Auf dem Alleenfeld bei Sachsenheim soll ein Energiepark entstehen. Die Bürgerinitiative „Gegenwind Sachsenheim“ sieht die Naturlandschaft bedroht. Foto: Gegenwind Sachsenheim
In Sachsenheim sollen Windräder gebaut werden, aber eine Bürgerinitiative wehrt sich. Die Ingersheimer wollen mehr Windenergie, aber sie dürfen nicht. Was läuft hier falsch?
Der Kreis Ludwigsburg will bis 2040 klimaneutral werden. Um dieses Ziel zu erreichen, sollen auch Windräder saubere Energie liefern. Bisher steht allerdings nur ein einziges, einsames Windrad im Landkreis. Zwei lokale Beispiele verdeutlichen, woran der Ausbau der Erneuerbaren Energien im ländlichen Raum hakt – aber auch, wie sich Probleme lösen lassen.
Bürgerinitiative macht mobil
Zwischen Kleinsachsenheim und Hohenhaslach liegen grüne Wiesen, Landwirte bauen Weizen an, und gelegentlich kreisen kleine Flugzeuge des angrenzenden Modellflugsportvereins über die Felder. Das Gelände gehört der Hofkammer des Hauses Württemberg. Das Privatunternehmen möchte auf dem Alleenfeld zwei Windkraftanlagen und eine 34,2 Hektar große Photovoltaikanlage errichten. Die zwei Windräder mit einer Gesamthöhe von 262 Meter und der Solarpark könnten zusammen über 20.000 Haushalte mit Strom versorgen.
Zwei weitere Windräder, möglicherweise auch sogenannte Bürgerwindräder, plant die Stadt Sachsenheim auf kommunalen Grundstücken in direkter Umgebung.
Dann sei es vorbei mit der ländlichen Idylle, glaubt die Bürgerinitiative „Gegenwind Sachsenheim“. Kaum hatte der Gemeinderat den Plänen zugestimmt, formierte sich Widerstand. Die Initiative will das Projekt verhindern. Sie befürchtet eine Zerstörung des Naherholungsgebiets, Lärmbelastung und Abrieb von Mikroplastik durch die Rotorblätter. Deshalb fordert sie einen Planungsstopp sowie einen Bürgerentscheid gegen das Vorhaben.
„Wenn innerhalb von drei Monaten rund 1000 Unterschriften gesammelt werden, prüft der Gemeinderat das Anliegen und muss sich dann damit befassen“, erklärt Arved Oestringer, Pressesprecher der Stadt Sachsenheim. Entweder wird dann das Bürgerbegehren direkt umgesetzt oder es kommt zum Bürgerentscheid – dann stimmen die Bürgerinnen und Bürger ab.
Die Hofkammer des Hauses Württemberg plant, ihre Anlagen bereits im Jahr 2029 in Betrieb zu nehmen. Wann sich die Windräder auf den städtischen Flächen drehen sollen, kann Oestringer nicht sagen. „Wenn es zu einem Bürgerbegehren kommt, würden wir erst einmal mit der weiteren Planung stoppen.“
der Bürgerproteste aus, verzögert sich auch der Beitrag des Landkreises Ludwigsburg zur Energiewende.
Findet sich eine geeignete Fläche für ein zweites Windrad in Ingersheim?
Als im etwa zehn Kilometer entfernten Ingersheim das erste Windrad im Kreis errichtet wurde, regte sich ebenfalls Widerstand, erinnert sich Dieter Hallmann. Der frühere Softwareentwickler gründete 2010 die Energiegenossenschaft Ingersheim. Zwei Jahre später stand nördlich der Gemeinde eine Windkraftanlage. „Es gab massiven Protest gegen das Vorhaben“, sagt Hallmann. Auch damals habe sich eine Bürgerinitiative gegründet – ganz ähnlich wie jetzt in Sachsenheim.
Als das erste und bislang einzige Windrad im Landkreis Ludwigsburg gebaut wurde, gab es Widerstand, erinnert sich Dieter Hallmann. Foto: Simon Granville
Doch mittlerweile sei es ruhig geworden. Die Sorgen der Kritiker hätten sich nicht bestätigt: „Der Lärm ist minimal, die Fledermauspopulation blieb stabil, und auch die Immobilienpreise haben nicht gelitten“, sagt Hallmann. Im Gegenteil: „Heute wünschen sich viele im Ort sogar ein zweites Windrad.“ Das zeigt auch das Ergebnis einer Bürgerbefragung. Demnach landet das Windrad – gleich hinter den Weinbergen – auf Platz zwei bei der Frage, womit sich die Bürger in Ingersheim besonders verbunden fühlen.
Viele Bürgerinnen und Bürger hätten Interesse, in ein weiteres Windrad zu investieren und sich Anteile an der Anlage zu sichern. Eine geeignete Fläche sei bereits in Aussicht – direkt neben dem bestehenden Windrad.
Nun hofft die Genossenschaft auf eine Ausnahmeregelung, um das zweite Windrad doch noch realisieren zu können.
Um Skeptiker zu überzeugen, stellte Hallmann einen Imbissstand neben dem Windrad in Ingersheim auf, grillte Würste und suchte das Gespräch. Foto: privat
Hallmann sieht Bürgerbeteiligung als Schlüssel zur Akzeptanz
Währenddessen hält Hallmann Vorträge in der ganzen Region. Auch in Sachsenheim hat er bereits gesprochen und für die Vorteile einer genossenschaftlichen Energieversorgung geworben. Sein zentrales Argument: Wenn die Menschen vor Ort finanziell an den Erträgen beteiligt werden, steigt die Akzeptanz deutlich. Für die Mitglieder der Energiegenossenschaft, überwiegend Bürgerinnen und Bürger aus Ingersheim, habe sich die Investition gelohnt, betont Hallmann. In Ingersheim sei das Modell ein echter Erfolg gewesen.
Proteste gegen die zweite Windanlage erwartet der Softwareentwickler in seiner Gemeinde nicht, Hallmann muss nun ganz andere Probleme bewältigen. Denn nach dem Gegenwind der Anfangszeit muss Ingersheim mittlerweile nur noch gegen bürokratische Hürden ankämpfen.
Wie funktioniert eine Energiegenossenschaft?
Energiegenossenschaft Eine Energiegenossenschaft ist ein Zusammenschluss von Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen oder Kommunen mit dem Ziel, gemeinschaftlich Projekte zur nachhaltigen Energieversorgung zu realisieren. Das genossenschaftliche Modell beruht auf demokratischer Mitbestimmung, wirtschaftlicher Beteiligung und lokalem Nutzen.
Beteiligung Die Energiegenossenschaft Ingersheim investierte 3,6 Millionen Euro in ein Bürgerwindrad. Nach 15 Jahren haben die 364 Genossenschaftsmitglieder ihren Anteil zurückerhalten, sagt Hallmann. Zusätzlich werden sie einmal im Jahr am Gewinn beteiligt.