Wildtierhilfe in Steinenbronn Diese Frau rettet reihenweise Eichhörnchen
Denise Riedmüller pflegt verwaiste und verletzte Eichhörnchen. Rund um die Uhr ist sie für die Wildtiere im Einsatz. Wie kam die 37-Jährige dazu und wie schafft sie das?
Denise Riedmüller pflegt verwaiste und verletzte Eichhörnchen. Rund um die Uhr ist sie für die Wildtiere im Einsatz. Wie kam die 37-Jährige dazu und wie schafft sie das?
Hektor knabbert genüsslich an einem Champignon, während Karl – eng an seine drei Brüder gekuschelt – verschlafen aus dem Kobel schaut. Das Fell des zarten, rotbraunen Wildtieres ist etwas stumpf. Das komme vom Nährstoffmangel, sagt Denise Riedmüller. Denn die beiden Eichhörnchenbabys hatten einen schlechten Start ins Leben.
Karl lag mit seinen Geschwistern im Kobel, als der Ast, in dem sich das Eichhörnchennest befand, abgesägt wurde. Drei Tage lang lag der Ast samt Kobel am Boden, bis jemand die hilflosen Eichhörnchen entdeckte und sie schließlich zu Denise Riedmüller brachte. Nun sind die jeweils knapp 70 Gramm schweren Winzlinge in Sicherheit.
Die 37-Jährige, die in Steinenbronn lebt und als Versicherungskauffrau arbeitet, kümmert sich seit rund fünf Jahren mit viel Herzblut ehrenamtlich um verwaiste und verletzte Eichhörnchen. Ihr Ziel: die putzigen Wildtiere gesund zu pflegen und wieder in die Freiheit zu entlassen. „Karl und seine drei Geschwister sind erst viereinhalb Wochen alt“, erzählt Riedmüller. Alle zwei bis vier Stunden müssten die Kleinen erst mit einer Elektrolytlösung, später mit einer speziellen Aufzuchtmilch gefüttert werden – auch nachts. Das brauche viel Zeit, denn die kleinen Fellknäuel müssten das Trinken erst lernen – und zwar mit einem speziellen Nuckel an einer Spritze. Denn verschluckten sie sich, könne das schwerwiegende Folgen haben. Später gebe es für die Eichhörnchen verschiedene Nüsse und auch Pilze oder Gurke.
Wer ein Baby-Eichhörnchen oder ein verletztes Tier findet, kann sich an den Eichhörnchennotruf wenden. Dort hilft Denise Riedmüller ebenfalls freiwillig aus. „Auf keinen Fall sollte man dem Eichhörnchen Wasser oder Futter geben“, warnt die Tierschützerin. „Ist es unverletzt und noch warm, besteht die Möglichkeit, dass es die Mutter wieder abholt.“ Denn manchmal fielen Eichhörnchen auch einfach aus dem Nest. Für diese Fälle gebe es einen speziellen Lockruf, den der Finder vor Ort auf seinem Smartphone abspielen könne, erklärt die 37-Jährige. Oft hole die Mutter das Jungtier daraufhin ab.
Wenn das nicht klappt, kommt Denise Riedmüller ins Spiel. Sie bestimmt zunächst das Alter des Eichhörnchens, dann kommt es zur Beobachtung in Quarantäne. Können ansteckende Krankheiten ausgeschlossen werden, wird es mit anderen gleichaltrigen Eichhörnchen in eine Voliere gesetzt – denn Eichhörnchen hält man immer in Gemeinschaft.
Neun Eichhörnchen zwischen viereinhalb und zehn Wochen beherbergt Riedmüller aktuell in ihrer Wohnung. Die meisten kommen im Alter von etwa sechs Wochen zu ihr, denn ab diesem Alter unternehmen die Kleinen ihre ersten Ausflüge. „Sie finden dann manchmal nicht mehr nach Hause, werden von Krähen angegriffen oder ihre Mutter wird von einem Auto überfahren“, erklärt die 37-Jährige.
