Wie eine 21-Jährige dem Lockdown trotzt Mein Winter mit Tinder
Was macht eine 21-Jährige, wenn es ihr während des Lockdowns langweilig wird? Sie sucht sich über eine Dating-App neue Freunde.
Was macht eine 21-Jährige, wenn es ihr während des Lockdowns langweilig wird? Sie sucht sich über eine Dating-App neue Freunde.
Stuttgart - Jakob und ich hatten uns noch nie zuvor gesehen, als wir uns zum Spazierengehen verabredeten. Wir trafen uns am See. Ich trug Sneaker und Jeansjacke, er Wanderschuhe und ein Funktionsoberteil. Manchmal blieben wir stehen und betrachteten die Insekten, deren Weg wir kreuzten. Ihre schimmernden Panzer, Fühler und Scheren. Über uns Blätterdach, Vogelgezwitscher, Herbstluft. Es hätte romantisch sein können, hätte Jakob nicht angefangen, über Grashüpfer-Penisse zu sprechen, oder zumindest irgendwann damit aufgehört. Ich wusste wenig über ihn. Nur, dass er Biologie studiert. Mit solch speziellen Interessen hatte ich allerdings nicht gerechnet. Im persönlichen Gespräch zeigten sie sich nach fünf Minuten, im tagelangen Schreiben zuvor waren sie unsichtbar geblieben. Überraschungen, die beim Treffen mit einem nahezu Unbekannten passieren können. Jakob und ich haben uns auf Tinder kennengelernt.
Online-Dating hat einen schlechten Ruf. Die Dating-App Tinder besonders. Wer hier aktiv ist, sucht Sex. Ob zu zweit, zu dritt, zu zweit und einer sieht zu, ganz egal. Hauptsache nicht mehr allein. Männer, die oben ohne posieren, Frauen, die ihre Periodenkalender posten.
Die Partnersuche im Internet erlebt während der Coronapandemie einen Boom. Menschen sehnen sich trotz Kontaktbeschränkungen nach Gesellschaft. Tinder bietet eine neue Art, sich kennenzulernen, verzeichnet seit Pandemiebeginn Nutzungsrekorde. Ich habe mir die App im zweiten Lockdown heruntergeladen. Hatte Dates mit Männern, denen ich im echten Leben wahrscheinlich nie über den Weg gelaufen wäre.
Ich bin Maja, arbeite als Praktikantin bei der Stuttgarter Zeitung, könnte jeden Tag Kürbis essen, mag den Duft nach Regen, singe beim Autofahren. 21, Studentin und Single. Die Zeiten sind vorbei, in denen meine Schuhe am Clubboden klebten, ich zur Bar tanzte, Männer mir gegen die Musik ihre Namen zuschrien. Im Coronaleben wird es in der Nacht von Freitag Samstag. Das war’s. Geschlossene Bars, geschlossene Clubs, geschlossenes Liebesleben. Mein spannendster Zeitvertreib besteht darin, im Lotto zu verlieren. Innerhalb weniger Monate bin ich um Jahre gealtert. Ich entschloss mich gegenzusteuern, bevor ich anfangen würde, Kinder vom Rasen zu jagen. Seit Herbst letzten Jahres nutze ich Tinder.
Die Handhabung ist einfach. Die Nutzer legen fest, welche Profile sie sehen möchten. Dabei sind Entfernungen, Geschlecht und Alter ausschlaggebend. Ich lasse mir Profile von Männern und Frauen vorschlagen, die zwischen 21 und 31 Jahre alt sind und nicht weiter als acht Kilometer entfernt. Die App zeigt Bilder der Nutzer bildschirmfüllend an. Nun kann ich auswählen, wen ich gut finde. Nach links wischen bedeutet Desinteresse. Nach rechts Interesse. Swipen beide Parteien nach rechts, ergibt das ein Match. Wir können uns nun schreiben.
Trotz Übung swipe ich manchmal in die falsche Richtung. Ärgerlich. Für wenige Sekunden drängt sich dann die Frage auf: Was ist, wenn ich gerade meinen Traumpartner weggewischt habe? Meinen Seelenverwandten, den Vater meiner zukünftigen Kinder Delilah und Henning? Besorgtes Grübeln, dann egal.
Neben den Bildern können sich die Nutzer zusätzlich in kurzen Texten beschreiben. 500 Zeichen, um zu überzeugen. Manche versuchen es mit Humor: „Sei meine erste Ex-Frau.“ Andere mit der Wahrheit: „Für alles zu haben, für nichts zu gebrauchen.“ Mein eigener Text besteht nur aus einem Pflanzen-Emoji. Ziemlich langweilig, ich weiß. Scheint trotzdem zu ziehen. Die Beschreibung von Jakob, dem Biologiestudenten, mochte ich gerne: „Interested in insects. Humans are okay sometimes.“ Ich dachte, er meint es humorvoll. Im Nachhinein gesehen hatte sich das Gespräch über Grashüpfer-Penisse da schon angedeutet.
Irgendwann setzten Jakob und ich uns an den See, im Hintergrund gurrten Tauben. Er bestimmte allein am Geräusch die genaue Art. Es waren Türkentauben. Die machen „hu-huu hu“. Nicht zu verwechseln mit Turteltauben, die „turr turr“ rufen, oder dem Gurren einer Stadttaube, die ein „guu-ru-gu“ von sich gibt. Ich muss zugeben, sein fundiertes Vogelwissen hat mich ein wenig beeindruckt.
