Immer auf der Seite auf seiner Figuren: T.C. Boyle Foto: imago stock&people
Vor ramponierter Naturkulisse inszeniert T.C. Boyle den Konflikt, der die USA auseinandertreibt, als vernichtendes Eifersuchtsdrama. Heilung nicht in Sicht.
Amerika ist krank. Zumindest der Ausschnitt, den der Protagonist von T.C. Boyles neuem Roman, „No way home“, zu Gesicht bekommt. Terrence ist Assistenzarzt in einer Klinik in Los Angeles. Tag für Tag flickt er Unfallopfer zusammen, behandelt die schwärenden Wunden Obdachloser, die man vom Bürgersteig aufgeklaubt hat, Nekrosen, Überdosen und Verletzlichkeiten aller Art bestimmen sein Tag- und allzuoft auch Nachtwerk. Als ihn die Nachricht vom Tod seiner Mutter erreicht, ist er gerade dabei, das Herz eines Adipösen zurück ins Leben zu massieren.
Ein Blick auf sein Gegenüber genügt, und er weiß, woran es gebricht, medizinisch gesehen. Aber seine Menschenkenntnis lässt zu wünschen übrig. Am Rande der Mojave-Wüste, unweit der gewaltigen Talsperre des Lake Mead, erbt er das Haus seiner Mutter samt verwetterter Hündin und lernt in einer Bar des benachbarten Landstädtchens die gutaussehende Bethany kennen. Und weil der Mensch unter dem Gesichtspunkt seiner Kreatürlichkeit nicht nur Krankheiten eine Angriffsfläche bietet, sondern auch den eindeutigen Signalen, die eine attraktive Person gezielt aussendet, zum Beispiel weil sie gerade „wohnungsmäßig herausgefordert“ ist, macht sich in Terrence’ Besitz schon bald eine neue Bewohnerin breit.
Ein Riss geht durch das Land, und der Lake Mead, Schauplatz des neuen Romans von T.C. Boyle, verliert immer mehr an Wasser. Foto: IMAGO/Zoonar
Wogegen nichts einzuwenden wäre, gäbe es nicht mehr als deutliche Hinweise, dass Bethany mit ihrer Vergangenheit noch nicht so abgeschlossen hat, wie es der in sexuellem Hochgefühl schwelgende Arzt erhofft haben dürfte. Offensichtlich übt ihr ehemaliger Lover Jesse trotz einiger eigentlich unverzeihlicher Vorfälle immer noch eine unwiderstehliche Anziehung aus. Wie umgekehrt der zu jeder Schandtat bereite Testosteron-Ausbund im Lederoverall nicht wahrhaben will, auf welchen Langweiler sich seine Ex da eingelassen hat, nur um auf der sozialen Stufenleiter etwas voranzukommen. Immer triebgesteuerter knattert er auf seinem Motorrad durch die Gegend, bis sich die Wege des unbeherrschten Naturburschen mit denen des abgehobenen Großstädters schmerzhaft kreuzen.
„No Way Home“ beleuchtet eine toxische Dreiecksbeziehung von allen Seiten
Es ist eine Weltpremiere, dass ein Roman des Popstars unter den zeitgenössischen Autoren zuerst auf Deutsch erscheint und erst später im amerikanischen Original. Zu den Stärken T.C. Boyles zählt, seine Figuren in ausweglose Situationen zu treiben, ohne sie preiszugeben. Um die sich entspinnende vergiftete Dreiecksbeziehung von allen Seiten zu beleuchten, wird aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Wenn Literatur etwas kann, dann die Blasen zum Sprechen bringen, in denen sich Teile der Gesellschaft voreinander einigeln, Verständnis wecken für die Motive, die hinter noch so erratischen Handlungen stehen. Oder in der Sprache der Medizin: die tieferliegenden Ursachen zeigen für die Symptome, an denen das Leben krankt.
