Bereits gegen 15.15 Uhr platzt Benjamin Jutrzinski der Kragen. Er hebt kurz die Hand, ruft einen Gruß in die Menge und zieht sich dann samt seiner Entourage ins Gebäude zurück. Der Grund für den Eklat: Eben hat Ursel Beck von der Mieterinitiative Stuttgart der Wohnungsbaugenossenschaft Flüwo eine finanzielle Schieflage unterstellt, und das will sich das Vorstandsmitglied keinesfalls nachsagen lassen. Später wird der Unternehmenssprecher Andreas Hahn eine E-Mail hinterherschicken, in der diese und andere „nachweisliche Falschaussagen“ mit Nachdruck dementiert werden. Vielmehr seien die Finanzen der Flüwo „durchweg sehr solide“.
Nach Mieterhöhungen eine Mieterinitiative gegründet
Etwa 25 Minuten vor diesem Knall war Benjamin Jutrzinski sichtlich unerfreut aus dem Flüwo-Hauptsitz in Degerloch gekommen. Die Mieterinitiative hatte sich angekündigt, um Unterschriften von Flüwo-Mietern zu übergeben. 1216 Signaturen, allesamt beglaubigt, hat der Kopf der Initiative, Gabi Conrad aus dem Esslinger Stadtteil Pliensauvorstadt, gesammelt. Im April hatte sich die Mieterinitiative gegründet. Vorausgegangen waren Mieterhöhungen durch die Flüwo. In den Augen vieler Betroffener sind diese mitunter unverhältnismäßig hoch ausgefallen. „Wir protestieren gegen die Mieterhöhungen, bei denen die Flüwo alle rechtlichen Möglichkeiten des Mietspiegels zuungunsten von Genossenschaftsmitgliedern ausnützt“, heißt es seitens der Gruppierung, man erwarte stattdessen eine Rückkehr zu einer sozialen Mieterpolitik. „Die Flüwo gehört uns Genossenschaftsmitgliedern und nicht dem Vorstand oder dem Aufsichtsrat“, so die Kampfansage.
Bei der Flüwo fühlt man sich indes zu Unrecht an den Pranger gestellt. Am Montagmorgen, kurz vor der Übergabe der Unterschriften, verschickt das Degerlocher Unternehmen eine umfangreiche Pressemappe, „um eine ausgewogene Berichterstattung zu unterstützen“. Bei Wohnungsbaugenossenschaften stehe die Förderung der Mitglieder durch den gemeinsamen Geschäftsbetrieb im Vordergrund, nicht die Erzielung von Gewinnen. Erwirtschaftete Überschüsse verblieben in der Genossenschaft und würden in Neubauprojekte sowie die Instandhaltung und Modernisierung des Wohnungsbestandes investiert. Stark gestiegene Kosten auf der Beschaffungsseite, Lohntarifsteigerungen und das höhere Zinsniveau machten Investitionen jedoch zunehmend teurer. Aus diesem Grund seien Mieterhöhungen unvermeidbar. Die Anpassung erfolge jedoch stets in Übereinstimmung mit den gesetzlichen Vorgaben und orientiere sich an der ortsüblichen Vergleichsmiete, das sei fair und transparent.
Die Fronten sind verhärtet, das ist schnell klar
„Selbstverständlich werden wir die Unterschriften entgegennehmen. Es ist uns ernst, wenn wir von genossenschaftlichen und demokratischen Strukturen reden“, hatte Andreas Hahn am Morgen angekündigt, und so tritt Benjamin Jutrzinski samt anderer Personen aus der Geschäftsleitung und dem Sozialmanagement am Nachmittag den Gang zum protestierenden Dutzend an, das sich vor der Flüwo-Zentrale versammelt hat. Das Gespräch will er indes nicht suchen. Die Argumente seien ausgetauscht.
Dass die Fronten verhärtet sind, wird schnell klar. 1216 Unterschriften entsprechen für Benjamin Jutrzinski „definitiv“ einer „Nichtmehrheit“. Mieteinnahmen seien die einzige relevante Einnahmequelle der Flüwo, Erhöhungen seien „alternativlos“, auch in Zukunft. Laut Flüwo lag die durchschnittliche Bestandsmiete 2023 bei 8,21 Euro pro Quadratmeter. 2022 hatte sie laut Geschäftsbericht noch bei 8,04 Euro gelegen. Zum Vergleich: Die Durchschnittsmiete der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft SWSG lag 2022 bei 7,89 Euro pro Quadratmeter.
Gabi Conrad berichtet indes von einer „Flut von Hinweisen über desaströse Zustände im Wohnungsbestand einzelner Quartiere“. Für Erhöhungen um bis zu 15 Prozent der Kaltmieten gebe es keine Rechtfertigung. Mehrfach fällt an diesem Nachmittag das Wort Profit. Zudem wird von weiteren Flüwo-Mieterinitiativen in Baden-Württemberg berichtet.
Und nun? Benjamin Jutrzinski betont, die hiesige Mieterinitiative habe noch keine konstruktiven Vorschläge gemacht, Gabi Conrad betont ihrerseits, „wir werden nicht lockerlassen“. Sie gehe davon aus, dass Anfang des kommenden Jahres die nächsten Mieterhöhungen rausgehen werden. Das nächste Treffen der Mieterinitiative ist für den 21. Oktober anberaumt.
Die Wohnungsbaugenossenschaft
Standort
Die Flüwo Bauen Wohnen eG sitzt in Degerloch und wurde 1948 als Gemeinnützige Flüchtlings-Wohnungsbaugenossenschaft Stuttgart gegründet. Mit nahezu 12 500 Mitgliedern ist sie die nach eigenen Angaben größte Wohnungsbaugenossenschaft in Süddeutschland. Die Rede ist von mehr als 10 500 Wohnungen an 33 Standorten in Baden-Württemberg und Sachsen.
Wohnungen
2023 hat die Flüwo nach eigenen Angaben 266 Neubauwohnungen erstellt und 1086 Wohnungen neu vermietet. Der Geschäftsbericht 2023 weist eine Bilanzsumme von 758 Millionen Euro aus. Die Umsatzerlöse lagen demnach bei 93,6 Millionen Euro, der Jahresüberschuss bei 2,9 Millionen Euro. 23,2 Millionen Euro seien 2023 in die Modernisierung und Instandhaltung investiert worden.