Weltweit größte Rum-App Mehr als Cuba Libre: Oliver Gerhardt macht Stuttgart zur Rum-Hauptstadt

Oliver Gerhardt mit seinem Lieblingsrum von 1990 aus Jamaika – es ist der gleiche Jahrgang wie er. Foto: Daniel Gräfe

Der Stuttgarter Oliver Gerhardt entwickelte eine App, die in der Welt des Rums Maßstäbe und Stuttgart auf die Rum-Weltkarte setzt. Jetzt will er auch davon leben.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Der Weg zur wohl weltweit größten Rum-Community führt über den Stuttgarter Marienplatz. In Sichtweite hat Oliver Gerhardt in einem sonnigen Wohnzimmer eine App entwickelt, die in der Welt der Spirituosen knapp 50.000 Nutzer zusammenbringt. 25.000 Flaschen sind dort gelistet, viele davon sind zu kaufen.

 

Gerhardt geht an ein Regal mit seinen liebsten Abfüllungen und zeigt einen „Treasure Cook Jamaica 1990“ – es ist sein Geburtsjahrgang. „Eigentlich wollte ich nur meine kleine Rum-Sammlung verwalten.“

Es beginnt mit einem kleinen Programm. Gerhardt heuert nach dem Studium der Wirtschaftsinformatik bei einem Mittelständler in Stuttgart an und studiert berufsbegleitend Informatik. Teil des Studiums: eine App zu entwickeln. Damit nahm RumX seinen Anfang.

Er sei ein Genussmensch und koche gern, meint Gerhardt. Rum habe er damals nur aus dem Supermarkt gekannt – als Grundlage für Mischgetränke. Bis ihm ein Freund die Feinheiten näherbringt: Jenseits von Cuba Libre erkundet Gerhardt neue Sorten, dieses Mal in ihrer Reinform. Doch im Genussmenschen sitzt auch ein Technik-Freak, der seine Eindrücke in Tabellen strukturieren will. So entsteht die App „Rum Tasting Notes“ – Notizen für die Rumverkostung. Ende 2018 stellt er sie in die App-Stores, zum Spaß und aus Neugier. „Aufregend“ sei das gewesen.

Die Rum-Community ist anfangs nur mäßig begeistert von der App aus Stuttgart

Die Rückmeldungen aus der Rum-Community sind durchwachsen. „Die Datenbank ist eher mickrig“, heißt es etwa. 100 bis 200 Referenzen bietet Gerhardt damals in der App. „Das hat meinen Ehrgeiz gepackt.“ Gerhardt sattelt drauf. Vor allem aber lässt er die Nutzer Verkostungseindrücke teilen – der Start des Rum-Bewertungs-Portals.

Ein Grund für den Erfolg sei wohl gewesen, dass er in der Rum-Community als authentisch gelte, meint Gerhardt. Einer, der die App Schritt für Schritt entwickelt und die Meinungsführer der Rum-Szene trifft – mit einem offenen Ohr, was die Nutzer gerne verändern würden. „Sie haben gemerkt, dass die App von einem Gleichgesinnten entwickelt wurde, dass es nicht darum geht, möglichst viel zu monetarisieren.“

Inzwischen ist die App dennoch zum Geschäftsmodell geworden, das Gerhardt ernährt. Schlechter als sein Job als Software-Ingenieur, den er aufgegeben hat, weil er „sich in langweiligen Meetings gefangen“ sah, wie er meint. Aber besser als viele andere Existenzgründer.

Die App hat sich inzwischen zu einer Art Idealo oder Check24 der Rum-Welt entwickelt. 40 große Shops aus ganz Europa haben sich der Plattform angeschlossen und konkurrieren um die besten Tropfen und Preise. Bei jedem Kauf erhält Gerhardt eine Provision. Anfangs sei er noch glücklich über eine Bestellung pro Tag gewesen, meint er. Bereits in diesem Sommer erhöhte sich die Zahl auf täglich zehn. Derzeit gingen täglich 30 Bestellungen in die Warenkörbe – in einer Höhe von oft über 200 Euro, wie er betont. „Die Szene lässt sich ihre Leidenschaft etwas kosten.“

Die Nutzer können sich gegen eine Abo-Gebühr den Wert ihrer Sammlung berechnen lassen oder verfolgen, wie sich Sorten und Flaschen auf Auktionen schlagen. Inzwischen komme die kauffreudigste Kundschaft aus Frankreich. „Die Franzosen haben eine deutlich emotionalere Beziehung zu Rum als wir“, sagt Gerhardt – vielleicht aufgrund ihrer Kolonialgeschichte in Martinique oder Guadeloupe.“

Auch in Stuttgart komme Rum immer besser an, auch wenn das Thema noch eine Nische sei. Die meisten stiegen mit einem Cuba Libre oder Mojito ein, dann folge der sogenannte Sipping-Rum, den man pur trinke, schließlich die edleren Sorten. „Ich habe das Gefühl, dass die Stuttgarter Bars eher anspruchsvollere Sorten führen“, sagt Gerhardt. Wie die Bix-Bar im bekannten gleichnamigen Jazzclub. „Dort ist Rum die angesagteste Spirituose.“

Und was ist der bevorzugte Rum des App-Entwicklers aus Stuttgart?

Und was bevorzugt er selbst? Zum Beispiel „die extrem fruchtigen und intensiven Rums“ der Jamaika-Linie oder die Rums der Hampden Distillery“, sagt Gerhardt. „Ich bin ein Fan des 1990er Jahrgangs, einer der besten Jahrgänge überhaupt.“ 350 Euro für den halben Liter seien nicht ungewöhnlich.

Freunde und Bekannte lade er manchmal zu Rum-Verkostungen ein, um sie von der „vielfältigsten Spirituose“ zu überzeugen. Allein die unterschiedlichen Rohstoffe wie Zuckerrohrsaft, Zuckerrohrhonig oder Melasse! Oder die verschiedenen Gärungen und Destillationsverfahren! „Wer geschult ist, schmeckt das Herkunftsland heraus.“

Zu Gerhardts Bekannten zählt auch ein Rum-Liebhaber aus der Schweiz, der als Unternehmensberater arbeitet und zu Gerhardts Sparring-Partner für Strategiefragen geworden ist. Weitere Bekannte – ein Einkäufer bei Porsche und ein Ex-Einkäufer bei Bosch – könnten im kommenden Jahr zum Start-up hinzustoßen.

Künftig wolle er noch das Geschäftsmodell verfeinern, meint Gerhardt. Die Prozesse effizienter gestalten, noch mehr Shops in die Plattform und auch KI einbetten. Konkurrenz von anderen Rum-Plattformen fürchte er nicht. „Dieser Vorsprung ist so schnell nicht aufzuholen.“

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