Karla, Diana, Michi und Leni März (von links) leben seit fünf Jahren im Waldheim Feuerbacher Tal. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Sie war Betreuerin, er Gruppenkind. Jahre später werden Diana und Michi März ein Paar. Das Waldheim Feuerbacher Tal ist ihr Lebensmittelpunkt – nicht nur, weil die Familie dort wohnt.
Im Vertikalbeet wächst der Salat. Auf der Fensterbank schlummert die Katze Paula. Propere Hühner spazieren immer mal wieder durchs Bild. Kaum vorstellbar, dass durch diese beinahe ländliche Idylle schon bald fast 350 Kinder toben werden. Kennenlernspiele machen. Schaukelball spielen. Freundschaftsbändchen und Freundschaften knüpfen. Beim abendlichen Singen den Essenssaal zum Beben bringen. Dann ist Waldheimzeit im Feuerbacher Tal. Und Großkampfzeit für die Familie März.
Die März’ und das Waldheim – das ist eine Liebesgeschichte in gleich mehrfacher Hinsicht. Eine, die seit Jahrzehnten hält. Michi März ist sieben Jahre alt, als er zum ersten Mal ins Waldheim Feuerbacher Tal kommt. Vor allem, weil er nicht noch einen Sommer erleben will, in dem alle seine Freunde entweder verreist oder eben im Waldheim sind und er sich daheim im Stuttgarter Westen halb zu Tode langweilt. So ein Ferientag in den frühen 90ern kann lang sein ohne Smartphone und Spielekonsole. Nach zwei Wochen Waldheim ist Michi angefixt – und geht von da an jedes Jahr.
Die Familiengeschichte begann im Waldheim im Feuerbacher Tal
In seinem letzten Jahr als Gruppenkind hat er eine Betreuerin, die der damals 14-Jährige absolut cool findet: Diana – drei Jahre älter, dunkle Haare, raue Stimme, Skaterklamotten. Sie kommt aus dem Stuttgarter Osten, ihre Freundin von der Waldorfschule hat sie mitgeschleppt zu einer Mitarbeiterschulung. Diana wird Betreuerin, ohne einmal Waldheimkind gewesen zu sein. „Ich fand Diana damals schon toll – und sie mich wahrscheinlich eher nervig“, sagt Michi heute.
Später wird Michi auch Betreuer, aber die beiden haben wenig miteinander zu tun. Diana beginnt dann auch bald eine Ausbildung, hat keine Zeit mehr fürs Waldheim, sie verlieren sich aus den Augen. Dann kommt ein lauer Juliabend im Jahr 2005: Da crashen Michi und sein Freund eine Mini-Geburtstagsparty am Eckensee, die nur aus Diana und ihrer Freundin besteht. Die 25-Jährige arbeitet inzwischen bei H&M als Schauwerbegestalterin. Michi, jetzt 22, macht eine Ausbildung bei Daimler. Am Schicksalsbrunnen vor der Oper gesteht Michi ihr, dass er sie schon früher gut fand. So fängt es an. 20 Jahre später sind die beiden seit 17 Jahren verheiratet und haben zwei Töchter: Leni, 17, und Karla, 14 Jahre alt.
Diana und Michi frisch verliebt im Jahr 2006. Foto: privat
In diesem Jahr arbeitet Michi März seit 25 Jahren im Waldheim mit – schon mit 18 war er zum ersten Mal im Leitungsteam. Leni und Karla verbringen schon als Babys Nachmittage im Kinderwagen im Waldheimbüro. Stolz tragen sie die alten Feuerbachtal-Shirts ihrer Eltern, die ihnen bis zu den Knien schlabbern. Werden, so früh es geht, Gruppenkinder. „Ich hab’ Waldheim in der Blutbahn . . .“ – das alte Waldheimlied klingt, als wäre es für sie geschrieben worden. 2020 wird auf dem Waldheimgelände die Hausmeisterwohnung frei. Mitten in der Coronapandemie ziehen die Märzens ein, Diana März, die sich schon länger um die Vermietung der Räume gekümmert hatte, übernimmt die Hausmeisteraufgaben. Das ist ein Fulltime-Job: Auf dem riesigen Gelände zwischen Botnang und Feuerbach fällt immer etwas an, darüber hinaus ist unterm Jahr mit dem Montessori-Kinderhaus ein Kindergarten im Waldheimgebäude untergebracht.
Seit 2020 wohnen sie in der Hausmeisterwohnung des Waldheims
Leni und Karla in ihren Waldheim-T-Shirts. Foto: privat
In den ersten zwei Ferienwochen ist für alle vier Waldheim angesagt: Leni arbeitet als Betreuerin. Ihre jüngere Schwester Karla macht in diesem Jahr ihre Juniorschulung, einen Vorbereitungskurs, um später eine Gruppe leiten zu dürfen. Michi März übernimmt die ehrenamtliche Waldheimleitung. Und Diana März macht in ihrem Job „alles Mögliche. Wo jemand Hilfe braucht, bin ich da.“ Die Waldheim-Arbeit fängt aber nicht erst am ersten Ferientag an: Monatelang wird geplant und organisiert, es gibt Schulungen, Michi fährt auf die Betreuerfreizeit mit, berät sich mit den anderen aus dem Leitungsteam. „Spätestens nach Pfingsten geht’s hier voll los“, sagt die 45-jährige Diana, dann müssen auch das Gebäude und Gelände Waldheim-fit gemacht werden, das Montessori-Kinderhaus zieht für die sechs Wochen Sommerferien aus. In diesem Jahr kommt noch dazu, dass das Waldheim Feuerbacher Tal seine 100-Jahr-Feier nachholt, die vor vier Jahren wegen Corona verschoben werden musste. Am 2. August ist ein großes Fest geplant.
