Lesen an Stuttgarter Schulen Schulbüchereien – Ohne engagierte Eltern läuft hier nichts

In der Mittagspause schnell einen Manga-Comic lesen. In der Bibliothek der Robert-Koch-Realschule ist das möglich. Foto: Christoph Schmidt/Lichtgut

Die Lesekompetenz von Grundschülern ist schlecht. Trotzdem werden in Baden-Württemberg Schulbibliotheken nicht vom Land gefördert. Budget und Arbeitseinsatz stemmen meist die Eltern.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Fatma ist vertieft in das Heft, das vor ihr liegt. Die Zwölfjährige macht Mathehausaufgaben. Sie tut das in der Stunde zwischen dem Vormittags- und Nachmittagsunterricht. Da ist es sehr ruhig in der Schulbücherei der Robert-Koch-Realschule in Stuttgart-Vaihingen. Fatma hat ihren Platz vielleicht nicht ganz zufällig gewählt. Denn zu ihrer Linken steht ein Regal. In dem stehen jede Menge Bände der Mein-Lotta-Leben-Reihe, einer Bestsellerserie, die auch Fatma verschlungen hat.

 

So wie sie jetzt sitzt, kann sie zwischendurch mal einen Blick in die Bücher über Lotta und ihre Freundin Cheyenne werfen. Fatma flüstert fast, als sie berichtet, wie toll sie diese Bücher findet. Ein paar Meter weiter vor dem Manga-Regal sitzen Christoph und Adrian. Beide sind zehn Jahre alt und im Moment nicht wirklich ansprechbar. Sie sind im Manga-Leserausch.

Im Moment fühlt es sich so an, als sei die Bibliothek der stillste Ort an der Schule. Für manche Schüler oder Schülerinnen, die mit dem Trubel auf dem Pausenhof nichts anfangen können, ist das vermutlich auch so. Die Schulbibliothek ist ein Angebot, Lektüre zu finden – ganz niederschwellig. Auch für jene, für die Bücher im Leben keine Selbstverständlichkeit sind. Und für manche ist sie vielleicht gleichzeitig ein Raum, zum Einfach-mal-Durchschnaufen.

Das rote Lesesofa gab es als Spende

Das große rote Sofa lädt förmlich dazu ein. Engagierte Mütter haben es auf einer Verkaufsplattform im Internet entdeckt. Und wohl soviel Überzeugungsarbeit für den guten Zweck geleistet, dass sie es als Spende bekommen haben. Die Bibliothek, heute allerdings an anderer Stelle und wesentlich kleiner, gibt es schon so lange. Die Großmutter von Adrian, dem Mangaleser, so berichtet Monika Heintz, habe sie damals ins Leben gerufen. Heintz, selbst Absolventin der Robert-Koch-Realschule, engagiert sich seit sechs Jahren für die Bibliothek, obwohl ihre Kinder hier längst nicht mehr zur Schule gehen. Zum Team gehören auch Ergotherapeutin Katrin Hamm-Mezger und Lisa Abel. Letztere hat mal in der Unibibliothek gearbeitet. Was alle vereint: Sie können mit Kindern und setzen auf die fürs Leben wichtige, beflügelnde Wirkung von Leseerfahrungen.

Lisa Abel (links) und Katrin Hamm-Metzger gehören zum Team der Bibliothek in der Robert-Koch-Realschule. Foto: Christoph/Schmidt/Lichtgut

„Die Schülerinnen und Schüler sollen hier runterkommen können“, sagt Heintz. Denn eine Bibliothek für Heranwachsende ist auch ein Ort für oder gegen Liebeskummer, Freundschaftsstress, Schulprobleme oder der Selbstverortung. „Neulich war eine Schülerin da, die wollte mal was über Pubertät lesen“, sagt Lisa Abel. Ausgeliehen hat sie das Buch nicht. Sie hat es vor Ort gelesen. Manchmal braucht es eben ein Buch, um die Welt wieder ins Lot zu bringen.

Auf den Förderverein angewiesen

„Dritte Orte“, also Orte, an denen es nicht nur ums Lesen geht, nennen Experten deshalb Bibliotheken seit langem. Mitunter ist der Andrang so groß, dass die Einlassbegrenzung von 40 Schülerinnen und Schülern greift. 3182 Bücher, Comics, Graphic Novels gibt es in den Regalen. Serien, Sachbücher, Neuanschaffungen nach Wunschlisten. E-Books gibt es nicht. Die Macherinnen sind auf den Förderverein der Schule oder auf (Bücher)-Spenden angewiesen, haben für Anschaffungen keinen festen Etat. Eine Förderung von Seiten des Landes explizit für Schulbüchereien gibt es nicht, heißt es aus dem Wissenschaftsministerium.

