Wegen des Baus der Interimsoper am Stuttgarter Nordbahnhof muss der Kulturverein Contain’t umziehen. Lange war nicht klar wohin. Nun gibt es eine Perspektive – doch die Kulturschaffenden stehen vor Herausforderungen.
Noch im Frühsommer dieses Jahres bangten der Stuttgarter Kulturverein Contain’t und die Akteure des Skateparks Nordiy, zwei der größten Anlaufstellen für Subkultur in Stuttgart, um ihre Existenz. Die Kulturschaffenden und Ehrenamtlichen, die bisher auf einem Areal bei den Wagenhallen im Stuttgarter Norden für Kultur-Events und damit eine lebendige Stadtgesellschaft sorgten, müssen ihren bisherigen Standort nun endgültig wegen des Baus der Interimsoper verlassen.
Die Suche nach einer neuen, geeigneten Bleibe hatte sich zuvor bereits schwierig gestaltet. Ganze 16 Standorte hatte Contain’t laut eigenen Angaben in den vergangenen viereinhalb Jahren geprüft – erfolglos. Lärmbedenken von Anwohnern, Umwelt- oder Artenschutz sowie schlechte Erreichbarkeit und bürokratische Hürden sorgten dafür, dass letztendlich keiner der potenziellen neuen Standorte mehr infrage kam.
Der Plan, der schließlich auch eine Mehrheit im städtischen Ausschuss fand: Contain’t kann auf die Fläche des ehemaligen Parkhauses P7 im Cannstatter Neckarpark umziehen. Auch Mercedes-Benz und der VfB Stuttgart hatten zuvor Interesse an der Fläche angemeldet (wir berichteten).
Was auf den ersten Blick nach einer rosigen Zukunft für den Kulturverein, seine Mitglieder und alle angegliederten Projekte klingt, hat jedoch noch einige Haken. Das Areal im Cannstatter Neckarpark soll in Zukunft mehrere Parteien beherbergen, darunter Contain’t und den Skatepark Nordiy. „Bisher wurden die Vorgaben für die Fläche vom Gemeinderat aber noch nicht genau genug umrissen, um jetzt für die Verwaltung klare Regeln zu formulieren, wie die neue Fläche funktionieren soll“, sagt Marco Trotta, Mitbegründer und Geschäftsführer von Contain’t. „Das ist uns die letzten Monate auf die Füße gefallen.“
Platz machen für die Oper
Mittlerweile ist zwar klar, dass Contain’t auf die Fläche kann, es gibt aber noch keine offiziellen Pachtverträge, keine Vereinbarungen zur Nutzungsüberlassung. „Dafür gab es einfach zu viele unterschiedliche Positionen und Auffassungen in der Verwaltung, weil der politische Auftrag nicht klar genug formuliert war. Wir arbeiten jetzt daran, dass es noch mal einen konkreteren politischen Beschluss gibt, auf dessen Basis wir klarere Rahmenbedingungen festlegen können, mit denen wiederum die Verwaltung arbeiten kann“, so Rotta.
Den aktuellen Standort bei den Wagenhallen muss Contain’t dennoch schon jetzt räumen. „Wir haben großen Druck, die Fläche am Nordbahnhof zu verlassen, gleichzeitig haben wir keine wirkliche Grundlage, um auf der neuen Fläche zu landen.“
Umzug läuft, doch Grundlagen fehlen
Solange diese Grundlagen fehlen, sind dem Kulturverein die Hände gebunden – das Team kann keine Planungsbüros oder Architekten mit der Konzeption des Areals beauftragen. „Noch immer wissen wir nicht, welche Fläche auf dem Areal P7 in Cannstatt für uns und für Nordiy da ist, welche Fläche übrig bleibt und wie diese genutzt werden kann“, so Trotta.
Auch an der nötigen Planung von Zufahrtsstraßen und Parkplätzen, die Voraussetzung für das künftige Kulturareal im Neckarpark sind, bislang aber nicht gegeben sind, hapert es.