In den ersten zwei Ferienwochen ist die ganze Familie März fürs Waldheim im Einsatz. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Seit 2021 hat Michi März im ersten Waldheimabschnitt stets die ehrenamtliche Leitung inne. Damals stellte er ein Zusatzquartier im eigentlich geschlossenen Botnanger Johannesgarten auf die Beine, damit trotz Corona so viele Kinder wie möglich kommen konnten. Der 42-Jährige ist Messtechniker in der Entwicklung des Autobauers Mercedes. Für die zwei Wochen Waldheim stünde ihm Sonderurlaub zu. Aber er nimmt ihn nicht, sondern reicht normalen Urlaub ein: „Diese zwei Wochen sind ein Tapetenwechsel, die sind ja wie Ferien für mich.“
Sind die Eltern manchmal peinlich im Waldheim?
Und was sagen seine Töchter? Ist es nicht manchmal peinlich, wenn die Eltern dabei sind? „Mich stört das gar nicht“, sagt die 17-jährige Leni. Ihr Vater sieht es so: „Wir versuchen, den beiden trotzdem den Raum zu geben, dass sie sich unabhängig von uns entfalten können.“ Er ist überzeugt: „Die Waldheim-Arbeit hält uns als Familie jung.“ Und wie sieht es mit den Betreuerpartys aus, die legendär sind und bei denen es spät werden kann? Meistens seilen sie sich da irgendwann ab. „Manchmal werde ich von wilden Gesängen aus dem Schlaf geholt“, erzählt Diana März. „Aber das gehört dazu. Ich schlafe dann einfach weiter.“
2002: Michi März in seiner Anfangszeit als Gruppenleiter. Foto: privat
Gefragt, was das Waldheim für sie bedeutet, sind sich die beiden Mädchen ziemlich einig: „Es ist mir super wichtig, ich liebe es. Es ist eine der schönsten Zeiten im Jahr“, sagt Karla. „Das wollte ich auch gerade sagen“, wirft ihre Schwester Leni ein. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, mal nicht Waldheim zu machen“, sagt die 14-jährige Karla noch. Und ihr Vater ergänzt: „Was für mich Waldheime so besonders und erhaltenswert macht, ist die tolle Arbeit, die von so vielen Ehrenamtlichen geleistet wird. Ihr Engagement hält diese Orte am Leben.“
Nach dem Waldheim ist vor dem Waldheim: „Freue mich schon auf nächstes Jahr“
Der Lieblingsmoment für alle vier: Wenn alle Gruppen vor dem Abendessen in den Saal kommen und zusammen singen – Waldheim-Klassiker wie „Pfeil im Bauch“, „Diese eine Liebe“, „Dies Blabla“ oder eben „Waldheim in der Blutbahn“. Alle stehen auf den Bänken, die Gitarre treibt, jeder schmettert, was die Stimme hergibt. „Wenn wir da zusammen fast den Saal abreißen“, sagt Michi März, „dann kriecht nicht nur die Gänsehaut hoch, dann muss ich aufpassen, dass mir nicht die Tränen kommen.“ Inzwischen steht auch Leni oft mit ihrer Gitarre auf der Bühne und begleitet die Lieder.
Nach zwei Wochen Waldheim ist die Familie übrigens längst nicht so fix und fertig, wie man annehmen könnte. „Das gibt eine unheimliche Energie“, sagt der 42-Jährige. „Nach der Waldheimzeit habe ich wenig Stimme, dafür ein paar Freundschaftsbändchen mehr und bin wirklich erholt.“ Meistens gehen sie dann noch zwei, drei Wochen in den Urlaub. „Wir sind nicht sechs Wochen hier – das wäre auch nicht gut“, sagte Diana März. Ein bisschen Zeit zum Ausspannen muss drin sein.
Und wenn die Waldheimzeit vorbei ist? „Natürlich ist es schön, wenn es hier dann auch wieder ein bisschen leiser ist“, sagt die 45-Jährige. Aber dann kommt was, das Kinder, Betreuerinnen und Betreuer und natürlich auch die Märzens kennen: der Waldheim-Blues. „Ich finde es immer so schade, wenn es vorbei ist“, sagt Leni. „Aber dann freue ich mich schon aufs nächste Jahr.“
Waldheim Feuerbacher Tal – eine Party zum Hundertsten
Die verspätete 100-Jahr-Feier Als das Waldheim Feuerbacher Tal 2021 hundert Jahre alt wurde, war wegen der Corona-Pandemie an ein Fest nicht zu denken. Das wird jetzt nachgeholt: Die Feier steigt am Samstag, 2. August auf dem Waldheimgelände. Um 13 Uhr gibt es zum Auftakt einen Familiengottesdienst, der vom evangelischen Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl gefeiert wird. Bürgermeisterin Isabel Fezer wird ein Grußwort sprechen. Anschließend gibt es ein umfangreiches Programm mit Spielstationen, Hüpfburg, Bogenschießen und einem Food Market. Auf der Bühne spielen frühere und aktuelle Betreuerinnen und Betreuer aus dem Feuerbacher Tal Waldheim-Klassiker, später wird ein DJ auflegen.
Shuttleservice aus Botnang Ein Shuttlebus bringt Besucherinnen und Besucher von der Botnanger U2-Endhaltestelle ans Reiterstüble. Von dort ist es nur ein kleiner Fußweg am Feuerbach entlang zum Waldheim. Mehr Infos zum Jubiläumsfest unter www.ferienwaldheim-feuerbachertal.de/