Aus dem engen Talkessel an den Stadtrand: Vor über 100 Jahren wurde die Waldheim-Idee geboren. Das erste evangelische Waldheim Feuerbacher Tal feiert den Hundertsten – mit Verspätung.
Keiner hat sie gezählt, die Kinder, die ihre Ferien im Waldheim Feuerbacher Tal verbracht haben. In 104 Jahren würde da wahrscheinlich eine gewaltig große Zahl zusammenkommen. Als das Waldheim zwischen Botnang und Feuerbach 2021 hundert wurde, war an eine große Feier nicht zu denken, man war froh, dass man mitten in der Coronapandemie überhaupt eine Ferienbetreuung auf die Beine stellen konnte. Das wird jetzt nachgeholt.
Das Feuerbacher Tal ist das älteste evangelische Waldheim überhaupt. Schon 1921 fand hier die erste Ferienfreizeit statt. Nur die Waldheime der Arbeiterbewegung wie das Clara-Zetkin-Haus in Sillenbuch sind noch älter. „Die Idee hatte der erste Jugendpfarrer in Württemberg, ein Kirchenrat Wüterich“, sagt Jörg Schulze-Gronemeyer, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Ferienwaldheime in Württemberg.
Vom Schmutz ins Grüne
Ähnlich wie die Arbeitervereine wollte er die Stuttgarter Stadtkinder zumindest in den Ferien aus dem engen, stickigen, schmutzigen Kessel ins Grüne zu holen. „Fast jede Gemeinde hatte irgendwo am Stadtrand ein Stückle“, erklärt Schulze-Gronemeyer. „Hier konnten die Kinder frische Luft atmen, sich bewegen und waren versorgt, während ihre Eltern in die Fabrik oder ins Büro gingen.“
Die erste Freizeit auf dem Gelände des Stuttgarter Jugendvereins im idyllischen Feuerbacher Tal leitete der Jugendvikar Theodor Zimmermann. Das Modell machte schnell Schule: 1928 gab es in Stuttgart schon acht Waldheime, bald wurden auch anderswo in Württemberg welche eröffnet.
In der Nazizeit wurden jüdische Kinder ausgeschlossen
Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, strichen sie den kirchlichen Waldheimen als erstes die staatlichen Zuschüsse. Jüdische Kinder durften nicht mehr betreut werden. Ein Jahr später wurden die Waldheime der Arbeiterwohlfahrt enteignet. „Die christlichen Waldheime blieben im Eigentum der Kirchen, sodass die Betreuungsarbeit weitergehen konnte“, sagt Schulze-Gronemeyer, „aber nationalsozialistische Jugendlager wurden mehr und mehr zur Konkurrenz.“ 1944 wurde das Gebäude im Feuerbacher Tal bei einem Luftangriff auf Stuttgart zerstört.
Doch schon 1947 ging der Waldheim-Betrieb im „Täle“ wieder los – aus US-amerikanischen Armeebeständen waren behelfsmäßig Baracken aufgestellt worden, um die Kinder unterzubringen. In den Nachkriegsjahren war das Waldheim-Angebot besonders existenziell: Große Teile Stuttgarts lagen in Trümmern, Familien lebten auf engstem Raum. Unterernährung war ein Problem: Viele Kinder konnten sich in den Wochen im Waldheim nach langer Zeit endlich mal wieder richtig satt essen. „Am ersten Waldheimtag wurden alle Kinder gewogen“, erzählt Schulze-Gronemeyer. „Das Ziel war, dass sie in den zwei Wochen Waldheim mindestens zwei Kilogramm zunehmen.“
Immer wieder öffnet das Waldheim Feuerbacher Tal seine Türen auch für dringliche Fälle: Während der Wendezeit waren hier Übersiedler aus der ehemaligen DDR untergebracht. Die evangelische Johannes-Brenz-Schule startete 1991 im Waldheimgebäude, bevor sie 1993 in ihr heutiges Domizil im Hospitalviertel umziehen konnte.
