Windkraft im Kreis Göppingen Widerstand gegen Windräder

Diese Windkraftanlagen vom Typ Vestas V172 mit einer Nabenhöhe von 175 Metern, sind auch für den Schurwald beantragt. Foto: /st

Während der Gemeinderat von Wangen mehrheitlich das Einvernehmen für geplante Windräder erteilt hat, laufen Adelberger Lokalpolitiker und mehrere Anti-Windkraft-Initiativen Sturm.

Wie geht es mit den geplanten Windkraftanlagen auf dem ehemaligen Bundeswehr-Depot zwischen Wangen und dem Schorndorfer Stadtteil Oberberken weiter? Die Firma Energiedienstleistungen Remstal plant, dort vier neue Rotoren zu errichten. Eine Anlage ist auf Gemarkung Oberberken und drei Anlagen auf Gemarkung Wangen geplant, erklärt das Umweltschutzamt beim Landkreis Göppingen. Im Juli 2024 habe die Firma den digitalen Genehmigungsantrag eingereicht. Die Regionalversammlung in Stuttgart hat dem Vorhaben im Dezember zugestimmt. Die in ihrem Aufgabenbereich berührten Behörden und Stellen wurden zu dem Vorhaben angehört, erklärt ein Sprecher des Göppinger Landratsamts. Im Rahmen dieses Verfahrens wurden auch Stellungnahmen der betroffenen Kommunen eingeholt.

 

Die Energiewende ist mit Zugeständnissen verbunden

Die fielen offenbar recht unterschiedlich aus: Der 13-köpfige Gemeinderat in Wangen beispielsweise, auf dessen Gebiet die drei Anlagen vom Typ Vestas V172 mit einer Nennleistung von 7,2 Megawatt und einer Gesamthöhe von 261 Metern liegen, hat bereits im Dezember bei drei Gegenstimmen das Einvernehmen für das privilegierte Vorhaben erteilt. In der Sitzungsvorlage heißt es unter anderem: „Die eingereichten Unterlagen ergeben, dass öffentliche Belange nicht beeinträchtigt sind, beziehungsweise dass eine Beeinträchtigung durch entsprechende Maßnahmen ausgeglichen werden kann.“ Verbunden war der Beschluss mit der Bitte, Auflagen in die Genehmigung aufzunehmen. Diese betreffen die Kontrolle der tatsächlichen Immissionen nach dem Bau der Anlage, den Bodenschutz, die Auswirkungen auf die nahe Nato-Pipeline und die Auswirkungen einer möglichen Havarie auf die Feuerwehr.

Wangens Bürgermeisterin Mary-Ann Schröder war in den vergangenen Tagen nicht für eine Stellungnahme zu den Plänen zu erreichen, aber der Gemeinderat Benjamin Christian (SPD) berichtet, es habe im Wangener Gremium bereits vor einigen Jahren einhellige Zustimmung für den Windkraftausbau gegeben. Und auch jetzt sei eine Mehrheit dafür. „Niemand jubelt, wenn er solche Anlagen vor der Haustür hat“, sagt Christian. „Wer aber glaubt, dass die Energiewende gelingen kann, ohne dass jeder von uns einen Beitrag leistet, der ist falsch gewickelt.“ Der Wangener Lokalpolitiker sagt, die Gemeinde gehe mit Blick auf mögliche Schallemissionen davon aus, „dass sich die Betreiber an die gesetzlichen Vorgaben halten“. Es sei auch der Auftrag an die Verwaltung ergangen, sich wegen der Verteilung der Gewerbesteuereinnahmen zu erkundigen. Sein Fazit: „Windkraftanlagen sind mir immer noch lieber als ein Atommüll-Endlager auf unserem Gebiet.“

Ganz anders ist die Situation in den Schorndorfer Ortsteilen Oberberken und Schlichten, aber auch in Adelberg. Auch der Adelberger Gemeinderat hat eine Stellungnahme abgeben und sich geschlossen für eine klare Ablehnung der Pläne ausgesprochen. Unterfüttert wird die Adelberger Stellungnahme mit einer 75-seitigen Expertise, die aus der Feder von Jörg Saur und Ewald Nägele stammt. Darin befinden sie zusammenfassend, dass die Anlagen nicht genehmigungsfähig seien, weil Antragsunterlagen „teils unvollständig und mangelhaft ausgeführt“ seien, etwa bei den Themen Schall, Sicherheit und den Auswirkungen auf die Umwelt.

