Mit der ÖPNV-Regel bleibe vor allem Kindern aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien der Zugang an das Wagenburg-Gymnasium verwehrt, argumentieren Eltern. Foto: Jürgen Brand
Fast alle Kinder von der Ostheimer Grundschule haben eine Absage vom Wagenburg-Gymnasium bekommen. Für Eltern ist die Begründung nicht nachvollziehbar. Nun fordert eine Initiative neue Regeln für die Platzvergabe.
Sie sind sauer, und zwar richtig. Sie fühlen sich „sozial benachteiligt“ und „ungerecht behandelt“. Darum haben fünf Familien, deren Kinder die Grund- und Werkrealschule (GWRS) Ostheim besuchen, eine Elterninitiative gegründet. Sie wollen rechtlich dagegen vorgehen, dass ihre Kinder eine Absage vom Wagenburg-Gymnasium bekommen haben und nun die fünfte Klasse anderswo antreten sollen.
Das Wagenburg mit seinem besonderen Profil war in diesem Jahr überbucht. Es gab 100 Anmeldungen, jedoch können nur drei Eingangsklassen gebildet werden:
ein muttersprachlicher Zug
ein bilingualer Zug Französisch
ein Regelzug mit sogenannten bilingualen Inseln
Insgesamt seien zwölf für den Regelzug angemeldete Kinder von der Lenkungsmaßnahme betroffen, nennt das Regierungspräsidium (RP) die konkrete Zahl. Sie müssen nun auf andere Schulen umverteilt werden. Kriterium für „die Prüfung der Zumutbarkeit“ sei dabei zunächst das Interesse an einem speziellen Bildungsangebot, das nur an dieser oder wenigen anderen Schulen angeboten werde. Dazu gehören zum Beispiel die Fremdsprachenfolge oder bilinguale Züge. Sodann gebe es ein Geschwisterkindprivileg. Ein weiteres Kriterium sei die Länge des Schulwegs beziehungsweise der mit dem Schulweg verbundene Zeitaufwand.
Warum die ÖPNV-Anbindung ein entscheidendes Kriterium ist
In der Antwort, welche die Eltern auf ihre Beschwerden hin vom RP bekommen haben, heißt es dazu: „Für die Beurteilung des Schulwegs wird nicht die Entfernung in Kilometern berücksichtigt. Maßgebend ist grundsätzlich die zeitliche Dauer, die für das Zurücklegen des Schulweges an die Wunschschule beziehungsweise die mögliche Ausweichschule mit dem ÖPNV beansprucht wird.“
Die Schulleitung wollte sich gegenüber der Presse nicht äußern und verwies auf die Behörde. Gegenüber betroffenen Eltern hat der Rektor aber anhand von Listen in anonymisierter Form die Auswahlentscheidung offengelegt. Demnach war das entscheidende Kriterium nicht der Fußweg der Kinder zu ihrer Wunschschule, dem Wagenburg-Gymnasium, sondern tatsächlich die Zeit, die sie mit Bus und Bahn benötigen würden. Wer also zum Beispiel zu Fuß nur sieben Minuten zur Schule brauchen würde, aber mit dem ÖPNV 22 Minuten, konnte eine Absage bekommen. Damit setzte der Rektor genau die Kriterien um, die ihm von der Schulaufsichtsbehörde vorgegeben worden waren.
Unter den Ostheimer Eltern führte das dennoch zu einem Sturm der Entrüstung. Mehrere Beschwerden gingen bei der Schule, der Stadt und dem Kultusministerium ein. Das Auswahlkriterium ÖPNV-Entfernung unterstütze „die soziale Benachteiligung von Kindern, die in weniger privilegierten Stadtteilen wohnen”, heißt es beispielsweise in einer dieser Mails.
