Wegen Solidarität mit Israel Pro-palästinensische Demonstranten bedrängen seit Monaten Pfarrer

Demonstranten vor der Martinskirche in Langenau Foto: Rüdiger Bäßler

Seit Monaten bedrängen Demonstranten einen evangelischen Pfarrer aus Langenau, angeblich wegen dessen proisraelischer Haltung. Die Polizei ermittelt, auch der Landesbischof schaltet sich ein.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Kurz vor 11 Uhr, die Glocken der Martinskirche läuten, es geht wieder los. Der Sonntagsgottesdienst ist fast vorüber, da eilen durch eine Tür in der seitlichen Kirchenmauer zwei Männer mit großflächigen tragbaren Transparenten und eine Frau mit Kamera, die alles filmt. Sie gehen vors Hauptportal. „Es ist Völkermord. Boycott Israeli“, steht zu lesen und „Gezielter Mord an Frauen, Kinder, Männer“. Die Kirchenbesucher gucken, manche spöttisch, manche genervt, unter ihnen die Konfirmandengruppe, die an der heutigen Predigt mitgeschrieben hat. „Das ist ganz schlimm“, sagt eine Besucherin. „Er steht da und pöbelt die Leute an. Ein Mensch bedrängt alle hier in der Kirchengemeinde.“

 

Ralf Sedlak hat wiederholt Strafanzeigen gestellt

Gemeint ist der wegen seiner Lautstärke unüberhörbare Wortführer dieses Aufzugs, ein Mann, nach eigener Angabe 74 Jahre alt und Einwohner von Langenau (Alb-Donau-Kreis). Sie dürfen auf Behördenanordnung ihre Plakate nicht abstellen und müssen auf dem Gehweg vor der Kirche bleiben. Aus einem in der Nähe geparkten Polizeiauto steigen zwei Beamte und erinnern an die Auflagen. Der Wortführer hat eine Bedingung für seinen Abzug, ruft: „Der Mann soll sagen: Sofortiger Waffenstillstand.“

Pfarrer Ralf Sedlak Foto: Rüdiger Bäßler

Diesmal gemeint ist der Pfarrer Ralf Sedlak, 43, seit zwei Jahren Pfarrer in der Gemeinde und mit seiner Familie wohnhaft im Pfarrhaus unweit der Kirche, mitten im Stadtkern. Seit dem 29. März seien die Störer mit lediglich drei Ausnahmen jeden Sonntag hier gewesen. „Es sind erkennbar nur zwei Personen“, so der Pfarrer. Er gehe aber davon aus, dass im Hintergrund noch weitere Aktivisten gegen ihn arbeiteten. Sedlak hat über einen Anwalt wiederholt Strafanzeigen gestellt. Um sich habe er keine Angst, sagt er, aber er sei auch für Frau und Kinder verantwortlich. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Ulm bestätigt laufende Ermittlungen, unter anderem wegen des Verdachts der Beleidigung, Sachbeschädigung, Volksverhetzung oder Störung der Religionsausübung.

Ihren Ausgang nahm die bizarre Sonntagsbelagerung der Martinskirche wohl am 15. Oktober vergangenen Jahres, kurz nach dem Überfall der Hamas auf israelisches Grenzgebiet. In seiner Predigt, so der Pfarrer, habe er seine Betroffenheit geäußert, sein Mitgefühl für „unschuldige Familien“ zum Ausdruck gebracht. Da sei auf der Besucherempore der Kirche der 74-Jährige aufgesprungen und habe losgebrüllt. Draußen vor der Kirche bestätigt der Aktivist die Szene im Kern. „Da hat er angefangen, das Gift abzusetzen“, sagt er in Richtung des Pfarrers und in Erinnerung an die Predigt. Für ihn sei „diese Kirche ein Komplize des Völkermordes“.

Eine Kameradrohne flog ums Pfarrhaus

Im November, so Pfarrer Sedlak, seien ein Mann und eine Frau auf der Straße vor ihm davongelaufen, die zuvor eine Kameradrohne um sein Haus hatten fliegen lassen. Wenig später sei der 74-Jährige nachts mit einem Megafon vor dem Haus aufgetaucht und habe Beschimpfungen ausgestoßen. Ein Unbekannter habe eines Tages mit einer Spielzeugpistole vor ihm hantiert. Dann seien an vielen Masten und Mauern Aufkleber mit dem Wort „Faschist“ angebracht worden. Bis heute gehe das so. „Bepperle“ werde er höhnisch von dem örtlichen Aktivisten genannt, so Sedlak. Unterstützer aus der Kirchengemeinde helfen, die Kleber immer wieder abzukratzen.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen der Strafanzeigen kommen offenbar nur mühsam voran. Der Behördensprecher betont, es müssten in jedem Einzelfall die Grenzen zur legalen Meinungsäußerung untersucht werden.

Die Demonstranten bewegen sich, wie es scheint, versiert in den Halbräumen zur Legalität. Für ihn sei das auch „eine Form des politischen Stalkings“, sagt Sedlak. Seine Vermutung: „Wir werden als Plattform und als Zielscheibe des antisemitischen Protests missbraucht“. Sein Vorwurf: Er und sein Kirchengemeinderat spürten so gut wie keine „Solidarität der Politik“. Wenigstens die Gottesdienstbesucher zeigten Standhaftigkeit und füllten die Bänke wie immer schon – bis auf einige wenige Ältere, die aus Vorsicht zu Hause blieben.

Der Landesbischof springt dem Pfarrer bei

Seine Anteilnahme artikulierte öffentlich am vergangenen Freitag immerhin der Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl. Er verurteile „Antisemitismus, der unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit und Israelkritik auftritt“, so Gohl. Er sei Sedlak dankbar dafür, dass dieser „Solidarität mit Israel zum Ausdruck“ gebracht habe. Er hoffe, dass „möglichst viele Bürgerinnen und Bürger Langenaus“ ihrem Pfarrer Rückendeckung gäben.

Die Organisation einer Gegendemo, darüber hätten sie im Kirchengemeinderat schon auch nachgedacht, sagt Sedlak – und sich dagegen entschieden. „Das wäre genau das, was die wollen. Dann hauen wir uns hier die Köpfe ein.“ So bleibt es vorerst bei einer anderen Maßnahme, nämlich dem Ende des offenen Gotteshauses, das jederzeit zur Andacht betreten werden kann. Bis auf weiteres bleiben die Türen der Martinskirche außerhalb der Gottesdienste abgeschlossen.

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