Waschbären in den Städten Stadtjäger am Gängelband der Bürokratie
Invasive Arten sind nicht nur lästig, sondern sie gefährden auch Menschen und Ökosysteme. Stadtjäger, die gegen Waschbären vorgehen, werden aber ausgebremst.
Invasive Arten sind nicht nur lästig, sondern sie gefährden auch Menschen und Ökosysteme. Stadtjäger, die gegen Waschbären vorgehen, werden aber ausgebremst.
Wir brauchen dringend eine andere Gesetzgebung“, sagt Ulrich Pfeffer, der Bundesvorsitzende des im vergangenen Jahr gegründeten „Verbands für urbanes Wildtiermanagement“ (VFUW), klipp und klar. In ihm haben sich Stadtjäger aus der gesamten Bundesrepublik, hauptsächlich aber aus Baden-Württemberg, zusammengeschlossen. Die Interessenvertretung will über ihre Arbeit, aber auch über die Gefahren, die von zugewanderten Tierarten ausgehen, aufklären. Der Gingener ist zugelassener Stadtjäger in 18 Kreisgemeinden und wird täglich von verzweifelten Menschen angerufen, die nicht mehr wissen, wie sie der Waschbärenplage Herr werden sollen.
Denn der Landkreis ist im besonderen Maße betroffen. War es Anfang des Jahrtausends gerade einmal eine Handvoll Tiere, die erlegt wurde, sind es zwischenzeitlich um die 800 Waschbären, in nur einem Jagdjahr. Pfeffer weiß um die Gefahren, die von den Tieren ausgehen. Sie richten nicht nur in Gebäuden große Schäden an, sie tragen auch ganz wesentlich dazu bei, dass insbesondere bodenbrütende Vögel und Amphibien zunehmend in ihren Beständen gefährdet sind. Die Stadtjäger würden ihnen deshalb gerne intensiver zu Leibe rücken. Dürfen sie aber nicht.
Im Gegenteil. Der Gesetzgeber untersagt es ihnen. Denn nach dem Jagdrecht darf innerhalb von Ortschaften nicht gejagt werden. „Wir müssen vergrämen und präventive Maßnahmen empfehlen“, sagt der erfahrene Jäger. Er weiß aber auch: „Die Vertreibung treibt das Problem zum Nachbarn.“ Zwar stellt der Jäger die Einschränkungen der Jagd innerhalb von bewohnten Gebieten, die Jagdruhe, nicht infrage. „Wir wollen keine Treibjagden in Neubauvierteln.“
Klar sei aber auch, dass das Waschbärenproblem eben ein Problem innerhalb der Kommunen sei. „Es ist wissenschaftlich belegt, dass es zwischenzeitlich zehnmal mehr Waschbären innerhalb von Ortschaften als in der freien Natur gibt.“ Folglich fangen die von verzweifelten Menschen gerufenen Stadtjäger auch immer mehr der Tiere. Und stoßen damit auf Widerstand innerhalb der Ministerialbürokratie des Ministeriums für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg.
„Uns wird unterstellt, dass wir zu wenig für die Prävention und die Vergrämung tun. Wer zu viele Waschbären fängt, muss sich rechtfertigen.“ Es stehe gar der Vorwurf der unerlaubten Jagd im Raum. Was nach der aktuellen Gesetzeslage mindestens eine Ordnungswidrigkeit, wenn nicht gar eine Straftat ist. Pfeffer stellt fest: „Erste Kollegen denken ans Aufhören.“ Erste Gespräche mit den Zuständigen beim Referat Jagd hätten zu keinen Ergebnissen geführt. „Wir haben den Eindruck, dass wir nicht gehört werden.“ Dabei sei die öffentliche Hand nach einer EU-Richtlinie verpflichtet, gegen invasive Tierarten wie eben dem Waschbär vorzugehen. „Die Befriedung innerhalb der Wohnbebauung steht dem entgegen.“ Pfeffer bekräftigt: „Wir brauchen eine umfassende Regulierung der Waschbärbestände nicht im Revier, sondern in den Ortschaften. Wir müssen dort zupacken, wo die Tiere sind.“ Eine Forderung des Verbands ist auch die Aufhebung der Schonzeit.
Pfeffer verweist auf weitere Probleme, auf hohe Kosten etwa, die für Hausbesitzer entstehen können, wenn sie ihre Gebäude waschbärsicher machen wollen. „Wenn der Dachdecker kommen muss, wird es teuer“, macht der Stadtjäger klar. Dabei gebe es aber ohnehin keine absolute Sicherheit. Und die Stadtjäger erfahren Kritik von weiterer Seite: Die privaten Naturschützer greifen sie an, eben weil sie zu wenig Tiere jagen. Käme es dann zu Überpopulationen, „gehen sie in die Natur“. Und werden dort einmal mehr zur Gefahr für einheimische Arten. Pfeffer mahnt deshalb die Gesetzgeber in Bund und Land dringend an, die Vorschriften den Notwendigkeiten anzupassen.
Tiere
Waschbären stammen eigentlich aus Nordamerika und wurden im 20. Jahrhundert nach Europa gebracht. Zunächst wurden sie für die Pelzindustrie gezüchtet, haben sich mittlerweile aber auf dem gesamten Kontinent ausgebreitet und gefährden die hier heimischen Arten.
Helfer
Stadtjäger nehmen auf eigene Kosten eine umfangreiche Zusatzausbildung auf sich, um innerhalb von Ortsgrenzen Jagd auf Waschbären und andere invasive Arten wie Nilgänse oder Nutria machen zu können. Nur mit dieser Zusatzbildung ist die Ausübung dieser Tätigkeit gestattet.