In der fünften Klasse ist es noch zu früh für ein eigenes Handy und vor allem für die sozialen Medien, findet die Mutter Valerie Maile. Foto: privat/Imago/Wolfgang Maria Weber
Braucht das Kind ein Handy, wenn es auf die weiterführende Schule kommt? Valerie Maile ist überzeugt, dass das kontraproduktiv ist. An der Waldschule hat sie eine Initiative gestartet.
Valerie Maile will es versuchen. Im September kommt ihr Sohn in die fünfte Klasse. Das ist der Zeitpunkt, zu dem viele Kinder ihr erstes eigenes Handy bekommen. Damit sie erreichbar sind, weil der Schulweg oft weiter ist. Damit sie den digitalen Vertretungsplan einsehen können. Vor allem aber, damit sie sich nicht ausgegrenzt fühlen. Valerie Maile kennt diese Argumente – und sie will gegensteuern.
Bei ihren Recherchen im Internet ist sie auf den Verein „Smarter Start ab 14“ gestoßen. Mütter aus Hamburg haben diesen 2019 gegründet. Die Idee ist, dass sich Eltern vor Ort zusammentun und gemeinsam beschließen, dass ihr Nachwuchs erst später ein Handy bekommen soll. Denn wenn man so etwas in der Gruppe durchsetze, sei es für den Einzelnen einfacher – und zwar sowohl für das einzelne Kind, als auch für das jeweilige Elternpaar, sagt Valerie Maile.
Sie hat das Thema auf Elternabenden an der Waldschule Degerloch angesprochen, nicht nur bei ihrem Kind in der vierten Klasse, sondern auch bei dem jüngeren Sohn in der zweiten Klasse. „Man kann nicht früh genug damit anfangen, denn die Kinder fragen, wann sie ihr eigenes Handy bekommen“, sagt Valerie Maile. Mittlerweile hat sie viele Bücher über die Smartphone-Nutzung von Kindern und Jugendlichen gelesen. Immer wieder sei sie „erschüttert“ darüber, was ein Handy bei Minderjährigen alles bewirken könne und welche Gefahren im Internet lauerten – von Spielsucht, über Mobbing bis hin zu Cybergrooming.
Möglichst viele Eltern sollen mitmachen
Einen Pakt unter den Viertklässler-Eltern der Waldschule gebe es noch nicht, sagt Valerie Maile. „Aber ich habe das Gefühl, dass sich was bewegt.“ Die Schulleitung informiere Familien, die in der fünften Klasse neu an die Waldschule kommen, darüber, dass es eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern geben werde, die in der fünften Klasse noch kein Handy bekommen. „Ich hoffe, dass möglichst viele Eltern mitmachen“, sagt Valerie Maile. Ihr Wunsch wäre eine smartphonefreie Klasse, in anderen Städten gebe es das schon.
Wann ist ein Kind reif für ein eigenes Smartphone? Eine bundesweite Elterninitiative sagt: erst mit 14 Jahren. Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn/Mascha Brichta
Karin Schneider, die Schulleiterin der Waldschule, unterstützt das Anliegen grundsätzlich. Doch um eine handyfreie Klasse einzurichten, sei die Waldschule zu klein, und es gebe bei der Klassenzuteilung ohnehin schon viele Variablen zu beachten. Aber die Frage, wie man Kindern und Jugendlichen einen gesunden Umgang mit dem Smartphone vermittelt, ist der Rektorin wichtig. Und sie ist überzeugt, dass das nicht nur die Aufgabe der Eltern ist, sondern dass auch die Schule ihren Beitrag dazu leisten muss.
Diese Handyregeln gelten aktuell an der Waldschule
Bisher gilt an der Waldschule, dass Handys ausgeschaltet in der Schultasche bleiben müssen. Lediglich die Schülerinnen und Schüler ab der zehnten Klasse dürfen ihre Smartphones im Klassenzimmer nutzen. „Die Idee war, dass die Jugendlichen damit arbeiten können, zum Beispiel in Hohlstunden“, sagt die Rektorin. Doch sie habe das Gefühl, dass einige das Handy rausholen und „ihr Gehirn dann doch wieder mit Inhalten überfluten, welche die Konzentrations- und Merkfähigkeit konterkarieren“.
Darum will die Schule nachschärfen. Es gehe nicht um Verbote, betont die Rektorin. Ihr Ziel sei ein gemeinsames Agreement, um Kinder und Jugendliche schützen zu können – aus der wissenschaftlichen Erkenntnis heraus, dass eine zu frühe und zu intensive Smartphonenutzung schade. Bei zwei Zukunftswerkstätten wurden Ideen entwickelt, die nun in einen Leitfaden für den gesunden Umgang mit digitalen Medien münden sollen. Darin könnte zum Beispiel festgehalten werden, dass:
Handys nur noch in bestimmten Zonen auf dem Schulgelände genutzt werden
in den Fluren auch für Lehrkräfte ein Handyverbot gilt
man in der Schule über Regeln für einen Klassenchat spricht, bevor ein solcher eingeführt wird
in den höheren Klassen keine privaten Tablets genutzt werden, sondern es für alle Geräte zum Mieten gibt
Spruchreif sind diese Ideen noch nicht, womöglich lasse sich auch nicht alles umsetzen, sagt Karin Schneider. Aber der Plan sei, zu Beginn des neuen Schuljahres mit einem Leitfaden an den Start zu gehen, der dann von einer Mehrheit der Schüler, Eltern und Lehrkräfte getragen wird. „Der demokratische Prozess ist mir wichtig“, betont Karin Schneider.
Die Schulleitung arbeitet in diesem Punkt eng mit der Schülermitverantwortung (SMV) zusammen. Die Zehntklässlerin Alma Wünsche und der Neuntklässler Mikka Körner engagieren sich in dem Gremium und waren in den vergangenen Monaten immer wieder damit befasst, Ideen zu einem besseren Umgang mit digitalen Medien in die Schülerschaft zu tragen, zu diskutieren und über mögliche Gefahren einer zu frühen und übermäßigen Smartphonenutzung aufzuklären. „Wir wollen für das Thema sensibilisieren“, sagt Mikka Körner. „Und wir wollen auch mit den Eltern ins Gespräch kommen“, ergänzt Alma Wünsche. Denn manchen sei womöglich gar nicht bewusst, was ihre Kinder am Handy machten, weil diese verschiedene Sicherheitseinstellungen umgehen würden.
Aussagen zur Medienkompetenz im Koalitionsvertrag
Allgemein Auf knapp 13 Seiten im Koalitionsvertrag widmen sich Grüne und CDU dem Thema Bildung. Unter anderem ist vorgesehen, die Medienkompetenz bei allen an Erziehung und Bildung Beteiligten zu stärken – „bei den Kindern und Jugendlichen selbst, bei der Qualifizierung von Lehrkräften und im Rahmen der Elternbildung“. Man wolle sich auf Bundes- und auf europäischer Ebene für eine wirksame Altersbegrenzung bei Social Media einsetzen und sehe dabei auch die Plattformbetreiber in der Verantwortung.
Schulen Für die Schulen soll eine landeseinheitliche Regelung erarbeitet werden, welche die private Nutzung digitaler mobiler Endgeräte unterbindet. Möglich bleiben werde aber die pädagogische Nutzung im Unterricht, heißt es im Koalitionsvertrag.