Wenn die Eichhörnchen acht Wochen alt sind, beginnt Riedmüller mit der Entwöhnung. „Das Ziel ist, die Wildtiere wieder menschenscheu zu machen“, erklärt sie. Sie reduziere dann den Kontakt mit ihnen auf ein Minimum. Dafür habe sie extra ein Grundstück am Waldrand gepachtet, wo sich eine Auswilderungsvoliere befinde, sagt die Eichhörnchen-Expertin.
Dort leben derzeit fünf Eichhörnchen, die schon bald in die Freiheit entlassen werden können. Doch zuvor müssen die verwaisten Wildtiere noch lernen, wo es Schlafplätze und Futterstellen gibt. Deshalb gibt es an der Voliere Klappen, durch die die Eichhörnchen ins Freie gelangen können. „Zum Schlafen kommen sie anfangs immer wieder in die Voliere“, sagt die Tierschützerin. „Wenn mich die Eichhörnchen anfauchen, dann bin ich glücklich, denn dann hat das Entwöhnen funktioniert.“
Denise Riedmüller war schon immer sehr tierlieb. Neben den Eichhörnchen, die sie stets wieder in die Freiheit entlässt, leben bei ihr noch ein Hund und eine Katze. „Ein Leben ohne Tiere ist für mich nicht lebenswert“, sagt sie. Die Liebe zu Eichhörnchen entdeckte die 37-Jährige, die sich früher ehrenamtlich bei der Tierrettung engagierte, durch ein trauriges Erlebnis. „Als wir zu einem verletzten Eichhörnchen gerufen wurden, fand ich niemanden, der sich mit den Wildtieren auskennt und ihm helfen wollte. Mir ist das Eichhörnchen schließlich in meinen Händen gestorben,“ erzählt sie, immer noch sichtlich bewegt von diesem Moment.
Dieser Moment der Hilflosigkeit bewog sie dazu, selbst eine offizielle Auffangstation ins Leben zu rufen. 13 Schulungen zu Themen wie Hygiene, Wundversorgung und Aufzucht hat sie mittlerweile absolviert. Die Ausbildung zur Tiernotfallsanitäterin hatte sie bereits zuvor in der Tasche. „Es gibt viel zu wenig Menschen, die sich mit Eichhörnchen auskennen“, findet die Tierfreundin. Es ist ihr zudem wichtig aufzuklären, dass es in Deutschland keine Grauhörnchen gibt, sondern nur das einheimische Eichhörnchen, welches auch graue Fellfarben haben kann.
Rund um die Uhr kümmert sich Denise Riedmüller um ihre Schützlinge. Viel Zeit kostet das tägliche Putzen und Desinfizieren der Volieren und das Waschen der Kobel. Von Februar bis Oktober kommen immer wieder neue Eichhörnchen zu ihr. Pro Jahr versorgt Riedmüller so rund 40 bis 60 Eichhörnchen. Etwa 300 Euro zahlt sie dafür jeden Monat aus ihrer eigenen Tasche, den Rest bekommt sie durch Spenden. „Ich habe zum Glück ganz tolle Follower auf Facebook, die mich unterstützen. Ohne sie ginge das alles nicht“, schwärmt sie.
Sind die Eichhörnchen über den Berg und werden in die Freiheit entlassen, verschwinden sie meist sofort im dichten Wald, und Denise Riedmüller sieht sie nie wieder. Alle, bis auf eines. Denn Elvis – ein dunkles Eichhörnchen mit einem weißen Fleck in Form eines Herzens auf der Brust – hat es sich in der großen Tanne auf Riedmüllers Grundstück gemütlich gemacht. „Immer, wenn ich mal länger dort bin, meckert er vom Baum herunter, bis ich ihm zwei Nüsse hinlege. Dann verschwindet er wieder“, erzählt die 37-Jährige und lacht.
Telefon
Wer ein verwaistes oder verletztes Eichhörnchen findet, kann sich an den Eichhörnchen-Notruf unter der 0 70 0/20 02 00 12 wenden. Auf keinen Fall sollte man den Tieren Nahrung oder Wasser geben.
Helfen
Wer Denise Riedmüller bei ihrer Arbeit unterstützen möchte, kann sich per E-Mail an eichhoernchenzimmer@gmail.com wenden.