. Es handele sich dabei um einen 100 bis 150 Quadratmeter großen Raum, erklärt Görres.
Das Problemgebiet Lehen/Dobel in der Stuttgarter Innenstadt Foto: Quelle Stadt Stuttgart/Grafik Locke
Lehen/Dobel in Stuttgart-Süd
Mit den eher kleineren Häusern in Vaihingen-Mitte hat das Problemgebiet Lehen/Dobel nur gemeinsam, dass es auch in Stuttgart liegt. Ansonsten ist es eine völlig andere Welt. Nicht nur die City-E-Roller-Dichte ist höher, sondern auch die Verbrauchsdichte an Wärmeenergie, wie die Zahlen in der Stuttgarter Wärmeplanung zeigen. Fast alle Anwohner beheizen ihre Stuben hier mit Erdgas. In einem Erdgeschossbüro heizt man derweil auf eigene Faust mit Strom, wie die rollbaren Heizkörperchen verraten.
Von den Menschen, die man zwischen den vier- bis fünfstöckigen Stadthäusern auf dem Gehweg trifft, sind die meisten Mieter, die sich entweder bisher keine Gedanken übers Heizen der Zukunft gemacht haben oder aber voller Sorge sind, dass sich etwas ändert und ihre Mieten steigen. „Hoffentlich bleibt alles, wie es ist“, sagt eine Frau mit neongelben Sternenohrringen. Der Hund an der Leine kläfft, er will weiter. Ein junger Mann mit Schirmmütze findet, „wir müssen weg von fossilen Energieträgern“. Sein Problem: „Ich habe das Gefühl, ich kann es als Mieter nicht aktiv mitgestalten.“ Eine Frau mit grauem Stirnband und Kinderwagen sagt, um diese Dinge kümmere sich ihr Partner. Was sie sagen kann: Sie heizen grundsätzlich wenig, erst seit das Baby da ist, ein bisschen mehr.
Von der Lehenstraße geht es über die List-, die Alexander- und die Cottastraße zur Olgastraße. An der Stelle, an der die Weißenburgstraße abzweigt, verläuft eine unsichtbare Grenze. Unter dem Gebiet nördlich nämlich verläuft bereits ein Wärmenetz. Hier nachzuziehen sei für Lehen/Dobel eigentlich die einzige Lösung, erklärt Jürgen Görres. Denn Wärmepumpen funktionieren an dieser Stelle der Stadt nicht. Die Gebäude stehen zum Beispiel zu dicht, als dass genügend Außenluft angesaugt werden könnte. Die Überlegung sei, am Rand des Gebiets eine größere Luft-Wärmepumpe zu installieren. Stand heute hat die Stadt allerdings noch keinen Platz für eine Energiezentrale gefunden. „Da ist uns bisher spontan nichts ins Auge gefallen“, sagt Görres.
Das Problemgebiet Zuffenhausen-Mitte Foto: Quelle Stadt Stuttgart/Grafik Locke
Zuffenhausen-Mitte
Das kompakte Problemgebiet Zuffenhausen-Mitte ist eine Art Mischung aus Vaihingen und Lehen/Dobel. Einerseits befinden sich in der Gegend zwischen der Hohenstein- und der Hördtstraße viele kleinere Häuser wie in Vaihingen, andererseits wirkt die Gegend um einiges urbaner als auf der Filderebene. Vielleicht ein subjektiver Eindruck, aber auf den ersten Blick sind die Autos am Straßenrand kleiner als in Vaihingen. Dafür wimmelt es von Imbissen, Essenslieferdiensten und Spielsalons. In den Vaihinger Wohnstraßen waren die Gehwege eher hochgeklappt.
Die Tour vom Süden in den Norden des Gebiets Zuffenhausen-Mitte untermauert eine der Hauptherausforderungen an dieser Stelle in der Stadt: die Höhenunterschiede. Dagegen sei Vaihingen topfeben, sagt Görres. In Zuffenhausen geht es erst hoch, dann wieder runter. Dabei bildet die Geschäftsstraße, die Unterländer Straße, sozusagen den Bergkamm. Für Wärmenetze ist dieses Gefälle keine einfache Ausgangslage, wie Jürgen Görres erklärt. Gerade was den mittleren Teil des Gebiets betrifft, wird die Stadt noch genau grübeln müssen.
Eine Frau mit Pudelmütze huscht in ihr Haus, sie habe leider keine Zeit, aber dem Außenrohr zufolge einen Holzofen. Etwas gesprächiger ist ein Mann, der vor seinem Einfamilienhaus, Baujahr 1935, steht und aufs Handy schaut. Er habe sich wegen einer Wärmepumpe schlau gemacht, erzählt er. Ein Energieberater sei da gewesen. „Aber es gibt keine Möglichkeit“, sagt er. Zu dicht seien die Häuser hier beieinander. Momentan heizt er noch mit Gas.
Eine Energiezentrale könnte an der Robert-Bosch-Schule im Süden des Gebiets eingerichtet werden. Für eine Groß-Luft-Wärmepumpe, erklärt Görres. Mehr oder weniger direkt daneben verlaufen zwei Bundesstraßen, entsprechend ist die Geräuschkulisse. „Wenn an der Stelle keine Luft-Wärmepumpe gehen sollte, fresse ich einen Besen.“
Die drei Problemgebiete in Zahlen
Vaihingen-Mitte Im Gebiet Vaihingen-Mitte befinden sich laut Stadt 2820 Wohneinheiten, das durchschnittliche Baujahr ist 1937, 14 Prozent der Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Die allermeisten Immobilien sind in Privatbesitz (84 Prozent). 79 Prozent der Häuser werden hier mit Erdgas beheizt, 15 Prozent mit Öl und vier Prozent mit einer Wärmepumpe. Die Verbrauchsdichte ist vor allem südlich der Hauptstraße hoch. Das Wärmenetz, das es in diesem Gebiet bräuchte, wäre 33,7 Kilometer lang.
Lehen/Dobel In dem innerstädtischen Wärme-Problemgebiet Lehen/Dobel befinden sich 6350 Wohneinheiten, die Gebäude haben das durchschnittliche Baujahr 1917, insgesamt 79 Prozent der Häuser stehen unter Denkmalschutz. 78 Prozent der Immobilien sind in Privatbesitz. Geheizt wird hier zu 94 Prozent mit Erdgas, zu vier Prozent mit Heizöl. Das Wärmenetz, das hier gebaut werden müsste, hätte laut Plan eine Länge von 33,5 Kilometern.
Zuffenhausen-Mitte Im Gebiet Zuffenhausen-Mitte liegen 2850 Wohneinheiten, das durchschnittliche Baujahr ist 1917, von den Gebäuden sind 13 Prozent denkmalgeschützt. 77 Prozent der Immobilien befinden sich in Privatbesitz. Der Hauptwärmeträger ist Erdgas (90 Prozent), gefolgt von Heizöl (sechs Prozent) und Wärmepumpen (vier Prozent). ana