Wohnen in Baden-Württemberg So lebt es sich in Deutschlands Einfamilienhaus des Jahres

Das „Haus des Jahres“ steht in einem Hinterhof in Karlsruhe. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Aufregend unaufgeregt sieht das „Haus des Jahres“ aus. Wie raffiniert der Umbau einer ehemaligen Destillerie zum Einfamilienhaus gelungen ist, zeigt ein Besuch in Karlsruhe.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Gar nicht so leicht, das beste Einfamilienhaus Deutschlands, der Schweiz, Österreichs, Italiens und der Niederlande zu finden. An der Straße stehen Mehrfamilienhäuser aus der Gründerzeit, ein Tor zwischen zwei Gebäuden führt in einen von einer Mauer umgrenzten Hinterhof. Kinderlachen der benachbarten Kita schallt fröhlich herüber. Zwei Schuppen stehen dort. Und noch weiter dahinter links dann das Haus des Jahres: ein alter Ziegelbau.

 

Ziemlich unspektakulär auf den ersten Blick. Ursprünglich war es eine kleine Halle, dann wurde dort Schnaps gebrannt und mit dem Pferdewagen abtransportiert, nach dem Zweiten Weltkrieg zog eine private Autowerkstatt ein, jetzt wohnt eine dreiköpfige Familie dort.

Vorbildliches Beispiel für Nachverdichtung

Gewählt wurde das Projekt von einer gestalterisch bewanderten Jury, darunter der im Jahr 2024 bei einem Kletterunfall tödlich verunglückte Stuttgarter Architekt Guobin Shen, dessen Büro Atelier Kaiser Shen den Wettbewerb im Jahr zuvor für sich entschieden hatte. Die Auszeichnung bekommen hatten sie für einen Neubau auf dem Land, bei dem sie ökologische Baumaterialien wie Stroh und Holz verwendet hatten.

Nun also ein Umbau im Hinterhof mitten in Karlsruhe – als vorbildliches Beispiel für Nachverdichtung in der Stadt. Ein Umbau spart klimaschädigendes CO2, und es muss keine grüne Wiese in der Vorstadt oder auf dem Land für den Traum eines Einfamilienhauses versiegelt werden. Der Architekt Boris Milla ist schon da, erklärt dem Besuch, was es mit dem Umbau auf sich hat.

Schnapsfässer rollen keine mehr durch den Hof

In dem Unterstand im Hof, der mit Dachpfannen-Resten von Ziegeleien aus dem Badischen, der Südpfalz und dem Elsass bedeckt ist, parken Fahrräder (auch der Bewohner des Vorderhauses). Also an der Stelle, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts Pferde darauf warteten, vor den Schnapskarren gespannt zu werden. Schnapsfässer des Großvaters rollt längst keiner mehr durch den Hof. Dafür wohnt in der ehemaligen Destillerie jetzt der Enkel mit seiner Familie.

Für etwas mehr Privatsphäre in der großstädtischen Hinterhofoase wurde ein weiterer Schuppen erstellt, damit die Bewohner noch einen eigenen geschützten kleinen Innenhof im großen Hinterhof bekommen.

Bauen mit gebrauchten Materialien

Diesen Schuppen für Fahrräder und Geräte sowie mit Klingel und Briefkasten fürs Haus haben Studierende, Büromitglieder, Freunde und engagierte Helferinnen und Helfer als Gemeinschaftswerk gebaut: im Sinne des Kreislaufzyklus mit Abbruchsteinen verschiedener Materialien und mit einer Stampflehmwand aus Lehm einer Baugrube in der Nähe von Karlsruhe sowie mit Mörtel aus Muschelkalk.

„Für Stampflehmwände gab es noch keine DIN-Normierung“, sagt Boris Milla, der ein Architekturbüro in Karlsruhe leitet und als Professor für Baukonstruktion I und Entwerfen an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität in Kaiserslautern lehrt. „Daher haben wir noch eine vorgefertigte Holzkonstruktion verwendet – mit CNC-gefrästen Zapfen und Aussparungen, daher sind zusätzliche Verbindungsmittel nicht gebraucht worden.“ Die Holzkonstruktion trägt das Dach aus Aluminiumwellblech.

Der Architekt Boris Milla hat ausgiebig den Bestand untersucht, um den Umbau des Hauses so subtil wie möglich zu gestalten. Foto: Milla Architekten

Jetzt aber hinein ins Ziegelgebäude, der Bauherr (der nicht namentlich genannt werden mag, aber sein Haus gern zeigt) öffnet lächelnd die Tür und schon steht man im offenen Küchen-, Ess- und Wohnbereich. Der Fußboden ist ein Anhydrit-Sichtestrich, der mit Pigmenten eingefärbt wurde, sodass er besser zum Sandstein und den Ziegelsteinen passt.

