Vor mehr als zehn Jahren startete die Produktion des Mercedes CLA im ungarischen Kecskemét. Zukünftig soll sie noch ausgebaut werden. Foto: imago/tock&people
„Go East“, lautet die Devise von Mercedes-Benz. In Ungarn wird die Produktion hochgefahren. Der baden-württembergische Verkehrsminister sagt: „Das schmerzt mich nicht“. Warum?
Baden-Württemberg ist ein Autoland. Fast jeder vierte Arbeitsplatz hängt an dieser und der Zuliefererindustrie, die mittlerweile aufgrund von schlechten Absatzzahlen in einer Krise steckt. Insgesamt tausende Jobs werden in den kommenden Jahren bei Mercedes, Bosch oder auch Porsche gestrichen. Anderswo in Europa wiederum baut etwa Mercedes seine Produktion aus. Landesverkehrsminister Winfried Hermann kann dieser Verlagerung nichts Schlechtes abgewinnen, wie er gegenüber unserer Zeitung verrät.
„Baden-Württemberg alleine kann es nicht richten“, sagt Hermann und meint damit die tiefgreifende Transformation in der Automobilindustrie. Aus Sicht des Grünen-Politikers muss viel mehr europäischer gedacht werden. „Wir sind ein Verbund“, deshalb schmerze es ihn nicht, dass unter anderem der Stuttgarter Autobauer seine Produktion von Deutschland nach Ungarn verlagere. Entscheidend sei, „dass Forschung und Entwicklung und Zentralen in Baden-Württemberg bleiben.“
Hermann: Lebensverhältnisse innerhalb der EU müssen sich angleichen
Landesverkehrsminister Winfried Hermann findet es nicht schlimm, dass Mercedes Jobs nach Ungarn verlagert. Foto: imago/Ulmer
Dass von der Verlagerung auch der rechtsnationale Premier Viktor Orbán profitiert, der ununterbrochen gegen die EU und ihre Werte schimpft, ist für Hermann eher zweitrangig. „Ungleichheit zwischen den Ländern führt zu Unruhen“, sagt der Verkehrsminister. Dabei brauche es vor allem einen innereuropäischen Frieden. Dieser könne vor allem dann entstehen, so Hermann, wenn die Lebensverhältnisse innerhalb Europas angeglichen seien. Ihm gehe es dabei um das große Ganze: „Osteuropa darf nicht arm bleiben“, sagt der Verkehrsminister.
Neben Mercedes siedeln sich nun auch etwa BMW und BYD in Ungarn an
Bis Ende 2024 hatte Ungarn von EU-Fördergelder in Milliardenhöhe profitiert. Aufgrund eines andauernden Streits mit der Europäischen Union über fehlende Reformen und Verstöße gegen rechtsstaatliche Prinzipien, fror Brüssel die Fördergelder schließlich ein. Die rund 1,04 Milliarden Euro waren zur Förderung strukturschwacher Gebiete vorgesehen. Immerhin: Etliche Unternehmen aus der ganzen Welt haben Ungarn für sich entdeckt. Neben BMW, die ein Werk in Debrecen bauen, sind unter anderem auch Audi, Opel und die Deutsche Bank vor Ort. Der chinesische Autohersteller BYD etwa baut sein erstes europäisches Werk in Szeged. In diesem Jahr sollen die ersten E-Autos dort vom Band rollen.
Mercedes eröffnete das Werk in Kecskemét schon 2012. Mit mehr als 4500 Beschäftigten ist es bereits jetzt einer der größten Arbeitgeber der Region. Bisher produziert Mercedes dort das CLA Coupé, der CLA Shooting Brake sowie der elektrische EQB. Zum Produktionsstart des neuen CLA haben sich Zulieferer, wie etwa Hyundai Mobis, auch in der südungarischen Stadt angesiedelt. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) sagte unlängst, Ungarn sei ein „interessanter Produktionsstandort“ wegen seines dichten Zulieferernetzes und gut ausgebildeter Arbeitskräfte.
Mercedes begründete seine Entscheidung damit, dass die Kosten am ungarischen Standort Kecskemét um 70 Prozent niedriger sind als in Deutschland. Fortan soll die Kapazität um 100 000 Autos pro Jahr erhöht werden. Das betreffe die Modelle aus dem volumenstarken Mercedes-Segment „Core“, das aus der C- und E-Klasse mit all ihren Derivaten besteht, die dann in Kecskemét statt in Deutschland gefertigt werden.
Hinweis: In einer früheren Fassung hieß es, der Minister begrüße die Verlagerung. Korrekt heißt es nun, dass sie ihn nicht schmerzt.