Christine Gnann ist die Elternbeiratsvorsitzende an der Grund- und Werkrealschule Ostheim. Foto: Jürgen Brand
Auch Christine Gnann ist tätig geworden. Ihre Kinder sind von dem aktuellen Auswahlverfahren nicht betroffen, sie engagiert sich als Elternbeiratsvorsitzende der GWRS Ostheim für das Thema. Zahlreiche Kinder ihrer Schule hätten sich am Wagenburg beworben, kein einziges Kind sei in den Englisch-Zug aufgenommen worden, heißt es in ihrem Brief. „Wir fühlen uns dabei ungerecht behandelt und strukturell benachteiligt. Vor allem Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien bleibt der Zugang an das Wagenburg-Gymnasium dadurch verwehrt, denn diese leben eben nicht in der Halbhöhenlage, sondern im Umfeld der Ostheimer Grundschule”, schreibt sie.
Am Wagenburg würden dann vorwiegend Kinder beschult, die im einkommensstarken Umfeld der Schule liegen. „Wenn wir von Bildungsgerechtigkeit reden, wenn wir wollen, dass es zumindest in der staatlichen Schule keine ,Standesunterschiede’ geben soll, dann müssen wir uns darum kümmern, dass es eine Durchmischung gibt”, fordert Christine Gnann.
Eltern fordern alternative Auswahlkriterien
Nun will die Ostheimer Elterninitiative eine Abschaffung der ÖPNV-Regel erreichen. Stattdessen regen sie unter anderem die Vergabe von festen Platzkontingenten an Grundschulen im selben Stadtbezirk an. Mit Blick auf Stuttgart-Ost hätte so jede Grundschule im Bezirk die gleiche Chance auf Plätze am Wagenburg – und das Gymnasium würde ein Stadtteil-Gymnasium bleiben.
Das RP bestätigt, dass es „mehrere Kommunikationsvorgänge“ mit Eltern gebe, deren Kinder von der Lenkung betroffen seien. „Die Sachlage ist heterogen“, schreibt das RP. Teils mahnten Eltern eine soziale Benachteiligung ihrer Kinder an, teils würden sie um Informationen zu den maßgeblichen Auswahlkriterien bitten, teils alternative Auswahlverfahren fordern. „Das Regierungspräsidium steht mit den jeweiligen Erziehungsberechtigten in Kontakt, um die Sach- und Rechtslage transparent zu machen“, schreibt die Behörde. Zugleich werde um Verständnis geworben, dass die betroffene Schulleitung und die Schulverwaltung gehalten seien, „bei Klassenausgleichsmaßnahmen die geltenden rechtlichen Vorgaben auf der Basis der bestehenden Rechtsvorschriften und der Rechtsprechung zu beachten“. Gemäß dem Gleichheitsgrundsatz würden dabei objektivierte Auswahlkriterien angewendet werden.
In den sozialen Medien sind bereits Kommentare zu dem in diesem Jahr überbuchten Wagenburg-Gymnasium und dem Auswahlverfahren zu finden. Diese Beträge sind teils sachlich falsch, teils sogar beleidigend. Auf Instagram ist von „Ausgrenzung“ zu lesen, und es werden Vergleiche zur NS-Zeit gezogen. Auch der Rektor des Wagenburg-Gymnasium, der sich lediglich an die Vorgaben seiner Schulaufsichtsbehörde gehalten hat, wird angegangen.
Chancen für Kinder von Nicht-Akademikern
Sanierung Das Wagenburg-Gymnasium ist umfangreich saniert worden. Die Stadt hat mehr als 30 Millionen Euro investiert. Die Arbeiten dauerten drei Jahre und wurden im laufenden Betrieb ausgeführt.
Partnerschule Das Wagenburg-Gymnasium ist Partnerschule der Initiative Arbeiter-Kind.de. Deren Ziel ist es, Kindern von Nicht-Akademikern den Weg zum Hochschulstudium zu ebnen. Auf der Webseite der Initiative wird das Wagenburg-Gymnasium zitiert mit den Worten: „Uns ist daran gelegen, auch die Chancen der Schülerinnen und Schüler zu vergrößern, deren Eltern keine Akademiker sind oder die finanziell wenig Unterstützung für ein Studium erwarten können. Damit versuchen wir – im Rahmen unserer Möglichkeiten – der ausgesprochen geringen sozialen Mobilitätsrate in Deutschland und der einhergehenden Determination des Werdegangs durch soziale Herkunft etwas entgegenzusetzen.“