Urs Zondler, Betreiber des Ochs’n Willi, kündigt eine Klage an. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Für den Abriss des Wittwerhauses muss auch der Ochs’n Willi weichen. Inhaber Urs Zondler will jedoch um seine Gaststätte kämpfen – und sogar vor Gericht ziehen.
Valentin Schwarz
23.03.2026 - 12:04 Uhr
Urs Zondler ist stinksauer. „Schauen Sie, das ist so eine schöne Gaststätte“, sagt der 87 Jahre alte Inhaber des Ochs’n Willi, während er von einem Ecktisch aus den Blick durch das Restaurant an der Königstraße 30/32 schweifen lässt. „Und jetzt wollen die das alles kaputt machen.“
Im Erdgeschoss des Wittwerhauses angesiedelt, profitiert der Ochs’n Willi seit mehr als 50 Jahren von bester Stuttgarter Innenstadtlage. Doch das hat bald ein Ende: Ab 2028 will der Eigentümer, das Immobilienunternehmen Dinkelacker AG, den kompletten oberirdischen Teil des traditionsreichen Gebäudes abreißen. 2027 müssen alle bisherigen Mieter weichen, darunter die Buchhandlung Thalia, das Fitnessstudio Jonny M. – und der Ochs’n Willi. Er habe davon erst durch die Berichterstattung unserer Redaktion erfahren, erzählt Zondler. „Ich verstehe die Welt nicht mehr.“
Wittwerhaus in Stuttgart: Schweizer eröffnet in den 1970er-Jahren Ochs’n Willi
Zondler, das wird im Gespräch schnell klar, hängt an seinem Lokal. Der mitteilungsfreudige Schweizer lebt am Starnberger See, betreibt dort einen Golfclub. Trotz seines hohen Alters fährt er weiterhin einmal pro Woche nach Stuttgart, um dort nach dem Rechten zu sehen. Die Räumlichkeiten übernahm er Anfang der 1970er-Jahre, der Ochs’n Willi ist also fast so alt wie das 1967 erbaute Wittwerhaus selbst.
Traditionsreiches Gebäude: das Wittwerhaus an der Königstraße Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Bei einem Glas Weißwein in seiner Gaststätte sitzend, plaudert Zondler – kariertes Sakko, goldene Uhr am Handgelenk – über seine Erfahrungen als Wertpapierhändler Ende der 1960er-Jahre. Anschließend wechselte der gebürtige Züricher nach eigener Aussage in die Gastronomie und eröffnete mehrere Restaurants in München.
Geplanter Abriss des Wittwerhauses stößt auf Unverständnis
Der Ochs’n Willi wurde zu Zondlers Versuch, auf dem Stuttgarter Markt Fuß zu fassen. Ein erfolgreicher, wie die Langlebigkeit zeigen sollte. „Ich hatte damals einen Riesen-Dusel, an diese Lage zu kommen“, sagt Zondler. Das Schloss nebenan, die Fußgängerzone in der Königstraße, die Tiefgarage am Schlossplatz – besser gehe es für einen Gastronomen kaum. „Der Ochs’n Willi läuft unvorstellbar gut“, schwärmt der Betreiber und schreibt sich daran selbst einen gewichtigen Anteil zu: „Ich habe diese Geschichte über 50 Jahre lang vernünftig geführt.“
Umso mehr ärgert sich Zondler über die Pläne der Dinkelacker AG. Seine Reaktion auf das drohende Aus für den Ochs’n Willi: „Das darf nicht wahr sein.“ Zum 31. Dezember 2027 läuft sein Pachtvertrag aus – allerdings bei der Dinkelacker-Schwaben Bräu GmbH, die juristisch nichts mit der Dinkelacker AG zu tun hat. Die Brauerei hat die Räumlichkeiten ihrerseits von dem Immobilienunternehmen gepachtet und an Zondler unterverpachtet.
Streit um den Ochs’n Willi
Er habe die Dinkelacker-Schwaben Bräu GmbH mehrmals darum gebeten, seinen auslaufenden Vertrag zu verlängern, sagt Zondler. „Die haben aber jedes Gespräch verweigert“, beklagt er sich. Til Odenwald, Prokurist der Brauerei, erwähnt dagegen mehrere Gespräche mit Zondler. „Wir haben ihm mehrfach kommuniziert, dass wir nicht verlängern können, weil unser Vertrag mit der Dinkelacker AG auch endet“, sagt Odenwald. AG-Vorstandsmitglied Elias D’Angelo teilt zudem auf Anfrage mit, alle Mieter seien über „den Zustand des Gebäudes sowie über die auslaufende Nutzungsgenehmigung“ informiert worden.
Zondler wirft nun beiden Unternehmen vor, nachtragend auf einen Vorfall von vor zwei Jahren zu reagieren. Damals habe die Dinkelacker GmbH eine Bitte der Dinkelacker AG, das Gebäude schon vor Vertragsende umbauen zu dürfen, an ihn herangetragen. Dem habe er sich nicht grundsätzlich verweigert, schildert der Ochs’n-Willi-Wirt. „Ich habe aber gesagt, sie sollen mir dann zahlen, was ich ansonsten verdient hätte.“
Odenwald wiederum erzählt, Zondler habe die Anfrage „vehement verneint und rechtliche Schritte angekündigt“. Ihm zufolge zog die Dinkelacker AG damals noch eine sogenannte Revitalisierung – eine Sanierung ohne Abriss – in Betracht. Doch das habe sich zerschlagen, weshalb auch der Disput mit Zondler im Sande verlaufen sei.
Zondler kündigt Klage an – wie geht es mit dem Ochs’n Willi weiter?
Nun plant das Immobilienunternehmen also den Abriss. Kampflos aufgeben will Zondler jedoch nicht. „Die bekommen jetzt einen Prozess von mir“, kündigt er an. Vor Gericht hoffe er auf die Treuepflicht. „Ich lasse mir jetzt von einem Richter beibringen, ob das geht, einen Vertrag nach über 50 Jahren einfach so auslaufen lassen“, sagt der promovierte Jurist. Außerdem pocht Zondler auf Ersatz für den Schaden, der ihm durch die öffentliche Ankündigung der Pläne entstanden sei. Hier bezieht er sich auf Mitarbeiter, die nun Abwanderungsgedanken hätten.
Wenn der Ochs’n Willi aber tatsächlich aus dem Wittwerhaus ausziehen muss? Dann sei das wohl das Ende des Restaurants, sagt Zondler. Er habe keine Ambitionen, einen neuen Standort zu suchen. „Ich bin 87 Jahre alt, mein Golfclub läuft gut, ich habe ein paar Millionen auf der Bank.“ Finanziell sei ihm die Zukunft der Gaststätte deshalb „ziemlich Wurst“. Allerdings gehe es ihm ums Prinzip: „Ich will mich nicht einfach so abservieren lassen.“