Als Franziska Springmann ihre Tochter zur Welt brachte, war nichts vorbereitet: Es gab kein Bettchen zu Hause, keine Wickelkommode, vielleicht ein, zwei Strampler. Mehr nicht. „Wir hatten gedacht, es bleiben noch ein paar Monate Zeit“, sagt die junge Frau mit den dunklen Locken. An jenem Julitag 2020 war sie in der 26. Schwangerschaftswoche, als die Fruchtblase platzte und die Ärzte im Uniklinikum Tübingen ihr sagten, dass sie ihr Baby nun holen müssten.
Per Kaiserschnitt kam ein zartes Mädchen zur Welt – nicht viel größer als der Unterarm der Mutter, gerade mal 845 Gramm leicht. Ihr Name: Melina. Es sei eine emotionale Berg-und-Tal-Fahrt gewesen, erzählt die Mutter. „Zum einen das empfundene Glück, dass unsere Kleine auf der Welt ist, zugleich diese Angst um sie, ob und wie gut sie den Frühstart bewältigen wird.“
Die Babys kommen unreif zur Welt, sie sind noch nicht fertig entwickelt
Die Intensivmedizin macht es heute möglich, dass selbst Frühchen überleben, die bis zu 16 Wochen zu früh zur Welt kommen. Dazu müssen die Kinder allerdings wochenlang engmaschig und von eigens geschultem Personal umsorgt und betreut werden. „Die Babys kommen unreif zur Welt, sie sind noch nicht fertig entwickelt“, sagt Cornelia Wiechers, die stellvertretende Ärztliche Direktorin der Neonatologie und neonatologischen Intensivmedizin in der Klinik für Kinderheilkunde der Uniklinik Tübingen. Alle Organe des Kindes sind auf das Leben außerhalb des Mutterleibs vorbereitet, erklärt Wiechers. Die Lunge kann noch nicht genügend Sauerstoff aus der Atemluft aufnehmen, auch Magen-Darm-Trakt, die Niere und die Leber sind nicht voll funktionsfähig.
Auf der Intensivstation sind Kinder ab der 24. Schwangerschaftswoche
In der Uniklinik Tübingen hat man viel Erfahrung mit dem Umgang der Allerkleinsten dieser Patientengruppe: Das Team von Cornelia Wiechers betreut jährlich 120 Frühgeburten mit einem Gewicht von weniger als 1500 Gramm. Meist sind es Kinder ab der 24. Schwangerschaftswoche – darunter auch Franziska Springmanns Tochter Melina. Für sie gibt es auf der Intensivstation spezielle Bettchen, die sich schließen lassen – Inkubatoren genannt. Die Babys haben es darin mit bis zu 39 Grad sehr warm, zugleich ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch. Viele werden beatmet, andere erhalten eine Atemhilfe. Über Gefäßzugänge werden Medikamente und Nährstoffe verabreicht, manche bekommen schon Muttermilch über eine Magensonde. Sensoren messen Blutdruck, Herzschlag und die Sauerstoffsättigung im Blut.
Die Nähe der Eltern ist für die Entwicklung von Frühgeborenen wichtig
Es sei nicht leicht gewesen, Melina so zu sehen, erzählt Franziska Springmann. So klein, so zerbrechlich. Bei ihren täglichen Besuchen wurde ihr das Mädchen zum Kuscheln auf den Oberkörper gelegt: warm eingepackt unter Decken, Haut an Haut. „Ich wusste anfangs gar nicht, wie ich sie anfassen sollte.“ Erst langsam und vor allem mit Unterstützung des Pflegeteams wurden die Springmanns immer sicherer im Umgang mit ihrer Tochter. „Die Nähe von Vater und Mutter ist gerade für die Entwicklung von Frühgeborenen ungemein wichtig – und von uns ausdrücklich erwünscht“, sagt Wiechers.
Vor allem Mütter plagen oft Schuldgefühle
Um den Spagat zwischen hochmoderner Intensivmedizin und menschlicher Nähe in der Neonatologie zu meistern, hat die Uniklinik Tübingen schon vor Jahren als erste deutsche Klinik das sogenannte Nidcap-Konzept etabliert: Es steht für „Newborn Individualized Developmental Care and Assessment Program“, entwickelt in den USA von der Neuropsychologin Heideliese Als. Ziel ist es, mit den Eltern die Entwicklung von Frühchen ganzheitlich zu fördern – schon in der Zeit auf der Intensivstation.