Die abendlichen Partys gab und gibt es immer
Vieles sei auch Jahrzehnte später noch überraschend gleichgeblieben in den Waldheimen, sagt Schulze-Gronemeyer: Die Tagesabläufe. Die Lieder, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Das pädagogische Konzept geht mit der Zeit, die Spiele verändern sich, und die Mittagsruhe wird auch nicht mehr so streng gehandhabt wie vielleicht noch in den 1980er Jahren: „Damals wurde sehr darauf geachtet, dass die Kinder auch wirklich ruhten, heute dürfen sie im Schatten sitzen, sich unterhalten oder Freundschaftsbändchen knüpfen.“
Was sich auch nie ändert: Abends machen die jugendlichen Betreuerinnen und Betreuer Party. „Und das ist auch ok“, findet der Leiter der Abteilung Jugend und Soziales bei der Evangelischen Kirche in Stuttgart, „solange die vom Jugendschutz gesteckten Grenzen eingehalten werden.“
Das Gebäude muss saniert werden
Das Waldheimgebäude im Feuerbacher Tal, in dem unterm Jahr das Montessori-Kinderhaus untergebracht ist, ist inzwischen ziemlich in die Jahre gekommen. Es wurde 1961 erbaut, nun steht eine Grundsanierung an. Vor allem das Dach, die Fenster und die Fassaden müssen dringend renoviert werden. Der Bedarf von zwei Millionen Euro wird im Doppelhaushalt 2026/27 angemeldet.
Waldheime hatten und haben eine „hohe Integrationsfähigkeit“, sagt Schulze-Gronemeyer. „Hier kommen alle Kinder zusammen, aus welchem sozioökonomischen Hintergrund und von welcher Schulform auch immer.“ Als 2015 und 2016 die Flüchtlingskrise auf dem Höhepunkt war, seien im Sommer 700 meist syrische Kinder in die Waldheimfreizeiten gegangen: „Dort haben sie andere Kinder kennengelernt, besser Deutsch gelernt, Regeln vermittelt bekommen und gingen danach ganz anders zurück in ihre Schulen.“
Nach dem Corona-Einbruch sind die Anmeldezahlen nun wieder so wie vor der Pandemie. In den ersten beiden Wochen der Sommerferien gibt es kaum mehr Plätze, in den weiteren Ferienabschnitten kann in allen Stuttgarter Waldheimen noch gebucht werden. Wie viele Kinder aufgenommen werden können, hänge auch davon ab, wie viele Betreuerinnen und Betreuer sich finden, erklärt Schulze-Gronemeyer.
Wichtig sind auch die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer in den Waldheim-Großküchen: „Das sind teilweise ganz eingeschworene Teams, in denen Frauen noch mit 80 in den Küchen stehen und mal eben 25 Kilo Kartoffeln schälen.“
Damals und heute: Begeben Sie sich auf eine Waldheim-Zeitreise – in unserer Bildergalerie!
Die große Party wird jetzt nachgeholt
Die verspätete 100-Jahr-Feier
Als das Waldheim Feuerbacher Tal 2021 hundert Jahre alt wurde, steckte die Welt mitten in der Coronapandemie. Nun wird das das Fest nachgeholt: Die Feier steigt am Samstag, 2. August auf dem Waldheimgelände. Um 13 Uhr gibt es zum Auftakt einen Familiengottesdienst, der vom evangelischen Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl gefeiert wird. Bürgermeisterin Isabel Fezer wird ein Grußwort sprechen. Anschließend gibt es ein umfangreiches Programm mit Spielstationen, Hüpfburg, Bogenschießen und einem Food Market. Auf der Bühne spielen frühere und aktuelle Betreuerinnen und Betreuer aus dem Feuerbacher Tal Waldheim-Klassiker, später wird ein DJ auflegen. Ein Shuttleservice zwischen Endhaltestelle Botnang und Reiterstüble ist eingerichtet. Mehr Infos unter www.ferienwaldheim-feuerbachertal.de/.
Noch Plätze frei
Vor allem in der zweiten Ferienhälfte haben die meisten Stuttgarter Waldheime noch Kapazitäten. Wo es wann noch freie Plätze gibt, sieht man im Internet unter https://www.waldheime-stuttgart.de/.