Was nützen Attentate? Trump ist doch nur ein Symptom

Nach dem Anschlag beim Medien-Dinner in Washington: Donald Trump zwischen Justizminister Todd Blanche (links) und FBI-Direktor Kash Patel Foto: dpa/Jose Luis Magana

Attentate lösen kein Probleme, auch wenn manche in den Netzwerken das glauben, meint unser Kolumnist Jörg Scheller.

Nach dem gescheiterten Attentatsversuch auf Donald Trump und seine Regierungsmitglieder vom vergangenen Wochenende zirkulieren am Stammtisch der sozialen Netzwerke die üblichen Schwurbeltiraden. Je nach Weltanschauung sehen die einen darin eine Inszenierung der Trump-Administration selbst, die anderen eine Aktion des israelischen Geheimdienstes, wieder anderen dient das Attentat als Beleg für die Gefahr durch Linksextremismus.

 

Beliebtheit erfreuen sich auch Hitler-Vergleiche, vermittels derer die oft anonymen User insinuieren: Wenn es in den Dreißigerjahren gelungen wäre, Hitler zu töten, wäre der Welt großes Leid erspart geblieben. Ein Attentat auf den angeblichen Hitler-Wiedergänger Trump sei somit ethisch gerechtfertigt. Diese These ist aus mindestens zwei Gründen problematisch.

Was wäre, wenn Hitler rechtzeitig getötet worden wäre?

Wie sich Deutschland nach der Ermordung Hitlers entwickelt hätte, kann kein Mensch sagen. Es ist möglich, dass tatsächlich alles an der Person Hitlers hing und die Dynamik des Nationalsozialismus mit seinem Tod verebbt wäre.

Es ist aber auch möglich, dass sich der Nationalsozialismus gerade ohne seinen größten Fanatiker etabliert hätte. Vielleicht hätten sich in der totalitären Bewegung strategisch gewieftere, nüchterner kalkulierende Kräfte durchgesetzt, denen eine weniger schnelle und gewaltsame, aber dafür nachhaltigere Ausbreitung des völkischen Unrechtssystems gelungen wäre. Hitler, dem selbst Winston Churchill in seinem Artikel „The Truth About Hitler“ im Jahr 1935 attestierte, er könne noch eine positive Rolle in der Weltgeschichte spielen, hätte ihnen als integrative Märtyrerfigur dienen können. Die Geschichte folgt keinem festen Pfad. Wie der Philosoph Slavoj Žižek einmal treffend sagte, leben wir in einem «offenen, verrückten, zufälligen Universum».

Trump hat von Andy Warhol gelernt

Zum anderen ist es fraglich, ob ein Enthauptungsschlag die MAGA-Bewegung stoppen würde. Trump ist kein Politiker mit eigenständigen Ideen. Er saugt diffuse Stimmungen auf, er gibt ihnen eine Form, er radikalisiert sie mit Methoden des Showbusiness, die er unter anderem vom Künstler Andy Warhol lernte. Trump ist in erster Linie ein Symptom. Die ihm zugrunde liegende psychosoziale Störung würde ohne ihn fortbestehen. Nicht zuletzt erzeugt Gewalt Gegengewalt – wenn nicht unmittelbar, dann verzögert. Es gibt viele historisch bewährte Formen des gewaltfreien Widerstands, von Streiks über zivilen Ungehorsam bis zu Volksfront-Allianzen. In dieser Hinsicht haben die USA ihr Potenzial längst nicht ausgeschöpft. Die Hasardeure, die nun Terror befürworten oder verharmlosen, lassen Geister aus der Flasche, die sie nicht kontrollieren können. Man denke nur an Sarajevo 1914.

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