Doch genau daran hapert es. Wohl gibt „No way home“ den Blick frei auf die soziale Misere, mit deren Folgen der überforderte Assistenzarzt alltäglich konfrontiert ist. Wo Terry Menschen nur noch als Sammelsurium von Krankheitsbildern wahrzunehmen in der Lage ist, verordnet sich seine Mitwelt gegen das langweilige Einerlei ihrer Daseinswüste eine Notapotheke aller erdenklichen Rauschmittel. Aber während es Boyle in früheren Romanen immer wieder gelungen ist, die Vorstöße an die Grenzen des Bewusstseins und der Zivilisation in einer plausiblen Handlung einzufangen, gerät dieses Mal nicht nur für die Protagonisten manches aus der Spur. Als hätte die gesellschaftliche und politische Malaise der USA auch das stabile erzählerische Immunsystem des Autors infiziert.
T.C. Boyle ist sichtlich um Ausgleich bemüht
Vor der ramponierten künstlichen Naturkulisse des unter anhaltender Dürre immer weiter absinkenden und dabei manches Unschöne ans Licht bringenden Lake Mead inszeniert Boyle die Frontstellung der beiden Amerikas als vernichtenden Eifersuchtskonflikt um das ewig lockende Weib, dem freilich sein künftiges Schicksal, dick zu werden und sich gehen zu lassen, schon vorgezeichnet scheint. Ein Elementarschauspiel aus virilen Instinkten, sozialem Dünkel und unzähligen Margeritas. Doch in dem tiefen kulturellen Zwiespalt zwischen aufgeklärten Großstadtcheckern und den Country-Musik und rechtsdrehenden Radiosendern lauschenden Landeiern, geht die Glaubwürdigkeit der Figuren verloren.
Sichtlich ist Boyle um Ausgleich bemüht, erfindet Parallelstrukturen, die mit Verlobungsringen beginnen und in Pflegefällen enden. Jeder nutzt jeden auf seine Weise aus. Der moralische Arzt ist nicht weniger den Botenstoffen hörig, die der Anblick eines schlanken Frauenbeins in ihm freisetzt wie der skrupellose Motorradmacho, dessen Brad-Pitt-hafte Reize wiederum offenbar vergessen lassen sollen, zu welchen sexuellen Übergriffen er in der Lage ist.
Man tut sich schwer, dem zu folgen, auch wenn selbst einer der schwächeren Romane des zuverlässigen Vielschreibers immer noch einen gehörigen Sog ausübt. Nur noch mit Gewalt lässt sich in „No way home“ zusammenführen, was in der Wirklichkeit unversöhnlich auseinanderdriftet. Wo sonst die Vitalität der Figuren über jede Absicht triumphiert, werden sie hier zu kränklichen Schemen einer Versuchsanordnung. Heilung ist nicht in Sicht, das Ende offen. So bestätigt der Roman immerhin noch in seinem Scheitern, was ihm glaubhaft abzubilden misslingt.
Foto: Verlag
T.C. Boyle: No Way Home. Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag. 384 Seiten, 28 Euro.
Info
Autor Das große Lebensmotiv des 1948 in Peekskill in der Nähe von New York geborenen T. Coraghessan Boyle ist die Grenze zwischen Natur und Zivilisation, die sich durch sein mittlerweile 20 Romane und doppelt so viele Kurzgeschichten umfassendes Werkmassiv zieht. Von den Utopien, Experimenten, Träumen und Schäumen der Gegenkultur aus nimmt Boyle in den Blick, was in der amerikanischen Gesellschaft fehlgeht: Gesundheitswahn, Immigration, Ökoterrorismus.
Leben Boyle stammt aus einfachen Verhältnissen, seine Eltern, beide Alkoholiker, starben früh. Er spritzte harte Drogen und hörte irgendwann damit auf, um fortan zu schreiben. In Kalifornien lebt er in einem Haus eben jenes Architekten, dem er seinerseits ein literarisches Denkmal gesetzt hat, Frank Lloyd Wright. Dort wurde er zuletzt zweimal von schweren Naturkatastrophen heimgesucht.
Termin Auf seiner Deutschland-Tour mit dem neuen Roman macht T.C. Boyle am 1. Dezember im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle Station.