Björn Leese ist bekannt aus der Maskentheatergruppe „Familie Flöz“, seit 2023 hat er eine Professur an der HMDK in Stuttgart. Foto: /Anja Grothe
Wir fühlen uns besser, wenn wir unseren Körper nutzen. Nonverbale Kommunikation beeinflusst Entscheidungen. Wie aber können wir uns körperlich der Welt wieder mehr öffnen? Zu Besuch im Seminar Szenische Körperarbeit an der Stuttgarter Schauspielschule.
Wir sind im Seminar Körperarbeit. Björn Leese unterrichtet den ersten Jahrgang Schauspiel. Es ist Mittwoch, 15 Uhr, ein fensterloser Raum, die hintere Wand verspiegelt, davor liegt ein schwingender Boden. Sechs Studierende stehen im Kreis, werfen einander eine Holzstange zu. „Probier mal, in die Knie zu gehen“, sagt Leese. „In den Boden, dann bist du präsent und eingeschaltet. Mach dich anspielbar.“ Die Konzentration der jungen Spieler ist hoch, ihre Körperhaltung aufrecht, sie sind unter Spannung.
Hier an der Schauspielschule ist der Körper eines der wichtigsten Werkzeuge der Studierenden. Um gut zu sein, sollten sie das, was sie zeigen wollen, wirklich erleben und verkörpern. Ihr Körper ist nah an der Welt.
Wie steht es um den Körper im öffentlichen Raum, wie um unsere körperlichen Erfahrungen?
Jenseits der Bühne hat sich dieses Verhältnis verändert. Bei vielen Menschen ist der Körper dem öffentlichen Leben, der Umwelt entrückt. Sie treten nur digital in Kontakt. Obwohl der Körper das Medium ist, mit dem der Mensch die Welt erfährt und sich zu ihr verhält, scheint es, als ob die körperliche Selbsterfahrung und Interaktion verkümmern.
Während der Pandemie sind alle weit auseinandergerückt, und nicht überall sind sie wieder zusammengekommen. Wie steht es um den Körper im öffentlichen Raum, wie um unsere körperlichen Erfahrungen? Soziale Codes regeln, wie wir uns in der Öffentlichkeit ausdrücken. Die meisten Menschen belassen es bei einem zurückgenommenen, beherrschten körperlichen Verhalten. Das hat gute Gründe – und kann doch Sinnlichkeit und Intuition einschränken.
Würde es sich nicht gut anfühlen, den Körper auch jenseits vorgegebener Bewegungskonzepte im Sport und beim Musizieren wieder mehr zu nutzen? Sich wie ein Kind auf den Boden legen, wenn es da gemütlich ausschaut, eine interessante Begebenheit glotzend betrachten, im Rathaussaal Pirouetten tanzen. Und: einander wieder näherkommen, wenn wir dem anderen in die Augen schauen, ihn umarmen oder ihm die Hand schütteln.
Der gewöhnliche Mensch hat verlernt, sich körperlich intuitiv zu verhalten
Björn Leese, einer der Köpfe der internationalen Theatergruppe Familie Flöz, hat seit 2023 eine Professur an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, der HMDK, in der Urbanstraße in Stuttgart. Leese unterrichtet Szenische Körperarbeit. Er sagt: „Wenn ein Mensch und ein Tier auf der Bühne sind, schauen wir eher auf das Tier, weil es interessanter ist.“ Leese ist in einer Einrichtung für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung aufgewachsen, wo seine Eltern arbeiteten. Von den Leuten dort habe er viel gelernt, erzählt er. Viele von ihnen seien authentisch und natürlich – innen stimme mit außen völlig überein.
Der gewöhnliche Mensch hat verlernt, sich körperlich intuitiv zu verhalten – damit beschäftigte sich schon Heinrich von Kleist in seinem Essay „Über das Marionettentheater“. Ein Junge, der für einen Moment der Figur des „Dornausziehers“ gleicht, verliert seine unbedachte Grazie, als er versucht, die Bewegung zu wiederholen. Reflexion und Bewusstsein zerstören erst einmal die Darstellung.
Das Schwierigste ist wohl, die Welt überhaupt in sich hineinzulassen. Man könne an einen Clown denken, schlägt Björn Leese vor. Dem Clown widerfährt etwas Unangenehmes: Er stürzt, eine Torte landet in seinem Gesicht. „Dieses Fiasko lässt er geschehen, nimmt es erstaunt wahr, er überspielt nichts“, erklärt Leese. Man sieht dem Clown die Bestürzung an, er reagiert direkt und ehrlich.
