Wirbel um Stuttgarter Klinik Paukenschlag im Marienhospital: Klinik trennt sich von Geschäftsführerinnen

Das Marienhospital im Stuttgarter Süden ist zum dritten Mal innerhalb von zweieinhalb Jahren unter neuer Leitung. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Zwei Jahre waren die Geschäftsführerinnen des Marienhospitals im Amt. Nun hat die Klinik mitgeteilt, eine Interimsleitung sei eingesetzt. Welche Folgen hat das?

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

Das Stuttgarter Marienhospital hat sich kurzfristig von seinen beiden Geschäftsführerinnen Claudia Graf und Bettina Lammers getrennt. Am Montagmittag standen die beiden zwar noch in dieser Position auf der Homepage der Klinik. Doch die Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Untermarchtal e. V., die Trägerin der Klinik, hatte kurz vor 12 Uhr per Mail darüber informiert, dass eine Interimsgeschäftsführung eingesetzt wurde: „In der Geschäftsführung der Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH gibt es eine Veränderung“, heißt es in der Mitteilung.

 

„Ich bin in der Welt der katholischen Kirche groß geworden.“

Dr. Jan Schlenker, Geschäftsführender Partner von Borchers & Kollegen Managementberatung GmbH

Die Interimsgeschäftsführung der katholischen Vinzenz von Paul Kliniken, zu denen auch die Vinzenz Klinik und die Vinzenz Therme in Bad Ditzenbach sowie die Luise von Marillac Klinik in Bad Überkingen gehören, übernehme „ab sofort Dr. Jan Schlenker, Geschäftsführender Partner von Borchers & Kollegen Managementberatung GmbH, und Team“. Ziel der Interimslösung sei es, „die Kontinuität in der Führung sicherzustellen und die Organisation in der aktuellen Übergangsphase stabil zu begleiten“.

Borchers & Kollegen mit Sitz in Münster übernimmt Sanierungen, man sei Spezialist im Gesundheits- und Sozialwesen. „Handeln bevor es zu spät ist“ und „Stabile Seitenlage – Der strukturierte Notfallplan“, heißt es im Internetauftritt der Managementberatung. „Ich war gestern zum ersten Mal vor Ort, ich habe noch keine Unterlagen gesehen“, so Jan Schlenker auf Anfrage. Der Auftrag sei unbefristet, sagt der Arzt und Ökonom, der bereits als Krankenhausgeschäftsführer gearbeitet hat. „Ich bin in der Welt der katholischen Kirche groß geworden“, so Schlenker. Wohl auch deshalb fiel die Wahl auf ihn.

Das Marienhospital befindet sich – wie viele Krankenhäuser – seit Jahren finanziell in schwierigem Fahrwasser. 2023 war ein Verlust in Höhe von 17,966 Millionen Euro geschrieben worden, 2022 hatte er noch bei rund 2,2 Millionen gelegen. In der Kliniken gGmbH (mit Hospital) betrug der Verlust 18,7 Millionen bei einem Umsatz von 238 Millionen Euro. In der Bilanz werden für 2023 „aufgrund der immer noch durch Corona bedingten nicht zufriedenstellenden Fallzahlen Erlösausfälle“ beklagt. Die Eigenkapitalquote fiel von 16,7 auf 2,9 Prozent, die Verbindlichkeiten wuchsen um rund sechs Millionen Euro.

Graf und Lammers sollten die Wende schaffen. Für 2024 gab es ehrgeizige Pläne. Die Zielsetzung sei, „im größten Betrieb der Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH, dem Marienhospital Stuttgart, eine operative „schwarze Null“ zu erreichen“. Restrukturierungsmaßnahmen zielten „auf die Sicherung der Liquidität und eine Verbesserung der Ertragslage“, heißt es in der Konzernbilanz. Bis zum dritten Quartal 2024 lief dennoch ein Verlust von 5,4 Millionen Euro auf, Im November 2024 stellen die Gesellschafter zwölf Millionen Euro Kredite zur Verfügung, um die Zahlungsfähigkeit zu sichern.