Die schönen alte Ziegeln und Steine sind im Inneren sichtbar und bilden aparte Kontraste zu der schwarzen Küchenzeile mit stilsicher ausgewählten schwarzen Gerätschaften und Accessoires und dem langen Holz-Esstisch und den eigens angefertigten Messingleuchten der Firma Nyta, die ihr Büro gleich schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite hat.

Villa mit Pool und viel Garten soll es nicht sein

Rundherum wohl fühle er sich in seinem Haus, sagt der Bauherr. Er sei selbst in einem großen Haus aufgewachsen, das Wohnkonzept aber, Villa mit Pool und viel Garten, interessiere ihn nicht. Sondern mitten im Stadtleben sein Zuhause zu finden, zu Fuß zur Arbeit gehen zu können. Dazu gehörte, sich mit weniger Abstellfläche zu begnügen. „Wir haben 90 Kilogramm Bücher verschenkt“, sagt der Bauherr. Ein Kochbuchturm und ein Bücherregal mit ausgesuchten literarischen Werken durften bleiben.

Vor dem Umbau fand der Architekt nur noch die gemauerten Außenwände und maroden Holzkonstruktionen im Innern vor. Der Entwurf von Milla Architekten sah ein dreigeschossiges Haus mit 127 Quadratmetern Wohnfläche vor. Um nicht nur das Erdgeschoss bewohnbar zu machen, wurde das Gemäuer durch einen Betonkern und Stahlträger verstärkt.

Fünf Jahre Bauzeit

„Wir haben Kaminschächte entfernt, darauf geachtet, dass kein Zementmörtel verwendet wurde – denn der macht die Sandsteine kaputt“, sagt Boris Milla. „Wir haben umfangreiche Bestandsanalysen angestellt, untersucht, wie das Haus bauphysikalisch funktioniert und ertüchtigt werden muss.“ Mit Vorarbeiten und auch, weil im Hof kein Kran Platz fand, dauerte die Bauzeit rund fünf Jahre.

Beim Gang durch das Untergeschoss mit Platz für Wein, Wäsche und Vorräte sieht man, wie ernst Bauherr und Architekt es mit der Ansage der Materialehrlichkeit meinen – alles ist unverputzt, wo Beton auf alte Steine trifft, ist jederzeit sichtbar. Eine raue Schönheit.

Ein Glasband sorgt für Helligkeit im Haus

Mit Mut zur Farbe zuweilen, in kräftigem Blau gehalten etwa ist eines der Badezimmer im ersten Stock, die besondere eingefärbte Beschichtung sorgt dafür, dass der Beton wasserfest ist.

Eine schmale Betontreppe – mit französischen Glasbausteinen zwischen den Ziegeln an der Wand– führt hinauf. Eltern- und Kinderzimmer sind in dem Geschoss untergebracht. Ein langes Glasband im Betondach bringt Helligkeit in die Räume. Bodentiefe Fenster ermöglichen Blicke ins Erdgeschoss, für Privatsphäre sorgen Vorhänge.

Detailfoto aus dem Eingangsbereich – alte Ziegel, neue Glastür, passgenauer Kücheneinbau vom Schreiner. Foto: Sebastian Schels

Die Einbauten und die zurückhaltende Farbwahl vermitteln ein behagliches Rückzugsgefühl, die Rundbogen-Fenster sparen Material, „Stahl einzubauen, ist nicht nötig“, sagt Boris Milla. Die Kombination aus alten Ziegeln und sparsam kühn eingesetzten neuen Materialien wirkt gestalterisch gelungen.

Lässig zeitgemäße Wohnatmosphäre

Wo manche Bauherrschaften verkrampft versuchen, mit Barock-Türen aus dem historischen Baustofflager ihrem etwas seelenlosen Neubau Charakter zu verleihen, werden hier die Materialien von einst einfach nur freigelegt und, wo substanziell nötig, mit heutigen Elementen kombiniert. So entsteht in einem lange ungenutzten, historischen Gemäuer eine lässig zeitgemäße Wohnatmosphäre. Die etwas längere Suche nach diesem erstaunlichen Haus des Jahres hat sich gelohnt.

Zwei der 50 besten Häuser des Jahres 2024 sind übrigens in Stuttgart zu finden. Sie wurden beide schon in unserer Zeitung vorgestellt: ein Doppelhaus der VON M Architekten im Stuttgarter Süden – hier finden Sie den Online-Link – und ein schmales Einfamilienhaus in Stuttgart-Sillenbuch – hier ist der Online-Link – entworfen von Finckh Architekten.

Bilder aus der Bauzeit und vom Haus in Karlsruhe finden sich in der Bildergalerie.

Info

Häuser des Jahres 2024
Jährlich wählt eine Jury 50 der gelungensten Einfamilienhäuser, im Callwey Verlag erscheint dann stets das Buch zur Auszeichnung mit Bildern, Texten und Informationen zu ausgewählten Baumaterialien.

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