Einfachheit in der Körpersprache hat eine große Wirkung
Die Studierenden spielen eine Übung mit der sogenannten neutralen Maske: Jemand erwacht in der Höhle. Die innere Haltung ist das „Beginners Mind“, eine offene Einstellung, die Voraussetzung für Interaktion. Dabei hat die Maske eine erstaunliche Wirkung. Man sieht den Körper nicht weniger, sondern mehr. Keine Regung kann versteckt werden. „Jede Handlung wird klar, Einfachheit führt zu totaler Größe“, sagt Leese. Diese Einfachheit müsse man ernst nehmen. „Alles, was nur vom Kopf ausgeht, ist nicht interessant auf einer Bühne.“ So sei der zuschauende Mensch gepolt.
Spiel mit Neutraler Maske Foto: Carolina Eicker
Und Zuschauer sind wir längst alle. Das glaubt zumindest der amerikanische Soziologe Richard Sennett. In seinem aktuellen Buch „Der darstellende Mensch“ geht er davon aus, dass Darsteller und Zuschauer sich im öffentlichen Raum seit Beginn der Moderne immer weiter voneinander entfernt hätten. Das Internet habe diese Entwicklung verstärkt. „Es gibt keine Teilnahme im Sinne eines Dialogs zwischen Politikern und Zuschauern“, so Sennett. Ein Darsteller nehme sehr viel Raum ein, während alle anderen nur zuschauen könnten. Ein Großteil der Menschen erlebe sich als ausgeliefert, hilflos, das Selbstwertgefühl leide.
Vielleicht ist die allenthalben neu entstandene individuelle Sehnsucht nach Stofflichkeit heute ein Versuch, genau diesen empfundenen Kontrollverlust wieder auszugleichen. Man misst die eigenen körperlichen Vitalwerte über Fitnesstracker und Smartwatches, überwacht den Blutzucker – als müssten wir uns selbst daran erinnern, dass wir doch noch Körper sind. Das heißt: da sind.
Soziologe Sennett: „Die Menschen glauben eher dem Körper“
Unsere Körper haben eine große Macht. „Begegnen wir anderen, sind wir Meister darin, Körpersprache zu lesen“, sagt Björn Leese. Wie im Tierrudel sortierten sich die Rollen, wenn eine Gruppe neu zusammenkomme, über die Bewegung und Haltung der Körper: Wer ist im Hochstatus, wer im Tiefstatus? Das Bedürfnis, diese Zuordnung vorzunehmen, steckt tief im Menschen. Vor 40 Jahren erklärte Samy Molcho aller Welt die Mechanismen der Körpersprache und stellte in Untersuchungen fest, dass mehr als 80 Prozent unserer Entscheidungen und Reaktionen durch nonverbale Kommunikation ausgelöst werden.
Warum wurde Trump gewählt – trotz seiner Lügen? „Die Menschen glauben eher dem Körper“, sagte Richard Sennett kürzlich in einem Interview. Trump hat seine Darstellung als Macher perfektioniert, die US-Amerikaner wählten nach Bauchgefühl. Den Aufstieg von Selbstdarstellern sieht Sennett begründet in dem Verlust von Kommunikation. Es müsste auf den Straßen zugehen wie auf Bühnen, sagt er. Dafür bräuchte es eine Städteplanung, die Plätze wie in der Antike schafft, enge Straßen für Begegnungen. Die Konfrontation mit anderen treibe die Menschen aus ihrer körperlichen Passivität und Zuschauerrolle.
Wenn Kinder zu viel Zeit am Handy verbringen, können sie ihren Körper weniger ausprobieren
Das wäre nicht nur politisch, sondern auch individuell bereichernd, glaubt Körperarbeiter Leese. Wenn Kinder mehr Zeit am Handy verbrächten als damit, auf Bäume zu klettern, könnten sie ihren Körper weniger ausprobieren. „Dann ist ein großer Teil von ihnen nicht so, wie er sein könnte.“ Dabei wäre es einfach: „Jeder weiß, je mehr man seinen Körper benutzt, desto wohler fühlt man sich.“
Sich für das Einfache zu öffnen, dauert bei den Schauspielschülern eine Weile. „Die Schwierigkeit“, sagt Leese, „besteht darin, dass man fürchtet, das sei langweilig. Doch in Wahrheit ist es ein Wagnis.“ Wie der Liedermacher Stoppok singt: „Mal dein Herz mit Farbe an, möglichst bunt, steck ’ne Rose dran. Dann stell dich auf den höchsten Berg, breit die Arme aus und zeig der Welt dein Werk.“