Im „Mut und Zuversicht“ überschriebenen Jahresbericht 2024 hatte das Führungsduo vor einer Sanierung gewarnt. „Restrukturierung statt Sanierung“ hieß es dort, und weiter: „Wir können sehr gut medizinische Themen in Geld umsetzen“. Man sehe „sofort, was ein Prozess innerhalb des Hauses kostet, wie er organisiert ist, warum er funktioniert oder nicht“, so Graf. „Im Marienhospital restrukturieren wir, damit wir eben nicht in eine Sanierung kommen“, betonte Lammers. Denn eine Sanierung sei „stark negativ behaftet und käme für viele einer Entmündigung gleich.“ – Nun hat man einen Sanierer geholt.

Marienhospital Stuttgart trennt sich nach zwei Jahren von Führungsduo

Claudia Graf (links) und Bettina Lammers haben das Marienhospital zwei Jahre geleitet. Foto: Marienhospital

Graf und Lammers waren gerade mal zwei Jahre im Amt. Im April 2024 hatten sie mit großen Zielen vom Vorgänger Thomas Wülle die Leitung übernommen. Sie wollten für einen „innovativen und zukunftsorientierten Führungsstil mit Leidenschaft“ stehen, teilten sie damals mit – und ergänzten: „Unser Ziel ist es, die wirtschaftliche Stabilität des Hauses sicherzustellen und ein zukunftsfähiges Konzept für die Beschäftigten und die Gesundheitsversorgung der Patientinnen und Patienten in Stuttgart und in der Region umzusetzen.“

Noch im Januar diesen Jahres hatte das Duo im klinikinternen Podcast über Ideen für 2026 gesprochen. Die beiden Frauen aus Nordrhein-Westfalen hatten einen ungewöhnlichen Weg hinter sich: Kennengelernt hatten sie sich bei ihrer Tätigkeit als Intensivpflegekräfte. Beide bildeten sich in den folgenden Jahren in den Bereichen Fallmanagement, Medizincontrolling und Klinikmanagement weiter. Als Doppelspitze hatten sie dann bei der Leitung kirchlicher Kliniken in Westfalen Erfahrung gesammelt.

Trägerin: Betrieb im Marienhospital Stuttgart nicht gefährdet

Thomas Wülle wiederum hatte als Interimslösung ebenfalls nur ein kurzes Gastspiel: Im November 2023 war er auf Markus Mord gefolgt, der das Haus zehn Jahre lang geführt und auf eigenen Wunsch verlassen hatte. Nach nur fünf Monaten kam dann die weibliche Doppelspitze.

Welche Auswirkungen der dritte Wechsel innerhalb von zweieinhalb Jahren auf den Klinikbetrieb hat? Die medizinische und pflegerische Versorgung sowie der laufende Betrieb aller Einrichtungen sei uneingeschränkt gewährleistet, versichert die Trägerin. „Die bekannten Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner sowie die bestehenden Abläufe bleiben unverändert“, so der Orden weiter.

Marienhospital in Stuttgart versorgt jedes Jahr 30 000 Patienten stationär

Das Marienhospital sei angesichts der Herausforderungen der Krankenhausreform „bestens aufgestellt“, hatte der Orden Ende 2023 betont. Hinweise auf Konsolidierungsbedarf hatte es dennoch gegeben. Wenige Monate zuvor war etwa die Tagespflege in der Villa Maria am Bubenbad kurzfristig geschlossen worden. Als Grund hatte eine Sprecherin angegeben, die Einrichtung habe „noch nie wirtschaftlich betrieben“ werden können. Zur finanziellen Lage wollte sich das Klinikum aktuell nicht äußern.

Der langjährige Geschäftsführer Markus Mord hatte zu seinem Abschied angesichts der allgemein schwierigen Lage so mancher Klinik darauf hingewiesen, dass man „die Liquidität sichern“ müsse. Gerade für freigemeinnützige Häuser wie das Marienhospital, die keinen Ausgleich der Kommune bekommen, sei die Lage „ganz bitter“.

Das Marienhospital an der Böheimstraße im Süden zählt mit gut 760 Betten und rund 2000 Beschäftigten zu den großen Kliniken in Stuttgart. Es versorgt jährlich etwa 30 000 Patienten stationär und mehr als 90 000 ambulant. Warum die Geschäftsführerinnen abgesetzt wurden, wollte die Klinik auf Nachfrage unserer Zeitung nicht kommunizieren. Dies werde in den kommenden Tagen mitgeteilt, hieß es.

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