Jakobs Bewegungen hatten etwas Mechanisches. Als er einen Arm um mich legte, fühlte es sich an, als würde mich eine Nudelzange umarmen. Für einen kurzen Augenblick fragte ich mich, wie viele Viren wir wohl gerade austauschen. Gedanken, die beim Dating während einer Pandemie aufkommen können. Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand, der inzwischen Normalität ist. Dass Keuschheit Teil dieses neuen Lebens ist, möchte ich nicht. Ich bin weder Nonne noch verheiratet.
Jakob und ich waren sehr unterschiedlich. Nach dem zweiten Treffen entschlossen wir, es sein zu lassen. Ein paar Wochen später schrieb er mir wieder. Fragte, ob ich eine Ameisenkolonie bei mir aufnehmen könnte. Konnte ich nicht.
Ich komme vom Dorf irgendwo in der mittelfränkischen Einöde. Nicht der Arsch der Welt, aber ich kann ihn von dort aus sehen. Da macht Tinder keinen Spaß. Die süßen Typen sind mindestens 80 Kilometer entfernt. Der Rest teilt sich auf in ehemalige Schulkameraden, die, seit sie ins Fitnessstudio gehen, keine Oberteile mehr besitzen, und Typen, deren Bilder zu viele Cola-Weizen beinhalten. Als ich nach Stuttgart umzog, kannte ich niemanden. Doch ein Blick auf Tinder verriet mir, dass es kein Problem sein sollte, jemanden kennenzulernen. Hier gibt es viele attraktive Profile. Die Männer beeindrucken mit ihren Skateboards, nicht ihren Bulldogs.
Im Januar lernte ich Justin über die App kennen. Wir verabredeten uns zum Schlittenfahren. Ich holte ihn mit dem Auto ab. Er konnte nicht selbst fahren, besaß keinen Führerschein mehr. Die Polizei hatte ihn mit Drogen im Urin erwischt. Er erzählte mir, dass das ärgerlich gewesen sei, weil einen Tag später der „Clean Urin“ angekommen wäre, den er für den Fall einer Polizeikontrolle im Internet bestellt hatte. Mir würden auch zwei Sachen einfallen, die bei und gegen eine Polizeikontrolle helfen würden, dachte ich mir. Erstens: keine Drogen nehmen. Zweitens: sich nicht kleiden wie ein Abklatsch von Bob Marley. Mit Justin war ich an jemanden geraten, der Geld für Pipi ausgibt. Toll.
Am liebsten wäre ich sofort abgehauen, aber ich wollte nicht unhöflich sein. Einmal das Thema Drogen angestoßen, musste ich nur noch nicken und an beliebigen Stellen ein „Ja, wirklich?“ einwerfen. Justin hielt einen Monolog über Kokain, Ecstasy und LSD. Das Ganze ging etwa eine Stunde, ich habe auf die Uhr gesehen. Das große Finale: die Geschichte eines LSD-Trips, während dem Justin sich eingebildet hatte, in der Küche zu stehen und mit seinem Bruder die Spülmaschine auszuräumen. In Wirklichkeit lag er völlig neben der Spur auf dem Sofa eines Freundes. Bis heute fragt er sich, ob sein Bruder in diesem Moment wohl wirklich das Geschirr gemacht hat. Nach dem Treffen löste ich unser Match auf.
Anfang Februar entschloss ich mich, mir ein neues Hobby zuzulegen: Skaten. Deutschland versank gerade im Schneechaos. Bis auf meine Garage kannte ich keinen überdachten Ort und bis auf mich niemanden, der skatete. Nicht die besten Voraussetzungen für eine Sommersportart, die vom Miteinander lebt. Nach dem Date mit Justin war ich Tinder gegenüber skeptisch eingestellt. Andererseits wollte ich unbedingt jemanden kennenlernen, mit dem ich skaten kann. Also doch Tinder. Ich swipte mich durch die Stadt und fand Lukas. Wir schrieben kurz und verabredeten uns für den gleichen Tag.
Wir trafen uns eine Stunde später. Ich sagte „Hallo“ und er „’n Obad“. Im ersten Augenblick war ich perplex. Wir hatten nicht viel geschrieben, aber die paar Zeilen, die wir hin und her geschickt hatten, waren alle in perfektem Hochdeutsch verfasst. Doch er schwäbelte. Das so stark, dass ich dachte, er packt gleich Maultaschen aus, die er im Angebot gekauft hat, und statt zu skaten, vespern wir und planen nebenbei die Kehrwoche. Doch Lukas hatte keine Maultaschen dabei, und ich gewöhnte mich schnell an seinen Dialekt. Wir skateten unter dem Vordach einer Fabrikhalle. Hörten nebenbei Musik, rauchten, lachten, als es mich beinahe hinschmiss. Er gab mir Tipps. Mein Ollie, ein Sprung mit dem Board, ist zwar immer noch mittelmäßig, aber immerhin weiß ich jetzt, was ich besser machen kann.
Ich bilde mir nicht ein, die große Liebe auf einer Dating-App zu finden. Genauso wenig interessiere ich mich für Freundschaft Plus oder One-Night-Stands. Tindern ist meine Art, im mittlerweile dritten Lockdown nicht in Einsamkeit zu versinken. Ich frage meine Matches oft, was sie von der App erwarten. Im Moment texte ich mit Max. Ich mag seine Art, wir haben die gleichen Hobbys. Am Wochenende werden wir uns das erste Mal sehen. Auf meine Frage hin, was er auf Tinder suche, meinte er: „Gerade bin ich happy, mir in der App ein wenig den Lockdown zu vertreiben. Wenn ich hier jemand Cooles kennenlerne, ist das nice. Und wenn nicht, ist das auch okay.“