Nur 15 Prozent der Schulen haben eine Bibliothek

Wie viele Schulbibliotheken es gibt, kann Ingo-Felix Meier, der Geschäftsführer des baden-württembergischen Landesverband des Deutschen Bibliotheksverbandes zu seinem Bedauern nicht sagen. Niemand zählt sie konsequent. Für Meier ist jedoch klar: Sie sind bitter nötig. „Sie leisten einen wichtigen Beitrag in der Förderung der Lesekompetenz“, sagt er.

Die ist in Deutschland gewaltig am Schwinden. Nach Zahlen der Stiftung Lesen aus dem Jahr 2024 kann jedes vierte Grundschulkind nicht ausreichend gut lesen. Mädchen haben im Vergleich zu Jungen eine höhere Lesemotivation. Meier zitiert einen Kongress des Kulturministeriums zum Thema Ganztag, bei dem Schüler gefragt wurden, wie sie sich den idealen Ganztag vorstellen. Die Mehrzahl wünschte sich eine Bibliothek. Die müsste dann ein Ort sein, der zum Verweilen einlade, sagt Meier. Schätzungen sagen laut Meier, dass 15 Prozent der Schulen eine Bibliothek mit hauptamtlichen Mitarbeitern betreiben. Zu wenig für Meier. Der Landesverband fordert deshalb im Vorfeld der Landtagswahl ein Förderprogramm zum Ausbau von Schulbibliotheken. Im Moment sind sie in den allermeisten Fällen auf die Unterstützung durch Elternfördervereine angewiesen.

Bücher zu einem Schwerpunkt-Thema, so die Idee der immer wieder neu gestalteten Wand in Vaihingen. Foto: Lichtgut

So ist es auch in Stuttgart-Vaihingen. Die Schulbibliothek, in einem Seitentrakt der Realschule, ist ein Raum, den es ohne das ehrenamtliche Engagement der Eltern – hauptsächlich Müttern – nicht in dieser Form geben würde. Jeden Wochentag sitzt hier eine andere an der Ausleihe, sie tragen ausgeliehene Bücher in Listen ein, haben die Aufsicht während der Öffnungszeit, sorgen für den Ankauf neuer Bücher, zeichnen sie aus – und geben dem Ganzen eine Seele.

Auch an der Ameisenbergschule halten Eltern die Bibliothek am Laufen

Am anderen Ende der Stadt, in der Ameisenberg-Grundschule im Osten, ist es gerade ziemlich trubelig. Mittwoch ist Öffnungstag für die Bibliothek, die hier den Namen „Planet der Bücher“ trägt. Im wöchentlichen Wechsel von acht bis elf oder zwölf Uhr ist dann geöffnet, erklärt Michael Jobst. Auch an der Ameisenbergschule sind es die Eltern, die den Laden am Laufen halten. Die Nutzer sind Grundschüler, oft Leseanfänger. Mit Blick auf die dringend verbesserungswürdige Lesekompetenz sagt Jobst: „Wir machen sie.“ Im Herbst 2022 hat der Softwareentwickler die Organisation des „Planet der Bücher“ übernommen. Seitdem kann man den Bestand der Bibliothek mit den 2257 Büchern online einsehen und sieht, ob ein Buch ausgeliehen ist. Oder kann gezielt etwa nach Krokodilbüchern suchen. Mit I-Pad und Scanner sitzt das Team am Ausleihtisch.

Hell und einladend ist der Raum. Auch hier stehen in den Regalen echte Bücher zum Anfassen mit Seiten zum Umblättern. Der Renner sind hier alle Folgen von „Gregs Tagebuch“, einem Comicroman. „Serien laufen bei uns gut“, sagt Jobst. Aber man solle hier auch neue Themen für sich entdecken können. „Gibt es was über Vulkane?“, fragt ein Schüler und hängt dann sofort mit zwei anderen über dem Buch.

Michael Jobst und ein Team von 19 Engagierten halten die Bücherei in der Grundschule am Laufen. Foto: StZN/Lorenz

19 Personen stark ist die Gruppe der Eltern, die sich engagieren und im Wechsel ihre Mittwochvormittage hier verbringen. Auch sie sind auf die finanzielle Unterstützung durch den Förderverein der Schule angewiesen – und auf Spenden. An diesem Tag kommen die Klassen mit ihrer Lehrkraft. Ein Junge braucht Beratung. Er kocht gern und sucht ein Kochbuch. Zufrieden blättert er in dem, das er im Regal gefunden hat. Ein Mädchen sitzt auf der Bank, ganz fest hält sie das Buch über den Eisbären, der keine kalten Füße bekommt. Sie will natürlich selbst darin lesen. Aber die Perspektive, dass ihre Schwester ihr aus dem Buch „im Bett vorlesen wird“, gefällt ihr sichtlich auch sehr.

Kathrin Puscher ist mit ihrer ersten Klasse gerade angekommen. In Windeseile ist die Lese-Insel mit den Lesesäcken von den Jungs erobert. Puschers Hoffnung ist, dass die Bücher die Kinder auch außerhalb der Schule begleiten. „Das ist eine Chance“, sagt sie. Ermöglicht durch eine Schulbibliothek wie die an der Ameisenbergschule.

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