Weniger Kosten, mehr Flexibilität Stuttgart will eigene Fahrschule für städtische Mitarbeiter

Wer ein städtisches Fahrzeuge lenkt, soll die Fahrerlaubnis dafür künftig auch bei der Stadt erwerben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Feuerwehr, Müllabfuhr, Weingut, Garten-, Tiefbau-, Sportamt: Viele städtische Ämter brauchen Fahrer. Deren Ausbildungskosten sind hoch. Die Stadt steuert nun gegen.

Ein neuer Führerschein ist teuer, auch für die Landeshauptstadt, wenn Beschäftigte für die Fahrerlaubnis geschult werden müssen. Und das sind in den nächsten Jahren einige mehr als bisher. So steigt beispielsweise die Zahl der Feuerwehrleute, und auch die Demografie macht vor den Kraftfahrern in städtischen Diensten nicht halt – und dann muss Ersatz her.

 

Ausschreibungen entfallen

Schon bisher trainiert die Stadt, genauer gesagt der Eigenbetrieb Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS), neue Kollegen, die als Berufskraftfahrer mit schweren Lastwagen im oft haarsträubend eng zugeparkten Stadtgebiet zurechtkommen müssen. Nun sollen die Ausbildungskapazitäten verdoppelt werden. Dazu wird aber nicht nur ein zweiter Fahrlehrer eingestellt, der Gemeinderat soll auch die Einrichtung einer Behördenfahrschule genehmigen. Damit gewinnt die Stadt bei der Fahrschulausbildung erheblich an Flexibilität. Die neue Behördenfahrschule ist nicht mehr auf die Schulungsräume des Abfallwirtschaftsbetriebs beschränkt, die Fahrschulüberwachung durch den Treuhandverein für Verkehrserziehung entfällt (allerdings nicht die alle vier Jahre zwingende Fortbildung der Fahrlehrer). Die Stadt muss Führerscheinschulungen auch nicht mehr ausschreiben und erwartet dadurch mehr Flexibilität – allein die Branddirektion hat jährlich 50 Lkw-Führerscheine zu vergeben.

2250 Euro für die Fahrerlaubnis

Nicht zu verachten sind für eine marode Stadtkasse auch die möglichen Einsparungen. Technikbürgermeister Dirk Thürnau (SPD) und der AWS-Geschäftsführer Markus Töpfer versprechen den Stadträten rund 40 Prozent günstigere Stundenpreise gegenüber dem freien Markt. Wenn der zweite Fahrlehrer oder die zweite Fahrlehrerin 2026 das Steuer übernimmt, sollen rund 160 Schüler unterrichtet werden. Alle Führerscheinklassen zusammengerechnet, ergebe sich ein Mischpreis von rund 2250 Euro pro Person für die Fahrerlaubnis. Bei einer externen Fahrschule müsse man inklusive Grundgebühr, Sonderfahrten und Prüfungskosten dagegen mit „mehr als 4100 Euro“ pro Person rechnen, so die AWS-Pressestelle auf Anfrage.

Der überwiegende Teil der Prüflinge werde Lastwagen über 7,5 Tonnen und solche mit Anhänger fahren. Dafür rechne man mit rund 30 Fahrstunden, für kleinere Lastwagen bis 7,5 Tonnen mit 18 Stunden, beim Autoführerschein mit der Erlaubnis, Anhänger zu ziehen, mit zehn Fahrstunden. „In Anbetracht der Größe der Verwaltung der Landeshauptstadt und somit des Bedarfs an Schulungen sowie einsatzspezifischer Besonderheiten ist es effizient und sinnvoll, die Schulungen qualifiziert intern aus einer Hand anzubieten“, schlussfolgern die Verantwortlichen. Neben einer zweiten Lehrkraft soll eine Stelle für die Schulung von Berufskraftfahrern und eine Verwaltungskraft hinzukommen. Die Gesamtkosten der Behördenfahrschule sollen 2026 bei rund 360 000 und 2027 bei rund 390 000 Euro liegen.

Fahrlehrer und Lkw-Fahrer fehlen

Beim Fahrlehrerverband Baden-Württemberg löst das Ansinnen der Stadt zwar keine Begeisterung aus, die wirtschaftlichen Argumente und den Wunsch der Stadt nach mehr Flexibilität kann der Vorsitzende Jochen Klima aber nachvollziehen. „Behördenfahrschulen haben wir in fasst allen größeren Städten“, sagt Klima, denn diese müssten die Leistungen ansonsten ausschreiben. Die Anforderungen an den Lkw-Führerschein seien bereits 1999 mit der Trennung der Aufspaltung der Führerscheinklassen und mehr Stufen erhöht. Ergo gibt es mehr Stunden zu leisten und mehr Prüfungen zu absolvieren.

Neben dem Verlust einiger Fahrschüler durch die Eigenausbildung der Städte drücken den Verband noch ganz andere Probleme. Auf seiner Homepage suchen diverse Betriebe Fahrlehrer. „Früher war das einfach“, sagt Klima, denn die Bundeswehr bildete viele Fahrlehrer aus. Seit der Abschaffung der Wehrpflicht sei diese Rekrutierungsquelle für die Fahrschulen versiegt. Dazu komme, dass viele Kolleginnen und Kollegen dem Ruhestand nahe seien. Klima selbst hatte 30 Jahre lang eine Fahrschule in Freudenstadt, bevor er den Vollzeitjob beim Verband übernahm. „Die meisten Fahrschulen suchen händeringend Fahrlehrer, und die meisten Speditionen händeringende Fahrer“, bilanziert der Verbandsvorsitzende.

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