Walter Schultheiß und Trudel Wulle feiern 70. Hochzeitstag „Corona werden wir auch noch überstehen“

Von Uwe Bogen 

Walter Schultheiß und Trudel Wulle werden von Schwaben verehrt wie Helden. Zum 70. Hochzeitstag sprachen wir mit diesem liebenswerten Schauspielerpaar über Gnade, Glück, Wünsche im Alter – und das Geheimnis einer langen Ehe.

Die beiden Schauspieler Trudel Wulle und Walter Schultheiß, die schon zu Lebzeiten Legenden sind,    feiern am Montag ihre Gnadenhochzeit. Foto: Factum/Weise 18 Bilder
Die beiden Schauspieler Trudel Wulle und Walter Schultheiß, die schon zu Lebzeiten Legenden sind, feiern am Montag ihre Gnadenhochzeit. Foto: Factum/Weise

Stuttgart - „Wir können offen sprechen“, sagt Walter Schultheiß gleich zu Beginn unseres Telefonats, „ich bin anderthalb Meter vom Hörer entfernt.“ Na dann! Wunderbar! Den Humor hat der Mann, der im Schwarzwald lebt, nicht verloren in schwierigen Corona-Zeiten. Gut aufgelegt ist er, flott im Denken und immer darauf aus, eine Pointe zu setzen – mit bald 96 Jahren ist er also ganz der Alte.

„Über das Alter, in dem die Leute sterben, sind wir längst hinaus“, sagt einer der großen Charakterschauspieler des Landes. Es klingt, als könne man dann alles entspannt angehen. Wie immer, wenn wir telefonieren, ist der Lautsprecher eingeschaltet. Seine 94-jährige Frau Trudel Wulle, die mit ihrem Mann Generationen von Schwaben auf der Bühne und in TV-Serien erfreut hat und vielen Fans so vertraut ist, als seien beide Familienmitglieder, hört zu, spricht, lacht, kommentiert. Die beiden sind eins – in einer Intensität, die einen stets aufs Neue tief berührt.

Am Montag feiert Schultheiß auch seinen 96. Geburtstag

Schön ist es, auf so viel Lebensfreude bei einem beliebten schwäbischen Paar zu stoßen, das noch berühmter ist als Äffle & Pferdle. Rein akustisch ist nichts von Erschwernissen eines hohen Alters zu erkennen. Wegen der Pandemie wird das Interview am Telefon geführt, nicht auf dem Sofa in einem gastfreundlichen Haus, wo wir schon oft den Kuchen der Hausfrau genossen haben.

Am Montag feiern zwei, die schon zu Lebzeiten Legenden sind, ihren 70. Hochzeitstag, wegen Corona im kleinsten Familienkreis. Gnadenhochzeit wird dieses seltene Fest genannt. „Ja, es ist eine Gnade“, sagt Trudel Wulle dankbar. Und es ist vor allem Glück, wenn man so lange durch dick und dünn geht, mit zunehmenden Alter immer noch stärker miteinander verbunden ist.

Die erste Frage nach dem Krieg: „Kannschd kocha?“

Am Montag kann man im Hause Schultheiß doppelt anstoßen. Denn der Hausherr wird dann auch noch 96 Jahre alt. Raffiniert war er schon immer. Geheiratet hat er an seinem Geburtstag, um den Hochzeitstag nicht zu vergessen. Als sie sich 1947 im Theater kennenlernten, sei die erste Frage vom dürren Walter nach dem Krieg gewesen: „Kannschd kocha?“ Ja, das konnte sie! Geld war nicht vorhanden. „Auf dem Markt hab ich geschaut, wo was zwei Pfennig billiger ist“, erinnert sich Trudel Wulle. Kartoffeln und Rüben machte sie zum Festessen. Nach ihrem Sturz kann sie gerade nicht kochen. „Ich bin mit dem Ferrari unterwegs“, sagt sie lachend, wenn sie von ihrem Rollator spricht. Zum doppelten Fest liefert das Lieblingsrestaurant das Menü.

Seit unglaublichen 70 Jahren sind sie verheiratet. „Immer mit der gleichen Frau“, versichert Schultheiß, worauf ihn seine Trudel bedauert: „Er tut mir leid!“ Aber nein, er ist sehr glücklich für diese Fügung. „Meine Frau ist die Allerbeste“, so lautet sein immer wieder gern gehörter Spaß, „ich kann sie jedem empfehlen.“

„Liebe allein reicht nicht, man braucht Vertrauen“

Trudel Wulle wischt alle Heiterkeit beiseite, um die Frage nach dem Geheimnis einer langen Ehe zu beantworten. „Liebe allein reicht nicht“, sagt sie, „man braucht Vertrauen.“ Wenn Vertrauen da sei, habe die Eifersucht keine Chance. Ihr Mann ist pragmatischer, um die Voraussetzung für ewiges Glück zu erklären: „Wer Gnadenhochzeit feiern will, muss alt werden.“

Er gilt als Vorzeige-Schwabe, bescheiden, pointensicher, kantig, knitz. Schultheiß ist ein Mann wie sein Land, in dem Understatement die wahre Stärke ist. Dass er mal die 100 vor sich hat, schien einst unwahrscheinlich. Der Schauspieler gehört zu einer Generation, die an der Kriegsfront gelitten und danach das Land aufgebaut hat. Am 1. Mai 1945 – eine Woche vor Kriegsende – traf ihn in Russland eine Kugel in den Bauch. Es grenzt an ein Wunder, dass er überlebt hat.

„Ich hab so viel erlebt“, sagt Schultheiß, „da überstehen wir auch Corona.“ Vor dem Virus war er mit seiner Frau ab und zu in Stuttgart, nicht mehr so oft wie früher. Vor einem Jahr waren sie beim 25. Geburtstag des neuen Varietés, im November 2017 feierten sie im Metropol Premiere von „Laible und Frisch“, dem letzten Kinofilm, in dem beide mitgespielt haben. Wo immer sie auftauchen, ist die Freude bei den Leuten groß. „Das fehlt ihm schon, dass er nicht mehr zu seiner geliebten Kultur kann“, sagt Trudel Wulle, „aber er verfolgt alles!“ Als eifriger Zeitungsleser kennt er die Spielpläne der Theater bestens, weiß genau, worüber man sich in Stuttgart streitet und freut.

„Je älter man wird, desto wichtiger wird das Wesentliche“

„Als Großvater“, sagt der Hausherr, „bin ich Spätentwickler.“ Sohn Götz Schultheiß, ein Journalist, ist im Jahr 2018 mit 63 Jahren Vater von Zwillingsmädchen geworden. Drei Generationen leben nun im Haus in Wildberg. „Je älter man wird, desto wichtiger wird das Wesentliche“, bemerkt die Hausherrin.

„Net mehr als schöne Momente mit der Familie“, wünscht sich Trudel Wulle. Und dann spricht die Frau, die viel lacht, ganz langsam, um doch noch ihren größten Wunsch zu verraten. „Ich wünsch mir“, sagt sie, „dass Walter und ich zusammen gehen.“ Auch ihre Eltern seien am selben Tag gestorben, vor vielen Jahren in Heilbronn im Krieg. Ihre Worte gehen unter die Haut. Möge dieser Tag noch lange nicht kommen! Alles Gute, wünschen wir im Namen der gesamten Leserschaft. Und vielen Dank für die Freude, die uns beide in all den Jahren bereitet haben!




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