Winterwandern im Engadin Ein Dorf ist nicht genug
Winter in der Schweiz: Streckenwandern geht hier auch im Schnee: Hoch über dem Inn führt die Via Engadina von Ort zu Ort
Winter in der Schweiz: Streckenwandern geht hier auch im Schnee: Hoch über dem Inn führt die Via Engadina von Ort zu Ort
Der liebe Gott, so erzählt man sich im Schweizer Engadin, hat für jedes Volk ein eigenes Tal geschaffen. Nur das schönste wollte er selbst behalten.
Blöderweise hatte Gott die Engadiner vergessen. So gab er ihnen sein sonnenverwöhntes Hochtal am Oberlauf des Inn und zog selbst mit Harfen und Posaunen in den Himmel. „Daran gibt es wohl keinen Zweifel“, sagt Walter Schmid und hebt die Hände wie ein Prophet. Als ehemaliger Dorflehrer in Ardez genießt Schmid Autorität im Tal.
Bleibt also nur die Frage, welches der Dörfer, die sich im schönsten Tal der Welt wie an einer Perlenkette am und oberhalb des Flusses reihen, wohl das schönste ist. Wem ein ganzer Urlaub in einem der kleinen Örtchen vielleicht nicht genug ist und zu einseitig erscheint, der kann sich auf einer Streckenwanderung selbst einen Überblick verschaffen. Das geht mit verkürztem Tourverlauf für vier Tage auf eigene Faust inklusive Gepäcktransport auch im Winter und ist ein Novum in den Alpen.
Los geht es in Zernez, wo die Züge der Rhätischen Bahn aus dem Prättigau und dem 19 Kilometer langen Vereinatunnel unterhalb des Flüelapasses ankommen, der einzigen sicheren Verkehrsverbindung in die restliche Schweiz. 1500 Menschen leben hier auf ebenso vielen Metern Höhe. Ihre Häuser erinnern bereits an Italien, denn nach dem Dorfbrand 1872 haben Gastarbeiter aus dem Süden sie gebaut. Und der Schweizerische Nationalpark mit seinen Steinböcken und Bartgeiern ist gleich nebenan.
Aber den lassen die Wanderer links liegen und folgen den unübersehbar fuchsiafarbenen Schildern nach Susch. Der Schnee knirscht unter den Stiefeln. Die Bäume aber sind grün. Es schneit nicht viel im Engadin, in normalen Jahren etwa 70 Zentimeter. Susch liegt direkt am reißenden Fluss, was gut war für eine Brauerei. Die Gebäude stehen noch, aber inzwischen gehen weiße Museumsräume darin nahtlos über in die alten Felsenkeller am Hang dahinter. Die polnische Unternehmerin und Kunstfreundin Grażyna Kulczyk hat 2019 im Dorf ihr „Muzeum“ für moderne Kunst eröffnet. „Auch bei uns ist die Zeit nicht stehen geblieben“, sagt die nette Dame aus Deutschland hinter der Kasse und empfiehlt die Nusstorte im Museumsbistro.
Weiter geht es durch dunklen Wald talwärts. Zwischen den Wipfeln schimmern im Süden die Gipfel der Dolomiten. Dann führt eine überdachte Holzbrücke über den Fluss rein nach Lavin. Das Restaurant Linard wirbt hier mit ambitionierten Jazzkonzerten und die Bäckerei Giacometti mit ihrer Nusstorte. Irgendwo muss man die einfach probieren.
Auf dem weiteren Weg rauf auf die Hochlagen des Tals vertreibt herrliche Sonne die Minusgrade. Wie ein Adlerhorst liegt abends Guarda auf einem Bergsporn über dem Talgrund. Guarda ist ein Dorf wie eine Filmkulisse aus der frühen Neuzeit. 200 Einwohner, plätschernde Brunnen und das Museum vom Schellen-Ursli, dem kleinen Jungen aus einem nach wie vor beliebten Schweizer Kinderbuch von 1945, der wie die großen Kinder mit einer großen Glocke den Winter vertreiben wollte. Erst haben ihn alle ausgelacht, aber das Ende ist, dies sei verraten, triumphal. Wenn man ein Dorf knuddeln könnte, Guarda wäre ein guter Kandidat.
Auch der Abmarsch am nächsten Morgen über tief verschneite Almen weiter talwärts gestaltet sich sonnig und spektakulär. Wie ein Zuckerbäckerdorf liegt schließlich Ardez mit seinen schneebestäubten Dächern unter uns. Walter Schmid wartet an einer Weggabelung, damit man sich nicht verläuft. Und damit man alles richtig sieht. „Ardez ist das schönste Dorf der Welt“, sagt er, „des Engadins wäre doch untertrieben.“ Warum? Es gebe zwei Kirchen, zählt er auf, einen Laden, eine Bücherei, eine Burgruine und monatliche Lottoabende. Und das alles für 500 Einwohner.
„La bescha“, nennen die sich selbst in ihrem rätoromanischen Dialekt, „die Schafe“. Ihre Engadiner Wohnstallhäuser in warmen Pastelltönen mit den Wandmalereien aus dem 17. Jahrhundert sind tatsächlich besonders schön. Da geht man nur ungern weiter, vor allem, wenn man den Lottoabend verpasst hat. Aber das Tagesziel heißt Scuol, und bis dort sind es noch zwölf Kilometer. Statt alter Saumwege folgen die rosa Pfeile jetzt teils einer leeren Straße. Die Skipiste in Ftan zieht sich einen grünen Hang hinab, vorbei an einer privaten Elitesportschule. Dann lieber schnell nach Scuol, wo es wieder einen größeren Bahnhof gibt und ein herrlich warmes Mineralbad mit Unterwasser-Massageliegen und einem wunderbaren Blick auf den nächtlichen Sternenhimmel.
Von hier nimmt man am letzten Tag zum Abschluss die Bergbahn und marschiert über verschneite Hochlagen noch 13 Kilometer bis nach Sent. Das Dorf liegt schon fast an der Grenze zu Österreich. Für die letzten 250 Höhenmeter von der Berghütte Vastur kann man sich vom Gastwirt Georg Salomon nach der heißen Schoki aber auch einfach einen Rodel geben lassen. Wohl dem, der auf der rasanten Abfahrt rechtzeitig mit den Wanderstiefeln bremst.
Zernez erreicht man am besten mit der Bahn über Landquart. Der Swiss Travel Pass erlaubt für vier oder acht Tage freie Fahrt mit allen Zügen, Bussen und Linienschiffen (www.swissrailways.com).
Unterkunft
Hotel Bär & Post, Zernez, Charmantes Familienhotel mit beheiztem Außenpool, Doppelzimmer ab ca. 282 Euro, https://baer-post.ch. Meisser Lodge, Guarda, legeres Haus mit SB-Lounge und eigenem Yoga-Retreat, DZ ab ca. 138 Euro, www.hotel-meisser.ch. Hotel Altana, Scuol, privat geführt gleich neben Bahnhof und Bergbahn, gutes Restaurant, DZ ab ca. 245 Euro, www.altana.ch/de.
Aktivitäten
Komplettbuchung von Unterkünften, Gepäcktransport und Gästekarte Plus für die vier-tägige Tour mit Nahverkehr und Vergünstigungen unter: www.engadin.com.Nationalparkzentrum Zernez mit multimedialer Ausstellung: www.nationalpark.ch. Muzeum Susch: moderne Kunst in einer alten Brauerei: www.muzeumsusch.ch.Mineralbad Bogn Engiadina in Scuol: www.bognengiadina.ch/de.
Allgemeine Informationen
www.myswitzerland.com