Finanziell unterstützt wird der Kulturverein bei seinem Vorhaben durch die Stadt Stuttgart mit einem Umzugs- und Investitionskostenzuschuss von rund 600 000 Euro aus dem Doppelhaushalt 2022/2023.
Finanzielle Mittel reichen für neuen Standort nicht mehr aus
Das Problem: Die Rechnung, auf die sich die Förderung stützt, besteht auf einem Antrag aus dem Jahr 2021 – damals war noch nicht klar, wie sich die Lage für Contain’t entwickeln würde.
„Seitdem hat sich die Standort-Suche über viereinhalb Jahre gezogen. Über die Jahre sind die Baukosten explodiert, auch Corona hatte Auswirkungen“, sagt Marco Trotta. Für ihn ist klar: Die finanziellen Mittel, die damals für andere potenzielle Standorte bewilligt wurden, passen nicht zum neuen Areal in Bad Cannstatt. „Wir sind der Kulturverwaltung sehr dankbar für die Fördermittel, und die Stadt hat in den letzten Jahren gezeigt, dass sie wertschätzt, was wir machen. Mittlerweile reichen die Gelder aber nicht mehr aus.“
Vor eineinhalb Jahren hatte Contain’t die nötigen Fördermittel deshalb noch einmal hochgerechnet und bei der Stadt nachbeantragt, erzählt Trotta. Bislang ohne Erfolg.
Laut dem Contain’t-Macher kostet allein der Umzug nach Bad Cannstatt rund 107 000 Euro. Etwa 25 000 Euro der Kosten bringt Contain’t selbst auf, 85 000 Euro müssen jedoch von der Fördersumme für den Umzug aufgewendet werden.
Verzögerungen bedrohen Existenz
Dass die Bauplanung nicht in Angriff genommen werden kann, stellt Contain’t vor weitere Probleme. Der Umzug nach Bad Cannstatt ist zwar schon seit Wochen in vollem Gange, vorerst wird das Hab und Gut des Vereins aber nur eingelagert.
„Wir versuchen natürlich bis zur Baugenehmigung eine Zwischennutzung auf dem neuen Gelände umsetzen zu können“, sagt Marco Trotta. Da für Contain’t nun eine dauerhafte und nicht mehr wie bisher eine temporäre Nutzung des Areals vorgesehen ist, ist jedoch unklar, ob und inwiefern das gelingen kann.
Bis dauerhafte Bauanträge genehmigt werden, kann es ohnehin dauern. „Das kann eine sehr lange Durststrecke und für den Verein nach wie vor existenziell bedrohlich werden“, mahnt Trotta. Ein Kulturzentrum wie Contain’t lebe von der Sichtbarkeit, Erlebbarkeit und Zugänglichkeit in der Stadt und seitens der Menschen, die dort leben. „Wenn wir mal drei Jahre offline sind, fangen wir eigentlich bei Null an – das können wir uns nicht erlauben.“
Trotz allem setzt der Verein jetzt alles in den Umzug. An diesem Samstag werden weitere Materialien in den Neckarpark transportiert, ein Ziel ist aber noch lange nicht in Sicht, sagt Trotta. „Wir sind sehr dankbar für den großen Support, den wir bisher erfahren haben, aber leider reicht es noch nicht. Es ist noch viel Arbeit.“
Dringend helfende Hände gesucht
Deshalb sucht das Team von Contain’t dringend weitere Helferinnen und Helfer, die bei den Umzugsarbeiten mit anpacken. Wie der Verein auf Instagram mitteilt, können sich Freiwillige über ein Online-Formular anmelden. Marco Trotta ist es wichtig zu betonen, dass dafür keine besonderen „Skills“ erforderlich sind. „Natürlich freuen wir uns über Leute mit handwerklichem Background, aber auch alle anderen Helferinnen und Helfer sind herzlich willkommen.“
Laut dem Kulturschaffenden wird die Zeit, in der helfende Hände gesucht werden, über den 7. Dezember hinaus verlängert. Bis Ende des Jahres will Contain’t das Gelände final geräumt haben.