„Frühgeborene sind bei der Versorgung und Betreuung auf die Expertise von Ärzten und Pflegenden angewiesen, so fühlten sich Eltern anfangs oft unsicher und ausgeschlossen“, erklärt Wiechers. Das hat die ohnehin zerbrechliche Bindung zum Nachwuchs belastet. „Vor allem Mütter plagen oft Schuldgefühle, dass sie die Schwangerschaft nicht zu Ende bringen konnten.“
Die Eltern werden vom ersten Tag an in die Pflege und Versorgung integriert
Inzwischen entwickelt das Personal gemeinsam mit den Eltern für jedes Kind ein individualisiertes Pflege- und Behandlungskonzept: „Die Eltern werden vom ersten Tag an in die Pflege und Versorgung integriert, sie lernen die Signale und das Verhalten von Frühgeborenen zu verstehen und werden so zu den Experten für ihr Kind“ sagt Wiechers. Die Bedürfnisse des Babys werden so frühzeitig erkannt und das Entwicklungspotenzial der Frühgeborenen optimal bewahrt und gefördert . Mittlerweile haben einige deutsche Kliniken, die sich auf die Versorgung extremer Frühgeburten spezialisiert haben, sich in Tübingen schulen lassen und das Nidcap-Versorgungskonzept übernommen.
Umbau in der Uniklinik Tübingen geplant
Nun geht die Uniklinik erneut einen weiteren Schritt voran – und will in Zukunft die Eltern rund um die Uhr in die Pflege ihrer Kinder miteinbeziehen. Dazu soll die Neonatologie um eine weitere Intensivstation vergrößert werden: In sechs Intensivbehandlungszimmern kann jeweils ein Elternpaar direkt nach der Geburt gemeinsam mit ihrem Frühgeborenen untergebracht werden. Auch für Eltern mit Frühchen, die nur noch intensiv überwacht werden, wird es drei Eltern-Kind-Zimmer geben.
Jedes Jahr kommen rund 60 000 Babys zu früh auf die Welt
Vorbild sei dabei das Karolinska-Universitätskrankenhaus in Stockholm, erklärt die Ärztin Wiechers. Hier werde das Rooming-in mit Eltern und extremen Frühchen seit Jahren praktiziert – mit Erfolg: Dem amerikanischen Ärzteblatt Jama zufolge haben die Allerkleinsten in Schweden vermutlich die weltweit besten Überlebenschancen– auch aufgrund der umfassenden Pflege und frühen Integration der Eltern. „Wir können uns nur verbessern“, sagt Wiechers. Schließlich seien Frühchen die größte Kinderpatientengruppe: Statistiken zufolge kommen jedes Jahr rund 60 000 Babys zu früh auf die Welt.
Melina jedenfalls hat es geschafft: Das zweijährige Mädchen liebt es zu klettern, erklimmt jede Stufe, jeden noch so erreichbaren Vorsprung – und ruft stolz nach ihrer Mama. Franziska Springmann lacht. Ja, sagt sie. „Auch wenn es am Anfang gar nicht so ausgesehen hat: Wir haben Glück gehabt.“
Schwieriger Frühstart ins Leben
Geburt
Jedes Jahr kommen nach Angaben des Bundesverbandes „Das frühgeborene Kind“ deutschlandweit etwa 60 000 Kinder vor der vollendete 37. Schwangerschaftswoche geboren. Zum Vergleich: Im Jahr 2020 wurden in Deutschland 773 144 Geburten verzeichnet. Damit ist etwa jedes elfte dieser Kinder ein sogenanntes Frühchen.
Gedenktag
Ihnen ist der Weltfrühgeborenen-Tag gewidmet, der jährlich stets am 17. November mit vielerlei Aktionen und Veranstaltungen begangen wird. Das kleine lila Sockenpaar – eingerahmt von neun normalgroßen Babysöckchen ist das weltweite Symbol für das Thema Frühgeburt und den Welt-Frühgeborenen-Tag. Das Schnittmuster in Papierform gibt es hier zum Download