Was bei der Paartherapie passiert Sie fragen sich: Was für Eltern können wir sein?

Marie und Patrice am Aufgang zur Paartherapiepraxis. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Erst hat eine Fehlgeburt die Beziehung von Marie und Patric verändert, nun ist Marie schwanger und das Paar beschäftigt die Frage: Wie sollen wir die Aufgaben als Mama und Papa hinkriegen?

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Es ist ein schwül-heißer Sommerabend, an dem Marie und Patric zur zweiten Sitzung mit der Paartherapeutin Franciska Wiegmann-Stoll im Stuttgarter Westen eintreffen. Sie haben Geschenke und einen Beamer dabei, später geht es zu Freunden in den Garten, die Stimmung ist gelöst.

 

Mittlerweile befindet sich Marie am Ende der zwölften Schwangerschaftswoche. Beim Ultraschall sei das Baby wild herumgeturnt, „das Herzchen schlägt“, sagt Marie. „Das Leben in mir zu sehen, hat mir die Angst genommen“, sagt Marie. Bei der ersten von insgesamt drei Sitzungen, bei denen wir das Paar begleiten, ging es vor allem um die Fehlgeburt, die das Paar im November erlebt hat. „Was hat von der letzten Stunde nachgewirkt?“, fragt Franciska Wiegmann-Stoll. Patric erzählt, dass seine Grundanspannung geringer geworden sei. „Ich hatte das Gefühl, dass es auch okay ist, nicht ständig über die Fehlgeburt nachzudenken“, so Patric.

Wiegmann-Stoll fragt das Paar, ob sie weiter über die Fehlgeburt oder über neue Herausforderungen sprechen wollen – aber da kreisen die Gedanken von Marie und Patric schon um Kinderarzt, Kita und Elterngeld, alles Dinge, um die sie sich kümmern müssen. Wie gehen sie damit um?

Die Flut an Entscheidungen erleben sie als überfordernd

„Meistens läuft es so, dass ich etwas anspreche und Marie sehr schnell abschaltet“, sagt Patric. Sie reagiere da schnell emotional im normalen Alltag, sagt Marie. Nach einem langen Arbeitstag habe sie oft wenig Energie, sich um solche Sachen zu kümmern. Die Flut an Entscheidungen erleben sie oft als überfordernd.

„Ich habe etwas mitgebracht für euch“, sagt Therapeutin Wiegmann-Stoll. Sie zieht Impulskarten hervor. Die Karten sollen dem Paar helfen, bei den vielen Fragen zur Elternschaft den richtigen Fokus zu finden. Marie wählt einen Elefanten, der über eine Schlucht springt – es symbolisiert unmögliche Aufgaben und wie man dabei über sich hinauswachsen kann.

Großes Vertrauen in die gemeinsame Stärke

Marie lässt die Gedanken wandern, kommt von ihrem eigenen Selbstwert zur Stärke, die sie als Paar haben. „Mit diesem Menschen kann ich mir alles vorstellen“, sagt Marie in Richtung Patric. „Wenn ich es nicht über den Abgrund schaffe, kommt Patric und macht den Abstand kleiner“, spielt sie auf das Bild mit dem Elefanten an. „Wir hatten zu Hause nicht so viel Geld, aber ich habe mitgenommen: Wenn man geliebt wird, geht alles irgendwie“, sagt Patric. Daraus will er etwas für seine Vaterrolle ableiten – beide sind sich einig, für das Kind da sein zu wollen. Patric sagt, er würde wohl gar nicht zulassen, dass sich nur Marie um das Kind kümmert. Marie: „Auf diese gemeinsame Grundeinstellung, dass wir für das Kind da sein wollen, kann ich total bauen.“

Patric wählt eine Karte mit dem Pareto- oder auch 80/20-Prinzip. „Wo könnt ihr 20 Prozent investieren und 80 Prozent Ergebnis erzielen?“, greift Franciska Wiegmann-Stoll das Prinzip auf. „Das ist das Bürokratische“, geht Patric auf die Aufgaben ein, die rund um Kinderarzt, Kita und Elterngeld anstehen. „Das benötigt theoretisch gar nicht so viel Kraft“, sagt Patric. Und er wolle an seiner stets präsenten Hektik arbeiten, um Aufgaben in Ruhe abarbeiten zu können.

Sie finde faszinierend, wie Marie über ihr Urvertrauen zu Patric und er über die Erfahrung, in der Familie geliebt zu werden, sprechen. „Viele Leute, die zu mir in die Praxis kommen, kennen dieses Gefühl nicht“, sagt Franciska Wiegmann-Stoll.

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