Damit liegen die Autoren auf der Linie der Windkraftgegnerin Gerti Stiefel aus Birenbach, die dem Verein „Mensch Natur“ vorsteht. Der 2013 gegründete Verein kämpft seit langem gegen den Windkraftausbau im Allgemeinen und auf dem Schurwald im Besonderen. Die Bürgermeisterin Carmen Marquardt sagt: „Die Gemeinde Adelberg und der Verein Mensch Natur tauschen sich beim Thema Windkraft seit über zehn Jahren aus. Die Herren Saur und Nägele schätze ich genauso sehr wie Frau Stiefel, da sie Argumente und Fachwissen in den Vordergrund stellen und nicht nur einfach gegen eine Sache sind.“

Initiative verteilt Broschüre an Entscheidungsträger im Landkreis

Tatsächlich beansprucht Gerti Stiefel für sich, ausschließlich Fakten zu verbreiten. Es gehe ihr und dem Verein, der nach ihren Angaben 120 Mitglieder hat, um gemeinnützige Zwecke, etwa den Erhalt der Kulturlandschaft. Durch Windkraftanlagen befürchtet sie die Zerstörung von Lebensräumen, Landschaftsbild und Lebensqualität, und das, obwohl die erneuerbaren Energien teuer und nicht bedarfsgerecht seien. Dazu komme, dass die Windleistungsdichte im Schurwald nicht erfüllt werde und die Prognosen des Windatlasses zu optimistisch seien, wie sie sagt. Außerdem erfordere der Bau der Windrotoren einen gigantischen Materialeinsatz.

Vieles von dem, was sie am Ausbau der Windkraftanlagen kritisiert, sei den Menschen im Raum Göppingen gar nicht bewusst, glaubt Stiefel. Sie und ihre Mitstreiter haben in den vergangenen Wochen eine Broschüre erstellt und 3300 Stück davon an Entscheidungsträger im Landkreis verteilt. Das 182-seitige Druckwerk zeigt anhand aller möglicher Windkraftstandorte in Baden-Württemberg Visualisierungen, ein Teil davon im Schurwald. Sie bestehen aus Fotos und Luftbildern, in die Ansichten der geplanten Windkraftanlagen montiert wurden – auch die beim alten Bundeswehr-Depot. Die Visualisierungen seien von einem Überlinger Landschaftsarchitekten oder nach Anleitung von ihm angefertigt worden, erklärt Stiefel. Sie seien durchaus realistisch. Adelbergs Bürgermeisterin Carmen Marquardt hofft, dass die Stellungnahme der Gemeinde etwas bewirkt und ist überzeugt, dass bei den beanstandeten Punkten nähere Prüfungen folgen müssen.

Der Vorhabenträger überarbeitet derzeit seine Antragsunterlagen

Ein Unterstützer dieser Kritik ist auch der Adelberger Gemeinderat Thorsten Hirsch, der auch Vorsitzender des Vereins „Lebensraum Östlicher Schurwald“ ist. Der Verein wurde vor ein paar Jahren ebenfalls als Reaktion auf die Windkraftpläne gegründet und wendet sich im aktuellen Fall gegen den Ausbau. Hirsch glaubt, dass das Genehmigungsverfahren „schnell und leise durchgedrückt“ werden soll. Er verweist auf die ebenfalls ablehnenden Stellungnahmen aus Uhingen, aber auch aus Birenbach oder Wäschenbeuren, die aber im Falle des Windparks GP03 nicht angrenzen und deshalb zu keiner Stellungnahme aufgefordert wurden. Einig ist er sich mit Gerti Stiefel in der Einschätzung: „Für Adelberg kommt es knüppeldick.“

Das Umweltschutzamt im Landratsamt erklärt: „Aufgrund der Rückmeldungen aus der Behördenanhörung werden die Antragsunterlagen derzeit vom Vorhabenträger überarbeitet. Nach Änderung oder Ergänzung der Unterlagen werden die davon betroffenen Behörden nochmals beteiligt.“ Das heißt auch: „Eine abschließende Prüfung und Bewertung der eingegangenen Stellungnahmen wird erst nach Abschluss des Anhörungsverfahrens erfolgen.“

Die geplanten Anlagen bei Wangen​

Bauherr
 Die Firma Energiedienstleistungen Remstal GmbH ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Stadtwerke Schorndorf und der Stadtwerke Fellbach. Sie verfolgen das Ziel, Dienstleistungen in der Energiewirtschaft und im Rechenzentrumsbetrieb anbieten zu können.​ ​

Hersteller
 Die dänische Firma Vestas ist seit 1986 im deutschen Markt tätig und hat hier bis heute nach eigenen Angaben mehr als 9070 Windenergieanlagen installiert. Vestas beschäftigt rund 2300 Mitarbeiter in Deutschland. 

Weitere Themen