Viele Umarmungen, Rosen und Wein: Die Stuttgarter Sozialdemokraten trösten einander im Bistro Einstein. Das schlechte Ergebnis führen sie auf den zugespitzten Wahlkampf zurück.
Es hätte Willy Brandt antreten können und sie hätten dennoch kein besseres Ergebnis eingefahren: So tröstet die Stuttgarter SPD-Frau Katrin Steinhülb-Joos am Sonntagabend ihre Mitstreiterinnen. Gegen 19.15 Uhr sind die vier Frauen, die in der Landeshauptstadt für die Sozialdemokraten angetreten sind, im Bistro Einstein am Wilhelmsplatz komplett. Sie umarmen einander, überreichen sich Blumen, andere klopfen ihnen auf die Schulter. Man hält zusammen trotz des miesen Ergebnisses; das ist hier das Credo. „Wir sind eine Kämpferpartei“, sagt Hanna Binder.
Zugleich ist wohl kaum an einem Ort in Stuttgart die Stimmung am Sonntagabend so bedrückt wie bei der SPD. Von einer echten Wahlparty kann keine Rede sein. Als die ersten Hochrechnungen mit 5,5 Prozent für die SPD in Baden-Württemberg bekannt werden, herrscht Entsetzen.
„Inhalte haben keine Rolle gespielt“, sagt Steinhülb-Joos
„Ich habe fünf Jahre lang alles gegeben“, sagt Katrin Steinhülb-Joos, die seit 2021 für die SPD im Landtag sitzt. „Aber Inhalte haben in diesem Wahlkampf überhaupt keine Rolle gespielt, den Menschen ging es nur darum, wahlweise entweder Hagel oder Özdemir zu verhindern. Das ist so bitter.“
So interpretieren auch die anderen Stuttgarter Sozialdemokratinnen den Wahlausgang. „Das war ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Grünen und CDU“, sagt Hanna Binder. Es sei viel Geld in diesem Wahlkampf geflossen. „Und man merkt, dass Cem Özdemir viel Zeit dafür hatte. Das hat sich ausgezahlt.“
Ganz anders war dies bei den Kandidatinnen der SPD. Laura Streitbürger etwa ist erst vergangenes Jahr in die SPD eingetreten, der Wahlkampf musste nebenberuflich laufen. „Ich bin für das Thema Vereinbarkeit angetreten – und konnte selbst eben auch nicht auf jeder Veranstaltung sein“, sagt sie.
Sara Dahme hält unter anderem den „verdammt guten medialen Wahlkampf“ der Grünen für einen Grund, warum die SPD so schlecht abgeschnitten hat. Ein weiterer Grund sei das neue Wahlsystem gewesen – und dass viele herkömmliche SPD-Anhänger vor allem Manuel Hagel verhindern wollten und daher ihr Kreuzchen bei Özdemir gesetzt haben. Und die SPD habe bestimmte Arbeitnehmerschichten nicht mehr adressiert, glaubt sie. Zugleich betont sie, dass in Stuttgart vier „superstarke Frauen“ für die SPD angetreten seien. Und dies sei trotz allem ein wichtiges Signal, sagt Dahme.